Na, Herr Helmbrecht? Wann kommen denn Ihre Nazis wieder?«, fragte mich meine Metzgerin in Gräfenberg – jener fränkischen Kleinstadt, die über drei Jahre hinweg Schauplatz von fast 50 Aufmärschen rechtsextremistischer Gruppen war. Ich war damals Sprecher des Bürgerforums Gräfenberg und unsere Initiative hatte mit kreativem und beharrlichem Widerstand deutlich gemacht, dass diese Stadt demokratisch ist und der öffentliche Raum Menschenrechts-Feinden nicht überlassen wird. So beharrlich war die demokratische Gegenwehr und so demaskierend für die Nazis, dass sie schließlich ihre Aufmärsche einstellten.

Die Frage der Metzgerin nach »meinen« Nazis beschäftigt mich seither. Sie bringt die Wahrnehmung, Gesinnung und Haltung eines Teils der bundesdeutschen Gesellschaft, mancher Behörden und mancher politischer Entscheidungsträger auf den Punkt. Meine Metzgerin geht – wie ein Großteil der Bevölkerung – in die Publikumsrolle: Das Problem »Rechtsextremismus« – die bedrängende Wirklichkeit eines um sich greifenden Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – geht sie eigentlich nichts an. Sie sieht es bestenfalls als Randphänomen an, für dessen Bekämpfung, wenn es denn überhaupt nötig sein sollte, andere zuständig sind: der Staat und die Polizei. Die da oben jedenfalls. Weil sie eine Fränkin ist und keine Türkin, wird sie auch keinen Ärger mit Nazis bekommen. Solange sie halt den Mund hält und andere für das Gemeinwohl sorgen lässt.

»Wir ignorieren die!« – das war und ist die einfältige Losung vieler Gemeinden, wenn sich Rechtsextremisten anschicken, »Nationaler-Sozialismus-jetzt!« skandierend durch die Stadt zu ziehen. Von Rostock bis nach Garmisch-Partenkirchen rufe ich dazu auf: Aktive Ignoranz-Bürger, lasst die Jalousien herunter, versteckt euch dahinter und würdigt die Braunen keines Blicks. Tut so, als ob ihr sie nicht sähet! Dann nämlich, ja, was dann? Dann sind sie so traurig diese rassistischen Gestalten, dass sie sich im Nichts auflösen werden, weil sie sich sagen müssen: »Hat doch keinen Sinn unser Aufmarsch, weil keiner uns liebt« et cetera? Das Gegenteil wird leider der Fall sein.

Sie werden das Schweigen als Zustimmung interpretieren, die Stadt wird ihnen gehören, und in ihr werden sie das Gewohnheitsrecht institutionalisieren, Andersdenkenden und Andersaussehenden gelegentlich eins auf die Fresse zu geben. Würde ich meiner Metzgerin das sagen, dann würde sie vermutlich denken, dass sie doch im Grunde genommen alle gleich seien, die »Linken« und die »Rechten« und man seine Ruhe hätte, wenn die »Linken« nicht so einen Lärm machen würden um die »Rechten«. Und dass dieser Lärm es sei, der die »Rechten« erst in die Stadt locke. Sagen freilich würde sie es nicht, sonst könnte ich ja womöglich draufkommen, dass sie mich für einen »Linken« hält – und das wäre aus ihrer Sicht wenig kundenfreundlich. »Links oder rechts?« – das haben mich aber schon manche (nicht alle!) Polizisten gefragt, wenn ich an den Toren der bei Aufmärschen abgeriegelten Stadt Einlass zum Versammlungsort begehrte. Und es gab einen, der wurde richtig grantig, als ich ihm entgegnete, dass ich Demokrat sei und für die Menschenrechte auf die Straße ginge.

Für den »normalen« Bürger ist in diesem Weltbild der richtige Platz hinter der Jalousie und nicht auf der Barrikade. »Ihre Nazis« – das klingt im Übrigen nach einem leicht missratenen Spielgefährten, mit denen man sich im Sandkasten kloppt, während die Mutter Metzgerin auf der Parkbank sitzt und sogar ein wenig das spätpubertäre Treiben genießt, weil es sich Gottseidank bald auswachsen wird. Ich weiß nicht, ob es sie sehr erschreckt hat, dass mutmaßlich gute Bekannte »unserer« Spielgefährten neun Menschen aus rassistischen Motiven hingerichtet haben und eine Polizeibeamtin dazu. Meine Metzgerin hatte ja zwischenzeitlich auch die Umtriebe der Wehrsportgruppe Hoffmann im Nachbardorf, das Oktoberfest-Attentat und den Mord an Shlomo Lewin und seiner Gefährtin im benachbarten Erlangen vergessen. Es ist ihr vermutlich nie zu Ohren gekommen, dass die Rechtsextremisten seit dem Mauerfall über 180 Menschen auf dem Gewissen haben. Wie auch – waren ja Obdachlose und Ausländer.