Es war nicht die Geburt des Leipziger Größenwahns. Wohl aber seine bislang größte Stunde: Die Idee, Olympia auszurichten, ersonnen im Jahr 2000 von Lokalpolitikern aus Sachsen, war so großspurig, dass viele sie sofort liebten. Und sie wurde plötzlich vom Traum zum irgendwie Greifbaren, als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder am 12.April 2003 ein blaues Kärtchen in die Kameras hielt – mit der Aufschrift: Leipzig. Man war mit einem Mal die Bewerberstadt Deutschlands für das Sportfest der Welt im Jahr 2012. Vorgezogen solchen großen Namen wie Hamburg. Frankfurt. Stuttgart. Westen!

Es wurde dann nichts aus den Illusionen der Sachsen. Aber dass man den Traum hatte, war entscheidend: So sagen es alle, die ihn einst mitträumten. Die Olympiabewerbung war Sportsgeist Ost, ein Zeichen: Auch wir könnten das. Dabeisein ist alles? Dann mischen wir jetzt mit. Die Olympiabewerbung wird für lange Zeit bleiben: als Symbol von Mut und Übermut. Und als Botschaft an die Welt – seht her, was aus uns geworden ist! So viel zum immateriellen Nutzen.

Und materiell? Der Mitteldeutsche Rundfunk hat ausgerechnet, was aus den Olympiaträumen geworden ist: Manches baute man trotzdem. 20 Jahre der Entwicklung Leipzigs wollten Politiker einfach »vorziehen«. Mehrere Milliarden Euro hätten in die Stadt gesteckt werden sollen – kurzfristig. Das passierte, nach der Krönung Londons, natürlich nicht mehr. Aber 100 Millionen Euro, zu großen Teilen aus dem Olympia-Sofortprogramm des Bundes finanziert, wurden investiert: Für sieben Millionen Euro baute man in der Nähe des Zentralstadions eine große Leichtathletikhalle. Der Markkleeberger See bekam einen Kanupark, acht Millionen Euro an Fördergeldern flossen in das Projekt. 2012 bereiteten sich dort Olympioniken auf die Wettkämpfe vor – auf die Wettkämpfe in London.

Die Infrastruktur Leipzigs profitierte sowieso: Straßenbahntunnel, Wohnhaussanierungen, all das wurde dank der Bewerbung möglich. Selbst Rostock hatte Glück. An der Ostsee, wo dereinst die Segelwettbewerbe stattfinden sollten, baute ein Investor den Olympia-Yachthafen Hohe Düne Warnemünde.

Und etwas Gutes hatte selbst das Scheitern: Ein zweiter S-Bahn-Tunnel, vom Osten in den Westen der Stadt, blieb den Leipzigern erspart. Er wäre viermal so lang wie der »City-Tunnel« geworden. Und, so scherzt jetzt mancher hier, gewiss auch ein vierfach so großes Desaster.