Zerfleddert und zerschunden liegt er da, der Löwe von Damaskus. Jetzt wird Baschar al-Assad auch in seiner Geburtsstadt verhöhnt. Demonstranten verbrennen seine Plakate, nennen ihn Hundesohn, Kapitalverbrecher, Kindermörder. Vorige Woche haben Rebellen einige seiner engsten Getreuen und Verwandten in die Luft gejagt. Seine Sprecher erklären, den Anschlag hätten Feinde des Volkes verübt, Terroristen. Vor einem guten Jahr hätte das vielleicht noch Gehör gefunden. Damals war Assads Ansehen bei den Syrern noch groß.

Baschar Assad stand einst alles offen. Er war ein junger und beliebter Präsident, über alle Konfessionen Syriens hinweg. Sein tiefer Fall hat zu tun mit den Zwängen, denen ein Herrscher in Syrien unterworfen ist. Aber das entlastet ihn nicht von seiner eigenen Schuld und den Folgen seiner freien Entscheidungen. In der Nacht, wenn Assad in seiner Residenz im grünen Damaszener Stadtteil Malki die Schüsse und Explosionen in der Stadt hört, denkt der 46-Jährige womöglich nach über sein Leben – über die vielen Chancen, die er hatte, und das wenige, das ihm jetzt noch bleibt.

Vor ihm stehen existenzielle Entscheidungen. Es geht ums Überleben – für ihn selbst, für seine Familie, für die Herrscherclique, im schlimmsten Fall auch für viele Angehörige der alawitischen Glaubensrichtung, zu denen die Assads gehören. Die Rebellen kontrollieren immer mehr Dörfer und Städte in Syriens zentraler Lebensader, dem dicht bevölkerten Streifen, der sich von Aleppo im Norden bis Daraa im Süden durchs Land zieht. Der tödliche Anschlag gegen seinen Schwager und die Befehlshaber des Kriegs gegen das eigene Volk muss ein heftiger Schock für Assad gewesen sein. Der Aufstand erreichte damit das Herz der Macht und die Schaltzentrale der Repression. Vorbei die Illusion, die Rebellen könnten nur die Leute in Dörfern und Provinzstädten mobilisieren, während Damaskus und Aleppo ruhig bleiben würden. Die »Freie Syrische Armee« übernimmt ganze Städte, sie kontrolliert Grenzübergänge zum Irak und zur Türkei, kurdische Rebellen erobern die Macht in den Städten des Nordostens. Nicht mehr nur Sunniten stehen gegen den Herrscher auf, auch Christen und Drusen schließen sich dem Aufstand an. Assad entgleitet die Kontrolle über sein Land. Zuletzt hat er Aleppo bombardieren lassen.

In diesen Tagen bekommt jeder Schritt ungeheure Bedeutsamkeit. Assad muss wählen zwischen Aufgeben, Flucht und Kampf bis zum Ende. Er muss sich überlegen, welche Waffen aus dem tödlichen Arsenal der syrischen Armee er noch gegen sein eigenes Volk einsetzen will. Was treibt ihn? Was verraten seine vergangenen Entscheidungen über sein künftiges Handeln?

Als Medizinstudent in London gehörte Baschar Assad mit seiner späteren Frau Asma zu jenen glücklichen Arabern, denen das Beste des Ostens und des Westens gleichermaßen zur Verfügung steht. Er hätte Augenarzt in einer schönen Gegend der britischen Hauptstadt werden können und trotzdem die Brücken in seine Heimat nicht abbrechen müssen. Dann starb sein älterer Bruder Bassil bei einem Autounfall. Vater Hafis al-Assad beorderte Baschar 1994 zurück nach Syrien, er brauchte einen Nachfolger. Baschar ging an die Militärakademie, unterwarf sich dem Armeedrill statt der Regeln des Golfspiels, sollte die Mechanismen des syrischen Machtapparats kennenlernen. Die erste folgenreiche Entscheidung war ihm von außen aufgezwungen worden. Damals begann die Tragik eines Mannes, dem es an Selbstsicherheit fehlt, der die Macht nicht wollte und ergreifen musste, mit ihr aber bis heute nicht wirklich umgehen kann.

Als Baschar Assad 2000 Präsident wurde, war er erst 34 Jahre alt. Groß war die Hoffnung, dass der junge Herrscher das Land nach Jahrzehnten der Spitzeldiktatur modernisieren und öffnen würde. Tatsächlich zeigte sich Assad begeistert von Computertechnologie, dem Internet, Mobilfunk. Doch der Reformschub beschränkte sich aufs Technische. Die neuen Debatten der Intellektuellen, der gesellschaftliche Aufbruch, der sogenannte Damaszener Frühling erstickten schnell in Verhaftungen und Verboten. Das war die erste große Enttäuschung, die Assad seinem Volk bescherte.

Warum er so agierte, darüber gaben später geflohene Mitarbeiter Aufschluss. Während in Syrien Hoffnung aufkeimte, machten sich die Amerikaner 2002 im benachbarten Irak daran, Saddam Hussein zu stürzen. Assad war von panischer Angst getrieben, er könnte der Nächste sein. Die Sicherheitschefs seines Vaters bestätigten ihn darin. Assads Verhältnis zum Westen war immer zwiespältig: Er schätzte den Schick, die Mode, den Stil seiner schönen Frau Asma, die in London geboren war. Doch politisch blieb der Westen stets der Feind. Verfolgungswahn ist ein wichtiges Motiv bei Assads Entscheidungen.