Am Ende konnte Norbert Denef nicht mehr schwimmen. Das war das Schlimmste, weil er sonst jeden Tag in der Ostsee geschwommen ist, sogar im November. Jetzt konnte er nicht mal mehr richtig zum Strand laufen, weil das linke Bein wie gelähmt war. Und einmal ist er einfach umgekippt. Das war am letzten Tag seines 46-tägigen Hungerstreiks, mit dem Denef gegen die straf- und zivilrechtlichen Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch demonstrierte. »Vielleicht gehe ich bald am Stock wie Gandhi«, sagte er lächelnd nach dem Ende seines Streiks, aber es war kein Witz. Denn man weiß ja nicht nur, dass der hungerstreikende Gandhi in Indien das Ende der britischen Kolonialherrschaft mit herbeiführte, sondern auch, dass dessen erfolgreiches »Fasten bis zum Tode« (oder beinahe zum Tode) ihm körperliche Langzeitschäden zufügte.

Was ist ein Hungerstreik: gewaltloser Widerstand oder Gewalt gegen sich selbst? Politische Demonstration oder Erpressung der Politik? Ziviler oder selbstzerstörerischer Ungehorsam? Gandhi nannte es »eine andere Art Anarchie«, und ganz gewiss ist es auch heute eine Zumutung für eine Gesellschaft. Aber Deutschland hatte die offenbar nötig. Denef, 63, ist der Sprecher des größten Netzwerkes Betroffener von sexualisierter Gewalt, er ist selbst Missbrauchsopfer und findet es unerträglich, wenn Täter nicht mehr belangt werden können. Er findet auch, dass die Politiker sich nicht genug darum bemüht haben, dieses Problem zu lösen – sei es durch eine Abschaffung der Verjährungsfristen oder durch die Nennung irgendeines, auch den Opfern einleuchtenden Grundes für ihre Beibehaltung.

Vor allem die Sprachlosigkeit, die Unbeholfenheit der anderen empört Denef. Noch nie hat er in seiner politischen Sache so viel Wegducken, Wegschauen, Antwortverweigern und Schweigen erlebt wie während des Hungerstreiks. Als er am 36. Tag in Berlin auf dem Rasen vorm Reichstag saß – und alle Parteien, namentlich die SPD, die sich mit ihm solidarisch erklärt hatte, wussten von dem Besuch –, kam kein einziger Politiker heraus, um mit Denef zu sprechen. Es war eine gähnende Leere um ihn. Er war wie unberührbar.

Ehrlich gesagt: Man mochte ja auch als Journalist kaum anrufen in letzter Zeit, um zu fragen, wie es ihm gehe – so nach zwanzig, dreißig, vierzig und fast fünfzig Tagen Hunger. Man hoffte wirklich, er würde endlich aufhören. Warum hofft man so etwas? Weil das Leid, das wir nicht verhindern, unser aller Schmach ist. Weil das Unrecht, das wir als Gesellschaft nicht ahnden, uns beschämen muss. Deshalb fürchten und bewundern wir die Mutigen, die das Leid sichtbar machen. So war das schon bei den klassischen Selbsthelferfiguren der Literatur: bei der Tyrannenmörderin Judith, die den Holofernes enthauptete. Bei Wilhelm Tell und Michael Kohlhaas, die ihr erlittenes Unrecht selbst rächten. Und so ist das bis heute auch in der Wirklichkeit, wenn geltendes Recht und erhoffte Gerechtigkeit auseinanderklaffen. Dass es die Kluft überhaupt gibt, ist bitter genug. Dass wir sie nicht sehen und nicht darüber reden wollen, ist unaushaltbar. Jetzt sehen wir sie wieder. Deshalb müssen wir Denef, dem Hungerstreiker und Anarchisten, dankbar sein, dass er uns beschämt hat.