Verheerend für Syrien wäre die Fortsetzung des Kampfes. Verlöre Assad Damaskus und Aleppo, könnte er sich nach Latakia am Mittelmeer oder in die Berge dahinter zurückziehen. Hier ist das Land der Alawiten, hier kann er auf Solidarität und Unterschlupf zählen. Viele Syrer behaupten, die Assad-Familie habe sich hier schon vor langer Zeit unterirdische Bunker gebaut. Aus dieser Wolfsschanze könnte Assad noch lange Widerstand leisten, bis zum letzten Alawiten kämpfen – und das Land zugrunde richten.

Einen Vorgeschmack darauf lieferte der Sprecher des syrischen Außenministeriums, der Anfang der Woche zugab, was viele vermutet hatten: Syrien ist im Besitz von biologischen und chemischen Waffen. Sie würden allerdings nie gegen das Volk, nur gegen Feinde von außen eingesetzt. So ähnlich redete auch Saddam Hussein im Irak, als er 1988 die Kurden in Halabdscha mit Gas angreifen ließ. Das syrische Regime bezeichnet die Rebellen als von außen gesteuerte Terroristen. Präsident Obama persönlich hat Assad jetzt vor einem Einsatz dieser Waffen gewarnt.

Welche Variante der Diktator am Ende wählt, weiß er womöglich selbst noch nicht. Aber sein Verfolgungswahn könnte ihn von einer Verhandlungslösung abhalten. Bisher hat er immer noch jede vernünftige Option ausgeschlagen – aus Angst, der Westen könnte ihn irgendwie hereinlegen. Seine Selbstgerechtigkeit dürfte ihn denken lassen, dass er gegen Terroristen und Imperialisten auf der richtigen Seite steht und den Krieg bis zum bitteren Ende führen muss. Seine Neigung zu Illusionen könnte ihm vorgaukeln, es gebe vielleicht doch noch einen Ausweg, einen Sieg über die Freie Syrische Armee durch die Gunst des Schicksals, durch einen langen Zermürbungskrieg – oder den Einsatz von Massenvernichtungswaffen.

Assads Leben wirkt wie die Geschichte eines Mannes, der im maßgeblichen Moment immer in die falsche Richtung abgebogen ist. Man kann nur hoffen, dass der im tiefsten Innern unsichere Mann sich dieses eine Mal nicht treu bleibt.

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