Ozeanographie-GeschichteGeheimnis des Poseidon

Die Wellen waren sein Schicksal: Der Wiener Walter Munk erforscht seit 70 Jahren die Ozeane. von 

Forscherlegende Walter Munk am Fenster seines Hauses in Kalifornien

Forscherlegende Walter Munk am Fenster seines Hauses in Kalifornien  |  © Patrick Strattner für DIE ZEIT

Der Schreibtisch ist mit Papier überfüllt. Vor der breiten Fensterfront seines Arbeitszimmers verschleiert morgendlicher Nebel die Küste des Pazifiks. In La Jolla, einem Stadtteil von San Diego, Kalifornien , erforscht Walter Munk die Ozeane. Der gebürtige Österreicher ist eine Legende der Ozeanografie. Und er hat die Weltgeschichte beeinflusst: Aufgrund seines Prognosemodells wurde während des Zweiten Weltkrieges der D-Day, die Landung der Alliierten in der Normandie , verschoben. Noch immer sitzt der 94-Jährige täglich an seinem Arbeitsplatz. Der lange Holztisch stammt aus der Kajüte eines Schiffes, das einst vor der kalifornischen Küste gesunkenen war.

Unzählige Expeditionen haben Spuren auf dem Gesicht des rüstigen Naturkundlers hinterlassen. Doch hinter den Brillengläsern leuchten seine Augen hellblau und spitzbübisch wie auf Fotos aus frühen Forscherjahren. Sein Englisch verrät noch immer deutlich seine europäische Herkunft. Immer wieder schleichen sich deutsche Begriffe wie »Generaldirektor«, »Gymnasium« oder »Salzbergwerk« in seinen Redefluss. Es sind Worte, die ihn an seine Kindheit in Österreich erinnern – bevor er sich 1932 in Le Havre für die Passage nach New York einschiffte.

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Geboren wurde Walter Munk 1917 in Wien. Vater Hans verließ schon früh die Mutter Rega Brunner, und der Sohn begann, den Schulunterricht zu verweigern. Seine Noten waren so schlecht, dass er eine Klasse wiederholen musste und sich die alleinerziehende Mutter entschloss, ihn mit 15 Jahren wegzuschicken. »Sie war sehr verärgert, dass ich im Gymnasium durchgefallen war, weil ich lieber Tennis spielte und Ski gefahren bin als zu lernen«, erzählt er mit verschmitztem Lächeln.

Der Onkel seiner Mutter leitete ein kleines Geldinstitut im Finanzzentrum New York. Diesem Vorbild sollte der junge Tunichtgut künftig nacheifern. Zunächst folgt er dem mütterlichen Auftrag, wenn auch widerwillig. »So was von langweilig!«, schimpft er noch heute über seine erste Zeit in der Neuen Welt, in der er als Laufbursche in Manhattan Fuß fassen sollte: »Ich habe jede Minute gehasst!«

Doch drei Jahre später eröffnete Walter Munk seiner Mutter, dass aus ihm wohl nie ein Geldmensch werden würde. Rega Brunner schickte ihrem Sohn noch einen letzten Scheck, versehen mit dem Hinweis, dass er von nun an auf sich allein gestellt sei. Der 18-jährige Schul- und Lehrabbrecher kaufte sich ein Auto und kutschierte damit quer durch den Kontinent in Richtung Westküste. »Ich war unglaublich naiv und hatte großes Glück«, erinnert sich der Wissenschaftler. Er schrieb sich am renommierten California Institute of Technology ein, studierte Physik, später Ozeanografie an der University of California in Los Angeles und entdeckte bei Exkursionen zu Erdspalten seine Liebe zur Geophysik. Wie die Vorgänge im Erdinneren die tektonischen Platten in Bewegung versetzen und auf den Ozeanen die Wassermassen zu Wellen auftürmen, wurde fortan zu seinem Lebensinhalt. Mit 21 Jahren war aus dem schlechten Schüler ein engagierter Student geworden.

Seine Freundin verbrachte 1939 den Sommer in La Jolla und lockte auch ihn dorthin. Auf der Suche nach einem Ferienjob bewarb er sich bei der Scripps Institution of Oceanography . Das Institut bestand aus 15 Mitarbeitern und wurde von dem norwegischen Polarforscher Harald Sverdrup und dem Geologen Roger Revelle geleitet. »Die Romanze mit dem Mädchen war bald vorbei, aber Sverdrup, Revelle und ich wurden enge Freunde, und 70 Jahre später bin ich immer noch hier«, schmunzelt der Forscher.

Während sich sein Leben gut entwickelte, kamen schlechte Nachrichten aus der Heimat. Seine Mutter war Jüdin, ihr zweiter Mann Mitglied der Schuschnigg-Regierung und Gegner der Nationalsozialisten. Nach dem »Anschluss« Österreichs an Deutschland schwebten sie in größter Gefahr. Doch auch sie konnten nach Kalifornien fliehen. Munk brach mit der Heimat, wurde 1939 US-Staatsbürger und meldete sich als famoser Skifahrer zu den Gebirgstruppen der US Army. »Das war aber total langweilig, ich wollte Action auf dem Schlachtfeld.« Zwei Jahre diente Munk und erhielt nie einen Einsatzbefehl. Schließlich wurde er an das Institut zurückgeholt, um sich an Meeresstudien für das Verteidigungsministerium zu beteiligen.

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