Vier Sätze braucht Wolfgang Tiefensee , um sich selbst in eine Linie mit Joachim Gauck zu stellen. Und das, ohne den Bundespräsidenten überhaupt namentlich erwähnen zu müssen: »Ich war gerade in der Neuen Nikolaischule. Eine tolle Klasse, toll vorbereitet. Die wussten sogar, dass ich Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen bin. Und die wussten auch, wer da mein Vorgänger war.« Tiefensee schweigt. Der Name Gauck schwebt unausgesprochen im Raum.

Diese Szene gleich zu Beginn des Treffens mit Wolfgang Tiefensee verrät viel über den Mann, der einmal Leipzigs Oberbürgermeister und Deutschlands Verkehrsminister war. Der politisch einst die tollsten Dinge möglich machen konnte und dem später Entscheidendes nicht mehr gelingen wollte. Der als Hoffnungsträger der Sozialdemokratie in Sachsen und im gesamten Osten gefeiert wurde und für den am Ende alles eine Nummer zu groß schien, selbst sein Nachname: In der eigenen Partei, der SPD , degradierten sie ihn von Tiefensee zu Flachwasser, irgendwann nannten sie ihn nur noch Pfütze. Der politische Betrieb kann gnadenlos sein, besonders in Berlin und besonders gegenüber einstigen Hoffnungsträgern.

Tiefensee hat das ausgehalten. Er ist geblieben. Seit die Sozialdemokraten im Jahr 2009 aus der Regierung gewählt wurden, sitzt er als einfacher Abgeordneter im Bundestag, während seine ehemaligen SPD-Kabinettskollegen Steinmeier, Steinbrück und Gabriel die Kanzlerkandidatur unter sich ausmachen. Wie geht man damit um, von der Kategorie Spitzenpolitiker in die Rubrik »Was macht eigentlich...?« herabgestuft zu werden? Ein Weg ist offenbar, sich mit den Bedeutenden in Verbindung zu bringen. Zum Beispiel mit Joachim Gauck.

Es ist Freitag, der 13. Juli, als Wolfgang Tiefensee die Nikolaischule besucht hat, um dort über deutsche Vergangenheit, den Mauerfall und damit auch über sich zu sprechen, den DDR-Bürger und Regimegegner, dem Bildung und Kirche Anker und Antrieb zugleich waren – eben das Gaucksche in ihm. Zur gleichen Zeit sind im Rathaus, nur wenige Kilometer von der Nikolaischule entfernt, feierlich Leipzigs Olympioniken nach London verabschiedet worden. Die Sommerspiele 2012 – es hätten Tiefensees Sommerspiele werden können.

David gegen Goliath

Neun Jahre ist es her, dass Leipzig zur deutschen Bewerberstadt auserkoren wurde. Dank Tiefensee. Acht Jahre ist es her, dass Leipzig aus dem Rennen flog. Wegen Tiefensee, sagen die einen. Trotz Tiefensee, die anderen. Und er selbst? Er erzählt die biblische Geschichte von David und Goliath, vom Knaben, der den Riesen besiegt: »Das Spannende ist, wie David siegt. Man will ihm Rüstung und Schwert geben. Er aber besinnt sich auf seine Stärke, auf die Fertigkeit, die ihn von Goliath unterscheidet, und wählt eine Steinschleuder.«

Tiefensee war einmal David, ein Cello seine Steinschleuder. Am 13. April 2003 spielte er vor dem Nationalen Olympischen Komitee Dona nobis pacem, auf einer Leinwand im Hintergrund fiel die Mauer. Die Goliaths mit Namen Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf hatten keine Chance. »Heldentat«, »der Einzigartige«, »ein Politiker, der den Unterschied ausmacht« – in den Medien wurde Tiefensee zum personifizierten Superlativ. Er hatte BMW und Porsche nach Leipzig geholt, nun traute ihm Deutschland auch Olympia zu. Zumal das IOC zu jener Zeit noch Spiele wider die Gigantomanie propagierte. Doch das änderte sich schnell, statt Bescheidenheit galt nun für Olympia 2012 wieder höher, schneller, weiter. Damit verkehrten sich Leipzigs Stärken ins Gegenteil, in zu klein, zu eng, zu provinziell. Das IOC hatte die Spielregeln geändert, Steinschleudern waren nun verpönt, es musste mit Schwertern gekämpft werden.