Fällt der syrische Herrscher Baschar al-Assad, dann fällt nicht nur ein Mann, nicht nur eine Diktatur, sondern eine ganze regionale Ordnung. Der große Verlierer der Veränderung dürfte der Iran werden, der große Gewinner Saudi-Arabien. Und Syriens kleinere Nachbarn würden nach dem Ende von 42 Jahren Assad-Clanherrschaft in einer neuen politischen Umwelt leben.

Vor gut einem Jahr noch konnte sich der Iran Hoffnungen machen, die dominierende Großmacht des Nahen und Mittleren Ostens zu werden. Im Irak war der Erzfeind Saddam Hussein beseitigt und eine befreundete schiitische Regierung an die Macht gekommen. Die Amerikaner fingen an, aus dem Irak und aus Afghanistan abzuziehen. Zugleich hatte sich Hisbollah, die von Teheran gelenkte Miliz, als beherrschende Kraft im Libanon verankert. Garantiert und gefördert wurde Teherans Brückenschlag in die Mittelmeerregion durch Baschar al-Assad – ein säkularer Herrscher zwar, aber ein großer Unterstützer der israelfeindlichen Gruppen Hisbollah und Hamas. Jetzt, da das Damaszener Regime bröckelt, droht der große »schiitische Halbmond« zu zerbrechen. Denn die syrische Bevölkerung ist – im Gegensatz zum herrschenden Assad-Netzwerk – mehrheitlich sunnitisch. Vertreter der syrischen Rebellen haben bereits angekündigt, dass unter ihrer Ägide die strategische Allianz mit Iran beendet werde.

Davon profitiert Saudi-Arabien. Das sunnitische Königreich hat selbst Ambitionen auf die Rolle als regionale Führungsmacht. Es fördert die gleichfalls sunnitischen Aufständischen in Syrien. Zu Beginn des Ramadan rief der saudische König zu Spenden für die »unterdrückten Brüder« auf; schließlich verhalte sich eine Glaubensgemeinschaft wie ein Organismus: »Wenn ein Teil von ihm erkrankt, bekommt der ganze Körper Fieber.« Auch die Sympathien des neuen Präsidenten von Ägypten, des Muslimbruders Mohammed Mursi, gehören den Aufständischen.

Beunruhigen muss dieser Machtkampf den kleinen, spannungsgeladenen Libanon. Das von Syrien stark abhängige Land ist gespalten zwischen Assad-Verbündeten und Assad-Gegnern; schon jetzt schwappen die Kämpfe im Nachbarland hier und da über die Grenzen. Zudem wirkt der Sunni-Schia-Konflikt ansteckend auf die eigene Bevölkerung. »Unsere offizielle Linie ist, Abstand zu halten«, stellte der libanesische Außenminister klar. Stürzt Assad, muss sich Beirut darauf einstellen, dass Hisbollah den Verlust des Sponsors in Damaskus durch eine noch stärkere Präsenz im Libanon zu kompensieren versuchen wird.

Dies zu vermeiden, vor allem aber zu verhindern, dass ganze Assad-Militärarsenale einschließlich der Chemiewaffen in die Hände der Islamisten geraten, ist das Hauptziel von Israel. Assad ist zwar ein erklärter Feind Israels, und offiziell befinden sich beide Länder immer noch im Kriegszustand – aber Assad war ein berechenbarer Gegner. Ähnlich wie im Falle Ägyptens fürchtet Israel, dass nach dem Fall des Diktators Chaos und Terror ausbrechen könnten. Im Süden, auf der Sinaihalbinsel, herrschen schon jetzt islamistische Milizen und bedrohen Israels Grenzen. Eine solche Destabilisierung auch im Norden könnte Israel in einen Mehrfronten-Kampf treiben.

Stabilität ist auch das Hauptinteresse von Jordanien. Der Staat im Herzen Arabiens versteht sich als Makler zwischen seinen vielen Nachbarn. Gleichwohl war König Abdullah einer der ersten, der Assad zum Rücktritt aufforderte. Jordanien muss sich vor allem auf viele Flüchtlinge einstellen. Das gilt auch für die Türkei. Sie fürchtet indes, dass mit den Flüchtlingen auch Assad-treue syrische Kurden einsickern, die die PKK stärken und zu einem neuen Unabhängigkeitskrieg antreiben könnten.