Stilkolumne : Der Sommer trägt Nylon

Tillmann Prüfer über Strumpfhosen
Strumpfhose Allude by Falke © Peter Langer

Die Strumpfhose war einmal ein Beinkleid für Männer, bis ins 18. Jahrhundert hinein. Wer es sich leisten konnte, trug unter seinem Rock "Beinlinge". Erst als sich mit der Französischen Revolution die lange Männerhose durchsetzte, war Schluss mit den figurbetonenden Überziehern. Für die Damen tauchten im 18. Jahrhundert hautfarbene Strumpfhosen aus Wolle auf, sogenannte tricots , die unter ihren zarten Kleidern als Wärmespender getragen wurden. Das alles hatte noch nichts mit Erotik zu tun. Man trug Strümpfe, um nicht zu frieren. Und zwar vorwiegend solche, die bis zum Oberschenkel reichten und von Strumpfbändern gehalten wurden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg machte die nahtlose Nylonstrumpfhose Karriere.

Mit dem Aufkommen des Minirocks und der Hotpants in den siebziger Jahren löste die Strumpfhose endgültig die Strümpfe mit Strumpfband ab. Von nun an war die Strumpfhose eine Angelegenheit der sexiness . Immerhin formt sie das Bein, lässt es etwas schlanker erscheinen und verhüllt es dennoch ein wenig. Allerdings fand man in den verschiedenen Jahrzehnten die Strumpfhose unterschiedlich faszinierend. In den Achtzigern liefen ihr die Leggins den Rang ab, die Neunziger bevorzugten das nackte Bein. Auch in den aktuellen Kollektionen sind kaum Strumpfhosen zu finden. Sogar die Herbst-Winter-Kollektionen zeigen nacktes Bein. Wo sind die Strumpfhosen geblieben?

Auf der Straße. In diesem Sommer ist eine der am häufigsten gesehenen Kombinationen die von Jeans-Shorts und dunkler Strumpfhose. Das ist selten eine gelungene Zusammenstellung. Optisch wird der Hintern scharf vom Bein getrennt, es sieht leicht etwas plump aus, besonders wenn das Outfit noch mit flachen Schuhen kombiniert wird.

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Wahrscheinlich ist der Trend zu ultrakurzen Hotpants dafür verantwortlich – jenen Hosen, die kurz unter dem Po enden und jeder Frau das Gefühl geben, zu wenig anzuhaben. Dieser Zwang, viel Bein zu zeigen, wird dann eben dadurch kompensiert, dass man das Bein mit einem Nylonüberzug verhüllt – auch wenn das nicht schön ist.

Aber es könnte viel schlimmer kommen. Nämlich wenn auch der Mann die Strumpfhose wieder für sich entdecken würde. Dann brauchte man eine zweite Französische Revolution.

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"Aber es könnte viel schlimmer kommen. Nämlich wenn auch der Mann die Strumpfhose wieder für sich entdecken würde. Dann brauchte man eine zweite Französische Revolution."

Über Geschmack läßt sich streiten. Aber über die Tatsache das Mode sich ändert nicht. Wenn Männer über Männermode Statements verfassen das ist das doch höchst seltsam.

[...]

Gekürzt. Bitte diskutieren Sie respektvoll. Danke, die Redaktion/mk

Obwohl der Hintern plump wirkt...

Da gibt es also tatsächlich Frauen, denen es egal zu sein scheint, ob ihr intern sexy wirkt. Zum Glück tragen die Frauen, was ihnen gefällt, und nicht was Männern, die ihnen "hinterhergeifern" gefällt. Oder war das nur ein Aufruf an die, die auch ohne optische Abgrenzung der Beine schon einen plumpen Hintern haben, sich gefälligst ansehnlicher zu kleiden? Mann will sich ja nicht abwenden müssen, beim Nachblicken?

Modezwang

Ich verstehe einfach nicht, warum man etwas anzieht, nur weil es "jetzt so getragen wird". Die allermeisten Mädels und Damen können diese Shorts so nicht tragen, sie sind einfach zu kurz. Leider mache ich, anders als Herr Prüfer, die Beobachtung, dass viele die Shorts ohne Leggins/Strumpfhose tragen, obwohl das deutlich vorteilhafter wäre.

(Nein, ich finde nicht, dass nur Frauen mit Magersuchtmodels sich figurbetont anziehen dürfen. Aber die Kleidung sollte einem doch irgendwie stehen oder an einem gut aussehen.)

Und wenn es Mode wird

sich die Daumen blau zu hau´n, tun sie es auch ;-)

Besonders wirkungsvoll und aussagekräftig, den geistigen und Gemütszustand betreffend, finde ich das Tragen dieser schwarzen Beinlinge bei Temepraturen um die 30 Grad und mehr. Einfach köstlich, die Leidensfähigkeit der "Modebewußten" mitzuerleben.