Eine Nacht im Taxi kann sehr bewegend sein. Zumindest wenn die Beine zu lang sind oder das Taxi zu kurz ist: Unruhig wälze ich mich auf der umgeklappten Rückbank herum; falte meinen Körper zusammen, rolle mich ein wie ein Embryo. Ich werfe mich auf die linke Seite, drehe mich auf die rechte – doch egal, wie ich mich auch verrenke: Entweder stoße ich mir den Kopf am Türgriff, den Ellenbogen am Fenster oder das Knie an der Panzerglaswand zur Fahrerkabine.

Es wären auch noch Hotelzimmer in London frei gewesen. Doch als ich im Internet las, man könne neuerdings in einem Taxi übernachten, musste ich einfach buchen. Schließlich sind die Black Cabs nicht irgendwelche Autos, sondern weltweit bekannt – Symbole der Stadt, eigene Sehenswürdigkeiten. Und noch dazu bewegliche! Zu Hause malte ich mir aus, wie ich mich herumkutschieren lassen würde, um den besten Schlafplatz der Stadt zu suchen: Von der Millennium Bridge könnte man auf die Themse blicken, in Soho von der Tanzfläche ins Bett fallen. Am Edgwarebury-Friedhof fände ich meine Ruhe neben Amy Winehouse. Auf jeden Fall, dachte ich, werde ich mich vom Big Ben fernhalten – die 13,5 Tonnen schwere Glocke schlägt jede Stunde.

Als ich tatsächlich gegen Abend in Bounds Green im Norden Londons ankomme, schmerzen die Füße von einem Tag Stadtbesichtigung. Eine heiße Dusche und ein Bett täten jetzt gut. David Weekes, der Fahrer und Besitzer des Taxis, empfängt mich in seiner Wohnung. »Mach es dir bequem, solange du noch kannst«, sagt er und schenkt mir ein Glas Wein ein. Weekes ist schlank, groß, Mitte 40 und auf angenehme Art zurückhaltend. Man merkt, dass er es gewohnt ist, sich nach dem Redebedürfnis anderer zu richten.

Im Augenblick ist Weekes außerdem müde. Am Nachmittag hat er mit seinen Kollegen demonstriert, weil während der Olympischen Spiele etliche Straßen gesperrt sind. Athleten, Funktionäre und Journalisten dürfen darauf fahren, um schneller durch die Stadt zu kommen – nicht aber die Einwohner und auch keine Taxis. »Wir befürchten Umsatzeinbußen«, sagt Weekes. Deshalb hat er beschlossen, während der Spiele eines seiner 18 Fahrzeuge als Hotelzimmer anzubieten. Als Bett auf Rädern – das allerdings nicht so beweglich ist, wie ich gehofft hatte: Das Taxi müsse hier in Bounds Green parken, sagt Weekes. In der City hätten vor Kurzem Sicherheitsleute ein Auto in die Luft gesprengt, weil es stundenlang allein dagestanden und niemand gewusst hätte, wem es gehört. »Ich will nicht, dass dir das Gleiche passiert.«

In Weekes’ Badezimmer putze ich mir die Zähne. Nur nette Gäste haben Zutritt dorthin; wer unfreundlich ist, muss ans Ende der Straße aufs Bahnhofsklo. Dann wird es ernst, Weekes führt mich nach draußen. Das Taxi steht auf dem Hinterhof, umgeben von Regenpfützen und Heckenrosen; eine klassische Schönheit, pechschwarz, kurvig und ohne Reklame. »Made in China, zusammengelötet in Coventry«, sagt Weekes. 36.000 Pfund hat der Wagen gekostet, und gerade einmal drei Wochen ist er alt. »Hast du keine Angst, dass ich ihn entführe?«, frage ich. »Nein«, sagt Weekes. »Im London Cab ist der Fahrerraum vom Rest des Autos durch eine Scheibe getrennt. Du kommst gar nicht an den Zünder.«

Alles ist vorbereitet, die Rückbank umgeklappt, die Bettdecke mit Union-Jack-Wäsche bezogen. Fünf Kissen, ein Taxikrimi, eine Augenbinde und Ohropax liegen lose auf der Matratze, ebenso ein Kosmetikspiegel und eine Nachttischlampe: Weekes darf keine Gegenstände fest installieren, die nicht in ein Taxi gehören, sonst bekommt er Ärger mit den Behörden. Während er Vorhänge mit Klebestreifen an den Fenstern befestigt, fragt er: »Schnarchst du?« Ich schüttele den Kopf. »Gut, denn hier im Hof hallt es sehr.« Dann sagt er noch, ich könne ihn jederzeit anrufen oder an seine Tür klopfen. »Ich habe schon am Strand neben Lederschildkröten geschlafen«, sage ich. »Wir haben hier nur wilde Füchse«, sagt Weekes. Mit einem »Good night!« schlägt er die schwere Autotür zu und verschwindet in der Nacht.

Im Taxi riecht es nach neuem Plastik. Ich schalte die Lampe ein und beginne mich umzuziehen. Die Decke ist so hoch, dass ich beim Überstreifen der Schlafanzughose sogar eine Yoga-Kerze machen kann. Ich lehne mich zurück, kuschele mich in die Kissen und verzehre meinen Proviant: Nektarinen, ein Baguette, eine Flasche Weißwein. Aus der Ferne höre ich Autos rauschen. Regen prasselt aufs Dach. Im Sitzen ist das Taxi gemütlich wie eine Höhle; ich fühle mich wie ein Kind in seinem Versteck.