WaffenlobbyWarum spricht Amerika nicht über Waffenkontrolle?

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Ein Wort haben Barack Obama und Mitt Romney vermieden, als sie ihre Betroffenheit über den jüngsten Amoklauf eines Studenten in einem Kino in Colorado äußerten: gun control , Waffenkontrolle. Das »g-word« ist in der politischen Debatte der USA ein Tabu – besonders dann, wenn wieder jemand mit ganz legal erworbenen Schusswaffen ein Massaker angerichtet hat. Die Gründe dafür haben, erstens, mit Wahltaktik zu tun und, zweitens, mit einer noch gar nicht so alten Kulturrevolution, an die sich jedoch die meisten Amerikaner selbst nicht mehr erinnern.

Barack Obama und Mitt Romney unterwerfen derzeit jede öffentliche Äußerung den Gesetzen der Wahlkampfarithmetik. Vor allem Obama, dessen Wiederwahl alles andere als sicher ist, will auf keinen Fall die große Masse der Nicht- oder Wechselwähler zugunsten seines Gegners aufschrecken. Eine der strategisch heikelsten Gruppen sind weiße Männer in sogenannten swing states wie Ohio oder Florida. Ein unbedachtes Wort in Sachen Waffenkontrolle – und ein paar Tausend möglicherweise entscheidende Stimmen könnten verloren sein. Denn die hoch professionelle und finanzstarke Waffenlobby rund um die National Rifle Association (NRA) hat ein ungeheures Mobilisierungspotenzial.

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Der enorme politische Einfluss der NRA wird gern als Ausdruck eines amerikanischen »Urglaubens« interpretiert, wonach es ein unantastbares Recht des Einzelnen gibt, sich bis an die Zähne zu bewaffnen. (Der Attentäter von Colorado hatte sich zum Teil übers Internet mit Waffen und mehreren Tausend Schuss Munition eingedeckt.)

Doch dieser Urglaube ist in Wahrheit relativ neu. Gun control war bis in die sechziger Jahre in den USA mehrheitsfähige Politik. Auch die NRA – damals eine eher moderate Interessenvereinigung für Sportschützen und Jäger – unterstützte lange Zeit sowohl das Verbot bestimmter Gewehre als auch die staatliche Lizensierung von Händlern und den Zwang zum Waffenschein. Selbst für Superhelden gehörte es sich nicht, mit Schusswaffen zu hantieren. Das hat die Zeitschrift New Yorker gerade sehr eindrucksvoll anhand einer Comicserie dokumentiert, in der die Guten ab den vierziger Jahren keine Pistolen mehr tragen durften. Der Name des Helden: Batman.

Diese Stimmung kippte in den späten sechziger Jahren, just zu dem Zeitpunkt also, als sich auch das Ansehen des Staates rasant wandelte. Washington, bis dahin Zentrum einer siegreichen, »guten« Militärmacht, die Jobs und soziale Sicherung bereithielt, wurde in den Augen vieler Amerikaner zur Schaltzentrale eines hässlichen Krieges in Vietnam und einer Politik der erzwungenen Gleichstellung von Schwarzen, Frauen und Hispanics. Blutige Unruhen in den Städten und ein teilweise militantes Gebaren schwarzer Bürgerrechtler taten das Ihre, um bei vielen Weißen, vor allem Männern, eine Festungsmentalität zu erzeugen.

Heute sind in den USA über 300 Millionen Schusswaffen in privatem Besitz. Das Arsenal verteilt sich auf rund ein Drittel aller Haushalte. Die Mehrheit der US-Bürger ist also unbewaffnet, und in den neunziger Jahren schien es kurze Zeit so, als würde sie mit Massendemonstrationen und Gesetzeskampagnen der NRA etwas entgegensetzen können. Doch ähnlich wie in der Auseinandersetzung um Abtreibung gilt auch hier: Wer sich – wie Abtreibungsgegner und Waffenbesitzer – als Opfer einer »liberalen, staatlichen Verschwörung« und damit im anhaltenden Ausnahmezustand wähnt, kann zahlenmäßige Unterlegenheit durch aggressive Mobilisierung ausgleichen. Gegen Abtreibung und für uneingeschränkten Waffenbesitz zu sein ist inzwischen tief in den politischen Code des Tea-Party-Amerika eingeschrieben. Dieses Amerika dominiert nicht das Land, aber die Themen, über die es diskutiert. Oder eben nicht diskutiert.

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Leserkommentare
    • haldir
    • 30. September 2012 12:31 Uhr

    Eine Entscheidung für das Leben: Gegen Waffen und Abtreibung.

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  • Schlagworte Waffenbesitz
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