Katholische Kirche : Der Fluch des Vatikans

Das päpstliche Rom ist auf Geheimnisse gebaut. Doch jetzt muss es sich öffnen, sonst hat es keine Zukunft.

Der Mann, der den Papst retten oder auch stürzen könnte, will uns an diesem Nachmittag ein paar Geheimnisse verraten. Die Geheimnisse sind überlebenswichtig. Die Geheimnisse sind gefährlich. Je nachdem, wozu man sie benutzt. Es ist ein gleißender Julinachmittag im Heiligen Bezirk von Rom, und unser Gesprächspartner, der Prälat, thront wie eine schwarze Eminenz aus der Borgia-Zeit in seiner gruftartigen Wohnung. Das Halbdunkel, die Samtpolster, der Geruch der Folianten. Zuerst bittet er uns, seinen Namen gleich wieder zu vergessen. Dann erklärt er mit halb geschlossenen Augen und im müden Ton eines Mafiapaten, der alles weiß, aber von keinem verstanden wird, dass die Vatikankrise einen ganz offensichtlichen Grund habe: »Das Problem sind die Vatikanfinanzen. Ich bete jeden Tag um eine Gelegenheit, dem Papst das zu erklären.«

Leider spricht der Papst seit Wochen nur noch mit den allervertrautesten Kardinälen. Um ihm etwas mitzuteilen, muss man den Postweg benutzen, aber die Post öffnet der Heilige Vater natürlich nicht selbst. Manche im Vatikan finden, der letzte sichere Weg der Nachrichtenübermittlung an ihren obersten Chef seien die Zeitungen. Die muss er lesen. Deshalb sitzen wir hier, der Prälat hofft, dass die Journalisten dem Papst seine Wahrheit mitteilen. Dessen einziger offizieller Kommentar zu VatiLeaks bisher war eine Beschimpfung der teuflischen Presse und der angeblich von ihnen angestifteten Geheimnisverräter in den eigenen Reihen. Er wollte sagen, dass die Feinde von draußen kommen. Es ist die Paranoia aller geschlossenen Systeme: Man steckt in einer inneren Krise und fühlt sich bedroht von außen. Die Paranoia kann dem Vatikan noch zum Verhängnis werden, denn sie lässt ihn in Angst vor der Moderne erstarren und beflügelt die Raben.

In Italien heißen die Geheimnisverräter, die den Journalisten Papiere aus dem Vatikan zuspielen, corvi. Die Schwarzgefiederten. Die Unheilsvögel. Unser Mann sieht wirklich aus, wie man sich einen Raben vorstellt, nur dass er dem Papst durch Indiskretion helfen will. »Benedikt ist ein Bibelgelehrter, der das Problem mit dem Geld nicht versteht, und sein Kardinalstaatssekretär Bertone kann es ihm auch nicht erklären, weil er die Bilanzen nicht richtig studiert.« Fünf Stunden wird uns Benedikts heimlicher Helfer über Spendengelder und wohltätige Stiftungen, über Euro und Lira, prekären Landbesitz und falsch bewertete Kirchenschätze aufklären. Manches passt zusammen, anderes nicht. Während der Prälat bei zugezogenen Vorhängen in Vatikanbilanzen raschelt, könnte man auf den Gedanken kommen, wie viel einfacher alles wäre, wenn sie in Rom jetzt mal die Vorhänge aufmachten. Eine kleine Pressekonferenz mit dem Heiligen Vater. Eine Erklärung der ermittelnden Kardinäle. Ein bisschen mehr Licht.

Wer kämpft hier gegen wen? Wo verlaufen die Grenzen zwischen den verfeindeten Parteien? Zwischen Modernisierern und Traditionalisten? Kann dieser Streit den Vatikan ruinieren? Könnte dieser 265. Papst der letzte sein?

Erstmal Schotten dicht. An allen Toren zur Vatikanstadt wachen strenger denn je die Schweizer Garden über die verschärfte Zugangssperre für Journalisten. Die Glocken des Petersdoms verkünden die Zeit, die im Kreis läuft. Es ist die Stunde der Denunzianten, da die Geheimnisse hoch gehandelt werden. Fernsehsender sollen allein für den Kontakt zu dem geschassten Vatikanbank-Chef Ettore Gotti Tedeschi 5000 Euro geboten haben. Die mächtigen Kurienkardinäle dagegen haben Redeverbot, jeder fürchtet, etwas Falsches zu sagen. Wenn unter vier Augen die Prälaten, Monsignores, Präfekten aber doch reden, reden sie endlos – denn es geht ums Ganze: erstens um die obskuren Geschäfte des Vatikanstaates und ob sie seine Glaubwürdigkeit ruinieren, zweitens um die undurchsichtige Arbeitsweise der Kurie und um die Frage, ob sie noch in die Welt passt.

Anfang dieser Woche hat der Papst den Ermittlungsbericht zu VatiLeaks auf seinen Tisch bekommen. Details aber erfährt weder die Öffentlichkeit noch das vatikanische Fußvolk. Interviews mit den greisen Ermittlern Julián Kardinal Herranz, Jozef Kardinal Tomko und Salvatore Kardinal De Giorgi gibt es keine.

Das Tatmotiv des untreuen Kammerdieners: Er wollte dem Papst angeblich helfen

Unter dem Pontifikat Benedikt XVI. geschehen unerhörte Dinge. Kurz nachdem der Ermittlungsbericht fertig ist, wird der bisherige Hauptverdächtige, der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele, der die geheimen Papiere nach draußen geschmuggelt haben soll, aus der Haft entlassen. Man muss sich vorstellen, wie er erst aus seiner Zelle und dann aus dem gelben Gerichtspalast im äußeren Sicherheitskreis der Vatikanstadt tritt. Die Freilassung ist eine Überraschung, erst recht aber das entlastende Tatmotiv: Paolo Gabriele wollte durch seinen Dokumentendiebstahl dem Papst helfen. Das sagt sein Anwalt, und deshalb gewährt ihm der Vatikanstaat die »provisorische Freiheit«. Außerdem habe er einen Brief an Benedikt geschrieben, in dem er um Vergebung bittet. Im Haus der Sala Stampa della Santa Sede, im Presseamt des Heiligen Stuhls, das zu Fuß nur fünf Minuten von Gabrieles Zelle entfernt liegt, können sie jetzt einen unschuldigen Verbrecher präsentieren: der gute Dieb, der treue Verräter, der weiße Rabe.

Dem neuesten Gerücht zufolge haben eine ehrgeizige Haushälterin des Papstes und ein eifersüchtiger Sekretär beim Dokumentenschmuggel mitgemacht. Und auch sie wollten dem Papst nach eigener Aussage nur helfen. Wer solche Helfer hat, braucht keinen Teufel mehr. Der Pressesprecher des Vatikans Pater Federico Lombardi hat das Gerücht allerdings schon heftig dementiert. Ganz verstehen wird man die ganze Geschichte wohl erst, wenn der Vatikan nicht mehr der alte ist, wenn er sich öffnet. Bis dahin hat Lombardi den undankbarsten Job der Welt: zu erklären, was nicht erklärt werden darf. Die heilige Wahrheit verkünden und die eigene Wahrheit verschweigen.

Das Schweigen ist Schwerstarbeit, auch für den Papst. Während der heißen Sommertage, als die Ermittlungen in Rom noch laufen, brennt bis spät in die Nacht Licht in seinem Arbeitszimmer im Apostolischen Palast. Man sieht es vom Petersplatz aus, drittes Fenster von rechts. Das Licht beweist, dass es den unnahbaren Pontifex wirklich gibt. Den abwesenden Vater, papa absconditus. Nur manchmal, zur festgelegten Stunde des Tages, schaut er aus dem Fenster zur Piazza San Pietro, zu den Touristen hinunter, um sein Angelusgebet zu sprechen. Und einmal, am Feiertag der Apostel Petrus und Paulus, erscheint er im Petersdom und predigt unterm goldenen Gewölbe über das Drama des Papsttums. Einerseits »das Licht und die Kraft aus der Höhe«, andererseits »die Schwäche der Menschen«. Der Fundamentaltheologe macht das sehr schön mit den biblischen Anspielungen auf die Krise. Vor allem preist er den Fels Petri als unerschütterliches Fundament der Kirche. Er spricht von der befestigten Stadt, der eisernen Säule, der ehernen Mauer, der Schlüsselgewalt – und nur einmal wie versehentlich von der Liebe Gottes.

Da spürt man hinter der Durchhaltepredigt die Angst. Es ist die Angst vor Angriffen, gegen die das Verschließen der Tore nicht hilft. Tatsächlich werden bald neue Geheimpapiere ans Licht kommen. Denn im September erscheint die deutsche Ausgabe jenes Buches, das den Skandal ausgelöst hat, die Aktensammlung des Journalisten Gianluigi Nuzzi mit dem Titel Seine Heiligkeit – inklusive eines Extrakapitels unveröffentlichter Leaks zu Deutschland.

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Natürlich

werden weder der Vatikan noch die Kirche als solche untergehen. Die Intransparenz, die Wagenburgmentalität, die Vettern- und Freundeswirtschaft werden ebenfalls nicht verschwinden, denn sie sind der eigentliche Existenzgrund dieser Institution, die schon immer primär ein Machterhaltungsorgan war, welches den höheren Ständen auch noch Versorgungsposten für die nicht ganz so gelungenen Nachkommen bot. Alle anderen Religionen fahren natürlich genau auf der gleichen Schiene.
Aber jegliche Empörung, die möglicherweise jetzt im Zuge der Veröffentlichungen aufkommen mag, wird nichts an der eigentlichen Geschäftsgrundlage der Römisch-Katholischen Kirche und ihrer Schwesterorganisationen ändern. Das nämliche die tiefe Angst, die aus der Vergänglichkeit allen menschlichen Daseins resultiert (und der sich kaum ein Mensch ehrlicherweise entziehen kann) immer existieren wird.

Das ist "das Unsichtbare", welches der Kardinal meint. Er hat Recht.