Ursula Lehr (82), Familienministerin in der Ära Kohl, erzählte unlängst folgende Geschichte. Sie war eingeladen zum Geburtstag einer 102-jährigen Dame. Zugegen waren der Sohn (80 Jahre) und ein Enkel (60 Jahre). Drei Generationen von Rentnern. Als der Sohn widerspricht, sagt die Mutter: »Wenn du nicht aufhörst, schicke ich dich ins Altersheim.« Man kann dieser Geschichte sicherlich etwas Humoristisches abgewinnen, doch spiegelt sie auch einen sehr ernsten Sachverhalt wider. Viele Menschen werden steinalt, und allein im vergangenen Jahr haben an die 6.000 Deutsche ihren 100. Geburtstag feiern können. Vor 20 Jahren waren es gerade 1.700.

Demografischer Wandel heißt dieses Phänomen. Bisher redet man gerne von Überalterung, von der Unbezahlbarkeit der Renten, von Gerontokratie und davon, dass wir vom Aussterben bedroht sind. Steigende Pflegekosten, fehlende Supportsysteme und auch der wachsende Anteil von Single-Haushalten beschleunigen den Takt einer Zeitbombe, die in den nächsten Jahrzehnten hochzugehen droht. Kein Wunder, dass es kaum einen Tag gibt, an dem nicht auf einer Konferenz über die »Zukunft des Alterns« diskutiert wird, ein Artikel erscheint, ein Programm verabschiedet und ein Film gedreht wird, die alle um die gleiche Frage kreisen: Wohin mit den Alten?

Sollte man die wunderbare Nachricht vom Altern nicht besser würdigen und sich freuen, dass Menschen länger leben und sich dabei jünger fühlen? Menschen, die über Erfahrungen in Familie und Beruf ein Wissen angereichert haben, das ein Vermögen und keine Bedrohung darstellt. Hinzu kommt, dass diese Generation der über 65-Jährigen neben dem größten Gut – Zeit – auch über genügend Kapital verfügt, um dieses mehr oder minder sinnvoll auszugeben: Das Durchschnittsalter der Käufer eines prestigeträchtigen Sportwagens aus Zuffenhausen ist 56 Jahre, auf das Motorrad, bei dem Easy Rider-Fantasien blühen, steigen vor allem Menschen mit 59 Jahren, und die größten Philanthropen geben Geld an die Gesellschaft zurück, wenn sie über 65 Jahre alt sind. Auch gehen mit dem hohen Alter nicht automatisch der soziale Abstieg und körperlicher Verfall einher: 81 Prozent der 80- bis 85-Jährigen sind nicht pflegebedürftig, und die Armutsgefährdung liegt in Deutschland bei nur 15 Prozent.

Doch wie genau all das nutzbar wird und wie Senioren mehr zum Gemeinwohl beitragen können, bleibt ungewiss. Zeiten der Ungewissheit in der Gesellschaft sind aber immer gute Zeiten für Sozialunternehmer. Sie haben ein Gespür für Nischen und neue Märkte und heben Potenziale, wo andere nur Defizite sehen. Sie sind risikobereit und verbinden Elemente, die auf den ersten Blick unverbindbar sind. Hier können die USA als Vorbild dienen, wo homosexuelle Rentner Wohnprojekte aufsetzen, um schwulen und lesbischen Alten einen Lebensabend unter Gleichgesinnten zu ermöglichen. Wo Agenturen entstehen, die Großmütter zur Kinderbetreuung verleihen. Wo Senioren die Flüchtlinge aus Konfliktzonen zu Friedensvermittlern ausbilden oder über Kunsthandwerk die wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gegenden fördern. Auch in Deutschland gibt es gute Ansätze: Rentner leisten Entwicklungsarbeit in der Dritten Welt, Exbanker vermitteln Finanzwissen an Jugendliche, Manager im Ruhestand übernehmen Beratungsmandate für Unternehmer in der Gründungsphase. Oder Silver Ager, wie Senioren jetzt heißen, geben benachteiligten Kindern Nachhilfe. Neue Produkte entstehen, die etwa akustische Verstärkung mit den Ohrstöpseln zum Musikhören verbinden. So schwindet die Scham, ein Hörgerät zu tragen. Videos werden produziert, die auf die besondere Rezeption von Demenzkranken Rücksicht nehmen, um so nicht nur diesen Anregung und Unterhaltung zu bieten, sondern auch Familienangehörige oder Pflegepersonal zu entlasten. Dies sind Ansätze, die weit über ein Freiwilligenengagement oder Ehrenamt hinausgehen, da sie einen sozialen Zweck mit einem Unternehmensmodell verbinden.

Mehr davon: Anstatt nur die Defizite zu nennen, müssen die Potenziale älterer Menschen hervorgehoben werden. Wie bemerkt Ursula von der Leyen so treffend: »Jüngere Menschen rennen schneller. Ältere Menschen kennen die Abkürzungen.« Und diese Abkürzungen basieren auf einem hohen beruflichen Engagement, einem fundierten Expertenwissen, dem besseren Umgang mit komplexen Sachverhalten, einer höheren sozialen Kompetenz und Identifikation mit dem Arbeitgeber, der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Fähigkeit, in Alternativen zu denken, einem größeren Sinn für das Machbare, einer finanziellen und geistigen Unabhängigkeit.

Warum gibt es keine Start-up-Wettbewerbe für Gründer über 65, keine Fortbildungsmöglichkeiten an Hochschulen, um auf die besonderen Bedürfnisse und Voraussetzungen von älteren Unternehmern einzugehen. Wo sind neue Gründungszentren für Senioren, um sich zu vernetzen, wo Kreditgeber, die ein fortgeschrittenes Alter nicht als Ausschlusskriterium sehen?

Vor mehr als 2.000 Jahren bemerkt Cicero, dass »nicht das Alter das Problem ist, sondern unsere Einstellung dazu«. Zu hoffen bleibt, dass in den nächsten 200 Tagen das Alter als Vermögen erkannt wird und in Deutschland Initiativen begründet werden, um das soziale Unternehmertum von Senioren zu unterstützen.