ÖsterreichDer siebente Tag

Ein überraschendes Geständnis bringt in Kärnten das politische System ins Wanken. Nun dient das Idol Jörg Haider den Erben als Sündenbock.

Richter Manfred Herrnhofer will nichts dem Zufall überlassen. Wie stets hat der hünenhafte Jurist auch am 25. Juli für seine Verhandlung einen »Entscheidungsbaum« zusammengestellt, einen verästelten Leitfaden, der ihm ermöglichen soll, auf alle Überraschungen, die ein Prozessablauf mit sich bringt, prompt und zielstrebig zu reagieren. Mithilfe dieser Methode hat der Vizepräsident der Richtervereinigung während seiner 16-jährigen Amtszeit am Klagenfurter Landesgericht selbst besonders verstockte Missetäter zu Geständnissen bewegt.

An diesem Mittwoch, an dem Herrnhofer bei strömendem Regen seinen Arbeitsplatz betritt, wurzelt sein Entscheidungsbaum in der wenig spektakulären Zeugenvernehmung von drei Privatgutachtern. 90 Minuten später ist das politische System im Bundesland Kärnten ins Wanken geraten, haben zwei politische Gruppierungen, Freiheitliche und Volkspartei, viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt, kämpfen der Landeshauptmann und sein innerer Kreis um ihre Posten und kennt die Republik kaum noch ein anderes Thema als den Sumpf aus Korruption, Veruntreuung und politischer Selbstherrlichkeit im Süden des Landes.

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Es ist der siebente Verhandlungstag in einem Prozess, in dem ein Nebenaspekt des Skandals um die notverstaatlichte Hypo-Alpe-Adria-Bank verhandelt wird. Vor Gericht steht der Villacher Steuerberater Dietrich Birnbacher. Er hatte im Frühjahr 2007 einen achtseitigen Schriftsatz verfasst, der den Verkauf der Landesanteile an dem Klagenfurter Finanzinstitut befürwortete. Dafür war mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Landesholding, Josef Martinz, und dem verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider ein Honorar von zwölf Millionen Euro mündlich vereinbart worden. Nach Protesten wurde der Betrag schließlich durch den mittlerweile legendären »Patriotenrabatt« um die Hälfte reduziert und überwiesen. Birnbacher ist nun als Beitragstäter angeklagt, der Martinz und zwei Vorständen der Landesholding das Delikt der Untreue ermöglicht haben soll.

Überraschungen bot das Verfahren in den vergangenen Wochen kaum. Lediglich einmal räumte Birnbacher ein, sechs Millionen Euro für exakt 44 sehr allgemein formulierte Sätze habe er seinerzeit doch für »unangemessen« gehalten. Allerdings habe es sich bei der aufgeblähten Vergütung nicht um verdeckte Parteienfinanzierung gehandelt, selbst wenn der fürstlich entlohnte Verfasser nicht an die »Selbstlosigkeit der handelnden Personen« geglaubt und es »im Hinterkopf« für möglich gehalten habe, »dass irgendwann einmal einer kommt und sagt: Jetzt zahlst mir was.«

Das Eingeständnis irritierte den Hauptangeklagten Martinz zwar kurz, konnte den routinierten Politiker allerdings nicht aus der Fassung bringen. Wie immer war der Verhandlungssaal fast bis auf den letzten Platz mit seinen Anhängern gefüllt. Vor acht Jahren hatte der Campingplatz-Besitzer und ehemalige Bürgermeister von Ossiach die Führung der Kärntner Volkspartei übernommen, um sie nach einer verheerenden Wahlniederlage aus der Bedeutungslosigkeit zu manövrieren. Vor allem im Zusammenspiel mit Haiders Privatpartei BZÖ, die später von den Erben wieder in den Schoß des freiheitlichen Lagers zurückgeführt wurde, hatte Martinz den Konservativen zu mehr Einfluss verholfen, als ihrer tatsächlichen Stärke entsprach. An der Seite des selbstherrlichen Landesvaters bekleidete er Schlüsselpositionen, für den willigen Helfer im tolldreisten Kärntner Finanzierungskarussell fielen stets Brosamen ab. Gemeinsam bildeten Volkspartei und das Haider-Universum vom Wörthersee eine Bastion, an der jede Kritik, selbst wenn sie von einem Höchstgericht, von der Finanzmarktaufsicht oder vom Staatsoberhaupt kam, folgenlos abprallte. Das System dieser Kumpanei führte zu Pleiten, und der Schuldenberg wuchs in schwindelerregende Höhen. Doch die Pleiten zeitigten keinerlei Konsequenzen.

Leserkommentare
  1. wie sehr die Gier das Hirn vernebelt.

    Oder um es mal mit Max Liebermann zu sagen:

    Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte.

    4 Leserempfehlungen
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    Kommentare - und genau solche Berichte hätten mehr Aufmerksamkeit verdient! Servus aus dem Ösireich

    Kommentare - und genau solche Berichte hätten mehr Aufmerksamkeit verdient! Servus aus dem Ösireich

  2. Kommentare - und genau solche Berichte hätten mehr Aufmerksamkeit verdient! Servus aus dem Ösireich

    Eine Leserempfehlung
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    Tja, was soll man noch groß kommentieren, wenn etwas so wenig überraschend ist?

    Und die Wähler der Rechten interessiert es vermutlich nicht.

    Tja, was soll man noch groß kommentieren, wenn etwas so wenig überraschend ist?

    Und die Wähler der Rechten interessiert es vermutlich nicht.

  3. kommt die Verurteilung
    ein typisches Beispiel des immer wieder angewandten Opportunismus einer Partei ,die sich Freiheitlich nennt

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  4. Tja, was soll man noch groß kommentieren, wenn etwas so wenig überraschend ist?

    Und die Wähler der Rechten interessiert es vermutlich nicht.

    3 Leserempfehlungen
    • eins2
    • 02.08.2012 um 20:59 Uhr

    Diese braune Sch.. scheint tatsächlich in der seinerzeit so gen. "Ostmark" heimisch gewesen zu sein und bis heute überall nachzuwirken.
    Die alten Nazis haben nicht anderes gemacht und nur im Großen.
    Dabei ist diese Bereicherungsgier nicht nazieigen und hat auch in Deutschland reichlich Blüten getragen, nur steht die Aufarbeitung noch bevor.

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    • zausl
    • 03.08.2012 um 7:57 Uhr

    erster irrtum: gier und raubrittertum spielen hier nur eine sekundäre rolle. vornehmlich geht es bei haider und seinen nachfolgern in bester nazinalsozialistischer manier ausschließlich um die zerstörung der demokratie, um dann als retter an die macht zu gelangen. und dieser prozeß ist noch nicht abgeschlossen. im gegenteil, die demokratie in österreich ist gefährdet wie selten zuvor.
    zweiter irrtum: nicht der schüssel hat den haider geritten, womit in bürgerlichen kreisen gern argumentiert wird, sondern es ist genau umgekehrt gewesen. der haider hat, schlau wie er war, einen kleinen, machtgeilen komplexler für seine zwecke eingespannt.
    dritter irrtum: "dem strache fehlt das profil zum staatsmann". das stimmt, ist jedoch kein kriterium, um nicht doch kanzler zu werden. wie dies geht -siehe oben -, wurde ihm ja im vorigen jahrhundert von seinem großen vorbild vorexerziert.

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