Klaus Wowereit mit einem Modell des Airbus A-380 © Adam Berry/Getty Images

Ein städtisches Altenheim in Neukölln. Zielsicher steuert Klaus Wowereit einen Rentner an, der mit fünf Frauen an einem Tisch sitzt: »Na, läuft noch was mit den Mädels?« Gejohle.

U-Bahn-Fahrt nach Hellersdorf. Ein Mann Anfang 20 springt vom Sitz auf, als er erkennt, wer vor ihm steht. »Willste ’nem alten Mann ’n Platz anbieten?«, fragt Wowereit. Gelächter.

Ein Betreuungsprojekt für alte, noch zu Hause lebende Menschen in Marzahn. Eine 98-Jährige erzählt am Telefon, sie sei an diesem Morgen dreimal gestürzt. Wowereit: »Dann sind Sie ja ein gefallenes Mädchen.« Gekicher am anderen Ende.

Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, besitzt die Gabe, im Umgang mit Menschen die Grenzen der Jovialität so weit zu dehnen, dass er gerade nicht übergriffig wird. Selbst Auftritte im Pflegeheim verwandelt er so in Gute-Laune-Happenings. Wenn er verschwindet, bleiben leuchtende Gesichter zurück. Ach, ist er nicht nett, der Wowi?

Nein, ist er nicht.

Klaus Wowereit steht an der entscheidenden Wegmarke seiner Karriere. Am 17. März 2013 soll im dritten Versuch aus Berlin-Schönefeld, dem Problem-BER am Hauptstadtrand, ein echter Flughafen werden. Einer, der nicht nur so daliegt und Geld frisst, sondern an dem Passagiere abgefertigt werden und Flugzeuge starten. Im August, nach weiteren Tests und Prüfungen, wird sich zeigen, ob der Termin gehalten werden kann oder erneut verschoben werden muss. »Das größte Infrastrukturprojekt für Ostdeutschland« (Wowereit) hat der Regierende Bürgermeister von Berlin, zugleich Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft, zu seiner Sache gemacht. Kein anderes Projekt ist mit seiner Amtszeit so verbunden. Die immer neuen, immer größeren Pannen und Peinlichkeiten, von den defekten Löschanlagen bis zum absinkenden Terminal, werden daher nun zu seinem Versagen. Scheitert das Projekt, ist auch der Bürgermeister am Ende.

Wowereits Autorität erodiert bereits, seine Dominanz verpufft. Schon folgt die Berliner SPD ihm nicht mehr, schon geht die Fraktion auf Distanz. Auf Rang neun der wichtigsten Berliner Landespolitiker ist er in einer Forsa-Umfrage abgestürzt. In seiner größten Krise rächt sich nun, dass Wowereit nicht so ist, wie viele ihn sehen.

»Wowereit hat eine diebische Freude daran, die Schwächen der anderen vor Publikum zu zelebrieren«, sagt ein Sozialdemokrat. »Wowereit setzt Demütigung und Unterwerfung als Machtmittel ein«, meint ein Grüner. »Hinter seiner jovialen Fassade handelt er skrupellos«, äußert ein Linken-Politiker. Alle drei saßen einst mit Wowereit zusammen am Kabinettstisch.

Das Klischee vom knuddeligen Wowi mit der vorlauten Klappe verdeckt in der öffentlichen Wahrnehmung den knallharten Machtmenschen Wowereit. Den hat er selbst schon früh in sich gesehen und bewusst gefördert. Über seine Zeit als junger Kommunalpolitiker schreibt er in seiner Autobiografie: »Wer die Rivalen nicht wegbiss, war verloren. So wurde sichergestellt, dass nur abgehärtete Politiker nach oben kamen.« Oben angekommen, biss er weiter. Wowereit, um es mit einem Ex-Senator zu sagen, »gibt dir oben die Hand und tritt dir unten ans Bein«.

Zum System Wowereit gehört es, die Konfrontation bewusst herbeizuführen. Er ist nicht faul, wie gern behauptet wird, sondern arbeitet vor Senatsrunden jede Vorlage durch, liest jede Akte. Als gelernter Haushaltspolitiker nimmt er Unstimmiges messerscharf wahr – und wendet es vor versammelter Mannschaft gegen den Betroffenen, oft hämisch. »Das funktionierte sogar bei Thilo Sarrazin«, berichtet einer, der dabei war. Wowereit habe dessen Zahlenkolonnen zuweilen so haarklein auseinandergenommen, dass der Finanzsenator, ansonsten immun gegen Selbstzweifel, in sich zusammengesunken sei: »Am Ende hat der Thilo nicht einmal mehr gezuckt.«

Zeigen, wer Herr ist und wer Knecht, niedermachen, um selbst oben zu bleiben. Wowereit – der Charmeur als Machiavellist.

Die rotzige Attacke, im Arsenal für Parteischlachten und Machtkämpfe eigentlich eine Angriffswaffe, hat Wowereit zu einer effektiven Verteidigungsstrategie weiterentwickelt, zu einer Art Gegenpressing für Politikgefechte. Die Opposition kritisiert das Chaos um den neuen Großflughafen – »Das großartige Projekt darf nicht diskreditiert werden!«, hält er dagegen. Bürger beschweren sich über wochenlang vereiste Gehwege – »Wir leben nicht in Haiti!«. Die Genossen küren einen ihm nicht genehmen Landeschef – »Wer Krieg will, kann ihn haben«. Immer Druck ausüben, damit man selbst nicht unter Druck kommt, stets dominant sein, um die Macht zu sichern. Doch jetzt, in seinem elften Jahr als Regierungschef, bietet Wowereit das Bild eines Vorwärtsverteidigers, hinter dem sich immer größere Lücken auftun.