Reederei Costa Crociere Drill auf Deck 4

Die Reederei der "Costa Concordia" stellt ihr neues Sicherheitskonzept vor – mit Sprachkursen fürs Personal und roten Karten für die Notfallübung. Genügt das, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen? Eine Inspektion von 

Die "Costa Fortuna" im Hafen von Genua

Die "Costa Fortuna" im Hafen von Genua  |  © ANSA/AFP/Getty Images

Warnemünde, Kreuzfahrtterminal. Wir stehen mit unseren Köfferchen vor einer fast 300 Meter langen, ewig hohen Wand mit zahllosen Fenstern und Balkonen. Wo war noch gleich die Ostsee? Der weite Horizont? Nur dieses umzäunte Bauwerk namens Costa Fortuna ragt vor uns auf.

Schwimmende Hotels werden Kreuzfahrtschiffe gern genannt. Doch für das hier reicht der Ausdruck nicht mehr: 1358 Kabinen, bewohnt von bis zu 4500 Menschen. Eine Ladenzeile, vier unterschiedlich feine Restaurants, elf Bars, ein Wellnesszentrum, ein Freibad mit Pool-Landschaft, ein Joggingparcours, ein Theater, ein Kasino. Feuerwehr, Polizei, ein Krankenhaus – die Fortuna gleicht eher einer schwimmenden Kleinstadt.

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Dass wir, der Reporter und Rainer Urban, Sicherheitsbeauftragter im Verlagshaus der ZEIT, jetzt an Bord gehen, hat mit einem anderen, sehr ähnlichen Schiff zu tun. Das dümpelt halb versunken vor der italienischen Toskanaküste wie ein sterbendes Riesentier. Die Costa Concordia, die wie die Fortuna der Genueser Reederei Costa Crociere gehört, war vor einem halben Jahr, am Freitag, dem 13. Januar, havariert. 30 Passagiere kamen dabei ums Leben, zwei werden vermisst. Die Bergung des Wracks verschlingt Millionen und zieht sich – wie die gerichtliche Aufarbeitung des Unglücks – wohl noch über viele Monate oder gar Jahre hin.

Die Reederei, die bis dahin einen untadeligen Ruf genoss, hat sich der Frage, wie so etwas geschehen konnte, weitgehend durch Schweigen entzogen. Das ist üblich in der Reisebranche, die ja nicht zuletzt von einem Gefühl der Geborgenheit lebt und meist darauf hoffen darf, dass die Kundschaft schnell vergisst. Doch die Bilder dieses Unglücks haben sich fast so tief eingebrannt wie die der versinkenden Titanic hundert Jahre zuvor. Costa Crociere kämpft auf viele Arten um seinen Anteil am boomenden Kreuzfahrtgeschäft: mit Werbung, Sonderangeboten und Geschenken für Reisebüromitarbeiter. Aber neuerdings auch mit einer beispiellosen Sicherheitskampagne. Dazu gehört, dass man Journalisten einlädt, sich alles anzuschauen und alle Fragen zu stellen. Eine Fahrt der offenen Tür.

Im Kabinenfernsehen läuft nonstop ein Sicherheitsvideo

Mein erster Eindruck ist tatsächlich: Wenn man unter Sicherheit Security versteht, also den Schutz vor bösen Menschen, macht Costa keine Kompromisse. Erst mal stehen wir nämlich mit hundert weiteren neuen Passagieren Schlange, von schwarzen Sheriffs bewacht. Wer immer an Bord der Fortuna will, muss das Nadelöhr in einem Zelt auf der Pier passieren, wo wir und unser Gepäck wie auf einem Flughafen identifiziert, durchleuchtet und nötigenfalls abgetastet werden. Anschließend wird jeder einzelne Passagier fotografiert – nicht ganz wie bei der Polizei, die Profilbilder fehlen. Erst dann sind wir drin. Auf dem Weg zu unseren Kabinen passieren wir Desinfektionsmittelspender für die Hände. Bazillen und Viren an Bord: Auch die könnten uns bedrohen.

In der Kabine hoch oben auf Deck 10 geht es dann um jenen Aspekt von Sicherheit, der mit dem Concordia-Unglück zu tun hat. Im Fernsehen läuft schon beim Betreten nonstop ein Video, das mit den Sicherheitsvorrichtungen an Bord vertraut macht. Und unfreiwillig an alles erinnert, was damals geschah: Feuer, Mann über Bord, Loch im Rumpf, Untergang. Symbol für die Betriebssicherheit, die »Safety«, ist die »Emergency Drill Card«. Eine feuerrote Plastikkarte, die auf dem Bett liegt.

Sicherheitsübungen mit den Gästen, ob groß oder klein, fit, behindert oder krank, sind seit über 60 Jahren Pflicht auf Passagierschiffen, die für mehrere Tage unterwegs sind. Nach geltendem Recht müssen alle Neuen innerhalb von 24 Stunden nach Auslaufen einen »Drill« mitmachen. Das klingt gut, war im Fall der Concordia aber eben nicht gut genug. Als sie auf Grund lief, waren 600 neue Passagiere an Bord, eben erst zugestiegen in Civitavecchia bei Rom. Sie konnten nicht wissen, wo die Schwimmwesten waren, wo die Sammelpunkte, die Rettungsboote. Viele hatten wohl schon Mühe, auf den 16 Decks ihre Kabine zu finden. Darum haben Costa Crociere und andere Reedereien nun beschlossen, dem frisch an Bord gekommenen Gast erst mal die Urlaubslaune zu verderben und noch vor dem Auslaufen den Ernstfall zu simulieren.

Um 20 Uhr soll die Fortuna starten. »Metropolen der Ostsee« stehen auf dem Programm. Über Kopenhagen, Stockholm, Tallinn und St. Petersburg geht die siebentägige Reise zurück nach Warnemünde. Zwei Stunden vor Ablegen werden wir über Bordlautsprecher aufgefordert, mit einer der roten Schwimmwesten aus dem Kleiderschrank und der ominösen roten Karte zum Sammelplatz zu kommen. Wo der ist, steht auf der Weste. Ich muss zur Station C auf Deck 4 gehen. Vor jedem Aufzug steht ein Crewmitglied mit gelber Schwimmweste und versperrt den Zugang. Andere warten am Treppenhaus und winken. Irgendwie stolpere ich schließlich aus einer Tür ins Freie und stehe mit Hunderten anderer Passagiere auf dem Deck, vor dem die Rettungsboote vertäut sind. Gehbehinderte werden von Crewmitgliedern in bordeigenen Rollstühlen hergeschoben.

Leserkommentare
  1. Die beschriebene rote Emergency Drill Card ist nichts Neues.
    Die gab es bereits auf der Concordia.
    Dumm nur wenn die Karte und die damit verbundene (Pflicht-)Übung nicht stattfindet!
    Und das nicht nur weil man am Abend zugestiegen ist, sondern bereits seit 5! Tagen an Bord war!
    Was bringt es wenn man aufgefordert wird die besagte Karte bei seinem Treffen mit der Reiseleitung (keine Pflicht) abgeben soll??
    Aber wer konnte ja auch ahnen dass die (nicht durchgeführte) Übung mal bitterer Ernst werden sollte.
    Fatal auch, dass man somit erst im Ernstfall merkt dass man nicht einmal die geeigneten Schwimmwesten in der Kabine hat.
    So etwas ist unverantwortlich und rein dem Profitdenken geschuldet, da während der Übungen die Serviceleistungen (Bars etc) eingestellt oder eingeschränkt werden. Und wenn Passagiere für diese Zeit nicht an die Bar können, dann können Sie kein Umsatz machen.
    Fazit: Gefahr für Leib und Seele darf nicht länger hinter Profitdenken und Fun gestellt werden!
    Ein Betroffener
    PS: Bei einer anderen Fahrt mit dem gleichen Schiff unter anderem Kapitän fand die Drillcard durchaus Anwendung.

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