ZeitkritikDie Moderne ist vorbei

Aber was kommt danach? Warum Wissenschaftler wieder von Postdemokratie und Spätkapitalismus reden. Eine Handreichung. von 

Im Mausoleum der Geistesgeschichte, ganz weit hinten, liegt die lateinische Vorsilbe post begraben. Als sie noch jung und lebendig war, ungefähr vor dreißig Jahren, zierte sie die Spitzenbegriffe des Zeitgeistes. Auf dem akademischen Laufsteg verkündete die halbe Welt die anbrechende Ära von Postmoderne, Posthistoire oder Postdemokratie. Andere Wissenschaftler, deren Theorie-Design nicht ganz so aufreizend daherkommen sollte, bevorzugten das keusche »Spät« und sprachen lieber von Spätkapitalismus und Spätmoderne. Doch alle teilten dasselbe Gefühl: Die alte Gesellschaft hat ihre besten Tage hinter sich.

Dann fiel die Mauer, die kommunistischen Sklavenhalter verschwanden vom Erdboden, und die Theoretiker des »Post« waren blamiert. Spätkapitalismus? Postdemokratie? Oder gar: Ende der Moderne? Im Gegenteil. Die Totgesagten waren quicklebendig, und in den blühenden Landschaften des intellektuellen Unfugs galten Theorien, die ein »Post« oder »Spät« im Titel trugen, fortan als besonders faule Frucht.

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Das ist vorbei, die Vorsilben »Post« und »Spät« sind zurück. Wie selbstverständlich sprechen Wissenschaftler heute wieder von »Postdemokratie« und vom »Spätkapitalismus«, und als sei nichts gewesen, stehen die alten Fragen aus den achtziger Jahren wieder auf der Tagesordnung. Zum Beispiel: Verschwindet die »bürgerliche Seele« unter dem Einfluss der technischen Medien? Können Demokratie und Kapitalismus schiedlich-friedlich miteinander auskommen? Hat sich die westliche Moderne zu Tode gesiegt, und wenn ja, wer folgt ihr nach? So hätten denn die »Post«-Theoretiker der achtziger Jahre die richtige Witterung gehabt und gar nicht so falschgelegen – bis der Fall der Mauer ihre Spekulationen scheinbar widerlegte. Doch nun ist der Untergang des Kommunismus vergessen, und das alte Krisengespenst der Moderne zeigt sich erneut. Diesmal allerdings im Weltmaßstab.

Postdemokratie

Keine andere Formel ist derzeit so populär wie diese, dabei hat sie der französische Theoretiker Jacques Rancière schon vor über zwanzig Jahren ins Spiel gebracht. Postdemokratie heißt: Der Einfluss des Parlaments schrumpft, während die Macht der Lobbygruppen auf die Gesetzgebung zuverlässig wächst. Im Standort- und Investorenwettbewerb geraten Demokratien verschärft unter Druck, und dann müssen freie Parlamentarier, so der englische Politikwissenschaftler Colin Crouch in seinem Bestseller Postdemokratie (Suhrkamp Verlag), Gesetze beschließen, die in Wirtschaftskanzleien und Hinterzimmern »alternativlos« zu Papier gebracht wurden. Gewiss, es gelten noch Recht und Gesetz, und es wird auch noch gewählt; doch weil sich die Akteure unter der Herrschaft der Sachzwänge einander immer ähnlicher werden, sind Personality und Performance wichtiger als Partei und Programm.

Wer beim Wort »Postdemokratie« unaufgefordert an Silvio Berlusconi denkt, der denkt richtig, aber schon über der Regierung Schröder/Fischer lag ihr schwarzer Schatten. Die bleibende Erfindung von Rot-Grün, das »alternativlose« Hartz-IV-Gesetz, trug den Namen eines windigen VW-Managers, das Parlament wurde »alternativlos« durch einen Ethikrat untertunnelt, und in den Ministerien saßen alternativlos »Leihbeamte« aus der großen Industrie. Auch Angela Merkels Forderung nach einer »kapitalismuskonformen Demokratie« passt ins Muster, ebenso die vom Bundesverfassungsgericht gerügte Verletzung von Abgeordnetenrechten bei der Durchsetzung des EU-Rettungschirms. Allerdings: Dass der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sich beim Rückkauf von EnBW von einem Investmentbanker hat einweisen lassen, übertrifft alle Mutmaßungen, die Theoretiker der Postdemokratie über den Einfluss des Finanzkapitals auf gewählte Politiker anstellen: »Lieber Stefan, Du solltest nach Aufforderung durch mich Folgendes ausführen...«.

Spätkapitalismus

Obwohl bereits von Werner Sombart (1863 bis 1941) in Umlauf gebracht, ist es ein berüchtigtes Reizwort aus den Theoriekämpfen der siebziger Jahre. Gemeint war damit, dass Demokratie und Kapitalismus keine natürlichen Verbündeten sind. Weil der Markt seine Krisen nicht allein lösen kann, halst er sie der Politik auf, die dann ständig gegensteuern und Nothilfe leisten muss. Am Ende ist der Markt gerettet – und die Demokratie beschädigt.

Bekanntlich war diese Diagnose richtig falsch; der Ausdruck »Spätkapitalismus« galt als schwerer terminologischer Missgriff, und auch Jürgen Habermas ließ ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. In der Tat waren sowohl Markt wie Staat viel erfinderischer, als die Kritiker unterstellt hatten, und mit dem spektakulären Ableben des Kommunismus war das segensreiche Wirken des Kapitalismus ohnehin über alle Zweifel erhaben.

Leserkommentare
  1. Ich verstehe die Argumentation [i]"Dann fiel die Mauer, die kommunistischen Sklavenhalter verschwanden vom Erdboden, und die Theoretiker des »Post« waren blamiert."[/i] im Bezug auf die Posthistoire nicht wirklich. Gerade 1989 war doch erst so etwas wie die Initialzündung für die steile, aber schon sehr kurze Karriere der Idee vom Ende der Geschichte.

    Einen ersten Lackmustest nicht bestanden hat die Posthistoire doch erst im Nachklang von 1989, als ich doch glatt die allermeisten Gesellschaften weigerten, den von Fukuyama vorgesehenen Weg ins kapitalistische Paradies zu beschreiten. Einen weiteren Schlag dürfte die Posthistoire allerdings 2008ff. erlitten haben, als zunehmend deutlich wurde daß da eine folgenschwere Verwechslung Vorlag und ihr Prophet Fukuyama "Paradies" und "Vorhölle" verwechselt hatte...

    Eine Leserempfehlung

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