ZEITmagazin: Frau Marcks, in einem Interview haben Sie mal erzählt, dass Sie als Kind in Ihrem Tagebuch notiert haben: »Habe ich eine Wut, dass ich ein Mädchen bin.« Warum wollten Sie kein Mädchen sein?

Marie Marcks: Ich hatte Karl May entdeckt, Winnetou und Old Shatterhand waren wunderbar und fabelhaft, Helden, die man anbeten konnte. Winnetous Schwester Nscho-Tschi hingegen durfte auf der Wiese Blumen pflücken und wurde von den Komantschen entführt. Mädchen zählten in meiner Kindheit einfach nicht. So haben wir uns in die Welt der Männer gedichtet, wollten ihnen nacheifern, ebenso mutig sein. Hätten meine Eltern in dasselbe Horn getutet: »Halt den Mund, du bist ein Mädchen«, dann wäre dieser Drang abgewürgt worden. Dankenswerterweise hatte ich Eltern, die Sinn für mich und viel Humor hatten. Meine Mutter war ja ebenfalls sehr emanzipiert und hatte eine eigene Kunstschule.

ZEITmagazin: Und dann wurden Sie mit 21 schwanger.

Marcks: Meine Mutter ging mit mir zum Standesamt , damit ich heirate. Der Kindsvater war gar nicht abgeneigt, aber ich wollte nicht, weil ich dachte, wenn ich ihn heirate, dann habe ich im Handumdrehen nicht nur ein Kind, sondern mehrere. Also blieb ich immer einen Schritt hinter meiner Mutter zurück, und plötzlich blieb sie stehen und fragte mich: »Wollen wir ausrücken?« Gesagt, getan.

ZEITmagazin: Sie hat Sie also gerettet! Und jetzt haben Sie fünf Kinder von drei Männern.

Marcks: Für mich spielte die Liebe eine große Rolle. Ich war auch gar nicht unglücklich, wenn ich von dem geliebten Mann ein Kind bekam. Damals gab es noch keine Pille, und abtreiben wollte ich nicht. Ich wage zu behaupten, dass die wenigsten Frauen es sich leicht machen mit einer Abtreibung, das gibt es natürlich, aber problemlos ist das sehr selten.

ZEITmagazin: Aber mit fünf Kindern auch nicht.

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Marcks: Ich kenne wirklich keine Frau, die Beruf und Kinder unter einen Hut bringen kann und dabei kein schlechtes Gewissen hätte. Es waren schwierige Jahre. Ich habe immer befürchtet, es gehe ihnen vielleicht etwas ab, wenn ich nicht jeden Tag zu Hause bin. Eigentlich bin ich ein Weichei und habe meinen Kindern viel zu viel durchgehen lassen.

ZEITmagazin: In einer Dokumentation über Sie wird von der Gute-Mutti-Suppe erzählt.

Marcks: Ja, da hat mein Sohn mal behauptet, ich hätte ein paar Knochen in die Suppe geschmissen und dann Gemüse hinterher, und das war dann die Gute-Mutti-Suppe. Das hat mich ein bisschen gekränkt. So lieblos war das nie. Wissen Sie, ich hätte eine Professur in Kassel haben können, aber wenn der Vater schon weg ist, kann nicht auch noch die Mutter gehen. Also bin ich zu Hause geblieben.