Ex-MinisterDer Steher

Als er »Olympia 2012« nach Leipzig holen wollte, war Wolfgang Tiefensee ein Held. Dann fingen die Dinge an, ihm zu misslingen: Von einem, der tief gefallen ist – und dennoch an den Weg zurück nach oben glaubt.

Vier Sätze braucht Wolfgang Tiefensee, um sich selbst in eine Linie mit Joachim Gauck zu stellen. Und das, ohne den Bundespräsidenten überhaupt namentlich erwähnen zu müssen: »Ich war gerade in der Neuen Nikolaischule. Eine tolle Klasse, toll vorbereitet. Die wussten sogar, dass ich Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen bin. Und die wussten auch, wer da mein Vorgänger war.« Tiefensee schweigt. Der Name Gauck schwebt unausgesprochen im Raum.

Diese Szene gleich zu Beginn des Treffens mit Wolfgang Tiefensee verrät viel über den Mann, der einmal Leipzigs Oberbürgermeister und Deutschlands Verkehrsminister war. Der politisch einst die tollsten Dinge möglich machen konnte und dem später Entscheidendes nicht mehr gelingen wollte. Der als Hoffnungsträger der Sozialdemokratie in Sachsen und im gesamten Osten gefeiert wurde und für den am Ende alles eine Nummer zu groß schien, selbst sein Nachname: In der eigenen Partei, der SPD, degradierten sie ihn von Tiefensee zu Flachwasser, irgendwann nannten sie ihn nur noch Pfütze. Der politische Betrieb kann gnadenlos sein, besonders in Berlin und besonders gegenüber einstigen Hoffnungsträgern.

Anzeige

Tiefensee hat das ausgehalten. Er ist geblieben. Seit die Sozialdemokraten im Jahr 2009 aus der Regierung gewählt wurden, sitzt er als einfacher Abgeordneter im Bundestag, während seine ehemaligen SPD-Kabinettskollegen Steinmeier, Steinbrück und Gabriel die Kanzlerkandidatur unter sich ausmachen. Wie geht man damit um, von der Kategorie Spitzenpolitiker in die Rubrik »Was macht eigentlich...?« herabgestuft zu werden? Ein Weg ist offenbar, sich mit den Bedeutenden in Verbindung zu bringen. Zum Beispiel mit Joachim Gauck.

Es ist Freitag, der 13. Juli, als Wolfgang Tiefensee die Nikolaischule besucht hat, um dort über deutsche Vergangenheit, den Mauerfall und damit auch über sich zu sprechen, den DDR-Bürger und Regimegegner, dem Bildung und Kirche Anker und Antrieb zugleich waren – eben das Gaucksche in ihm. Zur gleichen Zeit sind im Rathaus, nur wenige Kilometer von der Nikolaischule entfernt, feierlich Leipzigs Olympioniken nach London verabschiedet worden. Die Sommerspiele 2012 – es hätten Tiefensees Sommerspiele werden können.

David gegen Goliath

Neun Jahre ist es her, dass Leipzig zur deutschen Bewerberstadt auserkoren wurde. Dank Tiefensee. Acht Jahre ist es her, dass Leipzig aus dem Rennen flog. Wegen Tiefensee, sagen die einen. Trotz Tiefensee, die anderen. Und er selbst? Er erzählt die biblische Geschichte von David und Goliath, vom Knaben, der den Riesen besiegt: »Das Spannende ist, wie David siegt. Man will ihm Rüstung und Schwert geben. Er aber besinnt sich auf seine Stärke, auf die Fertigkeit, die ihn von Goliath unterscheidet, und wählt eine Steinschleuder.«

Tiefensee war einmal David, ein Cello seine Steinschleuder. Am 13. April 2003 spielte er vor dem Nationalen Olympischen Komitee Dona nobis pacem, auf einer Leinwand im Hintergrund fiel die Mauer. Die Goliaths mit Namen Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf hatten keine Chance. »Heldentat«, »der Einzigartige«, »ein Politiker, der den Unterschied ausmacht« – in den Medien wurde Tiefensee zum personifizierten Superlativ. Er hatte BMW und Porsche nach Leipzig geholt, nun traute ihm Deutschland auch Olympia zu. Zumal das IOC zu jener Zeit noch Spiele wider die Gigantomanie propagierte. Doch das änderte sich schnell, statt Bescheidenheit galt nun für Olympia 2012 wieder höher, schneller, weiter. Damit verkehrten sich Leipzigs Stärken ins Gegenteil, in zu klein, zu eng, zu provinziell. Das IOC hatte die Spielregeln geändert, Steinschleudern waren nun verpönt, es musste mit Schwertern gekämpft werden.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mo.

  2. 2. na ja

    "Der politisch einst die tollsten Dinge möglich machen konnte ..."

    was soll das gewesen sein?
    für so eine aussage sollten dann auch mal ein paar "tollste" dinge aufgezählt werden.

    tiefensee ist in der versenkung verschwunden, weil er kein macher ist, sein profil ist glatt, es fehlt der gripp. und so ist er als blass gebliebener in der sonne wieder in den politschen keller geschickt worden.

    warum soll er wieder rauskommen?

    2 Leserempfehlungen
  3. 3. Naja.

    Ob die "Politstars" wegen ihres Andersseins gescheitert sind, wage ich mal zu bezweifeln. Guttenberg, der sich laut eigenen Worten an höheren moralischen Standards messen lassen wollte, musste festellten, dass er diesen nicht gerecht wurde. Rösler war so lange Star, wie er noch kaum bekannt war und man weder seine peinlichen Sprüche noch seine mangelnde Führungskompetenz erlebt hatte. Und Röttgen, der Zauderhafte, hat sich selbst ins Abseits gestellt. Natürlich hatte er auch das Pech, Merkel potentiell gefährlich werden zu können.

    Ich finde, wenn das unsere "Stars" sind, dann sagt das doch leider einiges aus über den Poltikbetrieb in Deutschland.

    Eine Leserempfehlung
  4. Zum einen ist Olympia nicht als Entwicklungsprogramm gedacht und damit waere man auch bei dem naechsten Problem. Die Staedte sind unterentwickelt und besitzen fuer Auslaender definiv Abschreckungscharakter.
    Das was gut gemeint scheint, ist auf den zweiten Blick ein finanzielles Desaster.
    Desweiteren sollte man Geld endlich sparen und aufhoeren zu versuchen es durch solche Verwicklungsprogramme reinzuholen.
    Die Olympiade waere lediglich in einer gut ausgebildeten toleranten Infrastruktur moeglich und man sollte aufhoeren die Konzentration auf den deutschen Sprachraum zu legen.

  5. Das IOC hätte arge Begründungsnöte gehabt die olympischen Spiele an eine deutsche Provinzhauptstadt zu geben, statt an Madrid, Paris, oder London. Bei dieser Mitbewerberlage machten sich einige Stadthäuptlinge Illusionen. Das war nicht nur zeitaufwendig, sondern auch teuer. Damit sind nicht nur die Kosten für die Bewerbung gemeint, sondern auch für die Ausrichtung darauf. Stuttgart z.B. kaufte für das olympische Dorf ein Güterbahnhofgelände für 40,5 Mio. €. Sanierungskosten von 65 Mio. €, die dazukommen, sorgten dafür, dass erst jetzt die Nutzung in konkrete Planung genommen wird.

    Als Verkehrsminister wäre Tiefensee als Ingenieur fachlich nicht ungeeignet was das technische Verständnis anbelangt. Er war jedoch völlig überfordert von den Börsengangambitionen von Bahnchef Mehdorn. Man hatte den Eindruck, dass Tiefensee während seiner Amtszeit nie begriffen hätte, dass Mehdorn gar nicht sein Chef sei.

    Eine Leserempfehlung
  6. ... vollauf passend zum Entwurf, wie ich mir die ZEIT wünsche.

    Ich entsinne noch gut den Enthusiasmus, der sich infolge der Olympiabewerbung Leipzigs auch bei mir einstellte. Die ZEIT ist das erste Medium, welches daran erinnert, daß die Olympischen Spiele 2012 Leipzigs Spiele hätten sein können.

    Ganz sicher: Es war Mut, aber keine Größenwahn, daß sich die ehemalige 4. Großstadt Deutschlands um Ausrichtung der Olympiade bewarb. Klar werden im Artikel die Ursachen des "nicht Gewinnens" der Bewerbung, u.a. nämlich der Strategieschwenk im IOC benannt. Früher gab´s Spiele auch in ähnlich großen oder kleineren Städten (Antwerpen, Helsinki); freilich war der Zug zu Gigantismus und Globalisierung noch nicht so weit vorausgefahren.

    Meine These:
    Dass das Nationale Olympische Komitee wie auch Innenminister Schily sich ganz hinter die Bewerbung Leipzigs stellten, hat Manchen ein wenig mit der Zumutung sonstiger "Abwicklung", v.a. d. die Treuhandpolitik, versöhnt.

    Gut gefällt mir die Beobachtung, daß Bildung und Authentizität Selbstbewußtsein geben, aber zu einem erfolgreichen Berliner Politiker nicht ausreichen.

    Philipp Rösler, der "Nahbare" - offene Flanken für das Rößler-Bashing, das wir a.a.O. gerade erleben. Herr Röttgen ist freilich wohl weniger an seiner Intellektualität gescheitert, sondern weil er sich nicht festlegen wollte.

    Und v. Guttenberg - Popstar ja, aber unter solch innerem Erfolgsdruck, dass er sich mit nicht selbst erarbeitenen Federn schmücken musste.

  7. dessen Unterschrift im Ernstfall nur "gesehen" aber nicht "zur Kenntnis genommen"oder "einverstanden" bedeutet.
    Solche Teflon-Hoffnungsträger für dem ParteiPolitZirkus haben wir doch genug, da muss man keinen reaktivieren.

    • PolyXB
    • 29.07.2012 um 15:09 Uhr

    ... dass Wolfgang Tiefensee, der nachwievor in Sachsen einen guten Ruf genießt, eine 2. Chance erhält. Sicher, seine erste Amtszeit als Bundesminister war holprig. Bei jemand, der den Berliner Politbetrieb nicht kannte und dort auch nicht gut vernetzt war, ist das auch kein Wunder. So wie ich W. Tiefensee einschätze, wird er diese Unzulänglichkeiten behoben haben. Erstens hatte er dafür die nötige Zeit. Zweitens hat er es schon in Leipzig gezeigt, dass fähig ist, etwas aufzubauen.

    Wer ihm die Kanzlerschaft einst zuschrieb, der sollte sich fragen, wie ernst er/sie das gemeint hat. Diese Erwartung konnte W. Tiefensee aus den genannten Gründen gar nicht erfüllen. Das war keine realistische Einschätzung.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    man sollte ja etwas aufbauen, aber auch zu ende führen !

    Als ich tiefensee bei einer "parteivorstellung der spd" in der leipziger city traf und fragte , wann denn der City tunnel fertig wird , bekam ich die antwort: kann ich jetzt nicht sagen!

    schön was ?

    und lieber forumteilnehmer: nach den wahnsinnige gestiegenen kosten getraute ich mich erst garnicht zu fragen!

    wobei die fehlenden kindergärten derzeit wichtiger sind!

    P.S.
    an die spd in leipzig: unter ihrer führung sind wir die ärmste und kriminellste stadt in Sachsen!

    man sollte ja etwas aufbauen, aber auch zu ende führen !

    Als ich tiefensee bei einer "parteivorstellung der spd" in der leipziger city traf und fragte , wann denn der City tunnel fertig wird , bekam ich die antwort: kann ich jetzt nicht sagen!

    schön was ?

    und lieber forumteilnehmer: nach den wahnsinnige gestiegenen kosten getraute ich mich erst garnicht zu fragen!

    wobei die fehlenden kindergärten derzeit wichtiger sind!

    P.S.
    an die spd in leipzig: unter ihrer führung sind wir die ärmste und kriminellste stadt in Sachsen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service