Fragen an den Altkanzler : Verstehen Sie das, Herr Schmidt?
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"Wir sind ein pazifistisches Volk geworden"

ZEITmagazin: Sie haben ihn früher oft gebraucht, auch polemisch in der politischen Auseinandersetzung, wenn Sie zum Beispiel jemandem vorgeworfen haben, er sei noch nicht erwachsen.

Schmidt: Das mag so sein. Der Ausdruck kann aber ganz verschiedene Dinge meinen. Wenn er polemisch gebraucht wird, geht es meist darum, die Idee des politischen Gegners als unreif und als unvernünftig herabzusetzen.

ZEITmagazin: Hatte Ihre Generation nach dem Krieg das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen?

Schmidt: Der Ausdruck "etwas wiedergutmachen" ist ein bisschen schwierig. Aber viele ehemalige Kriegsteilnehmer haben es aufgrund ihrer Erfahrungen als ihre Pflicht angesehen, sich für den Frieden einzusetzen.

ZEITmagazin: Waren sie erfolgreich?

Schmidt: Kann man so sagen; jedenfalls haben die großen europäischen Staaten es mithilfe der Amerikaner geschafft, seit mehr als sechzig Jahren keinen Krieg mehr gegeneinander zu führen. Das ist ein Novum.

ZEITmagazin: Würden Sie sagen, dass die Deutschen zu einem friedfertigen Volk geworden sind?

Schmidt: Ja, wir sind ein teilweise sogar pazifistisches Volk geworden.

ZEITmagazin: Erfüllt Sie das mit Genugtuung?

Schmidt: Ja.

ZEITmagazin: Bundespräsident Gauck hat im Interview mit der ZEIT gesagt: "Es wäre mir bis 1990 nicht über die Lippen gekommen, dass ich stolz auf mein Land wäre." Jetzt aber sei der Begriff Stolz in einem aufgeklärten Maße auch möglich in Bezug auf unsere Nation. Sie dagegen haben noch 2010 auf die Frage, ob Sie heute sagen würden, dass Sie stolz auf Deutschland sind, geantwortet: "Ich habe bisher keinen Grund, das zu sagen."

Schmidt: Stolz zu empfinden ist eine Sache. Eine andere Sache ist es, von Stolz – zum Beispiel auf das eigene Land – zu sprechen oder gar ihn zu feiern. Ich bin darin ziemlich zurückhaltend.

ZEITmagazin: Die Lebenserwartung junger Generationen ist heute so hoch wie noch nie. Ist es da nicht widersinnig, dass in der Schule und im Studium so aufs Tempo gedrückt wird, zumal ja auch die Wehrpflicht und der Ersatzdienst weggefallen sind?

Schmidt: Die allgemeine Schulpflicht ist möglicherweise ein bisschen zu weit gegangen. Tatsächlich wachsen in den europäischen Völkern nicht genug junge Leute nach. Das heißt, man darf die Schulpflicht nicht ewig ausdehnen, man muss sie begrenzt halten. Es ist auch nicht notwendig, dass die Ausbildung zum Maschinenbau-Facharbeiter drei Jahre dauert, vielleicht genügen auch zwei. Und natürlich kann ich einen akademisch ausgebildeten arbeitslosen Spanier innerhalb eines Jahres zum Facharbeiter machen. Die herkömmlichen Vorstellungen von Ausbildung sind angesichts der modernen technischen Hilfsmittel, die heute zur Verfügung stehen, ziemlich reformbedürftig.

ZEITmagazin: Aber geht es denn nur darum, dass junge Leute möglichst schnell dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen? Gehören zum Erwachsenwerden nicht auch Umwege und Irrtümer?

Schmidt: Das würde ich ohne Weiteres bejahen. Man lernt während des ganzen Lebens. Trotzdem ist es notwendig, dass die Ausbildungswege verkürzt werden; denn wir können eine Gesellschaft nicht mehr ernähren, wenn immer mehr alte Leute auf die Rente warten und immer weniger Leute die Rente finanzieren.

ZEITmagazin: Gibt es eine Erfahrung, die Sie gern gemacht hätten, aber nicht machen konnten?

Schmidt: Das ist die Erfahrung des Städtebauers und des Architekten. Und ich hätte gern meinen Großvater kennengelernt.

ZEITmagazin: Gibt es außer Loki einen Menschen, an den Sie beinahe täglich denken?

Schmidt: Beinahe täglich denke ich an meine Freundin Ruth Loah.

ZEITmagazin: Bei ihr haben Sie nach Lokis Tod Halt gefunden: Ist sie Ihre neue Lebensgefährtin?

Schmidt: Ja.

ZEITmagazin: Seit wann kennen Sie sie?

Schmidt: Ich kenne sie seit 1955. Sie war mal meine Mitarbeiterin, auch hier bei der ZEIT . Sie ist eine große Hilfe.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch Weggefährten schreiben Sie mit großer Wärme über Lilli Palmer. Es wirkt so, als ob Sie sie gut gekannt und gemocht hätten.

Schmidt: Das stimmt. Sie war mit meiner Frau genauso befreundet wie mit mir. Sie war mehr als eine Schauspielerin; sie hatte eine große Lebenserfahrung und war eine sehr angenehme Gesprächspartnerin.

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Kommentare

71 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Habe nichts unterstellt

Der Kanzler hat 1975 und 1977 in Kauf genommen, dass von Mirbach und Schleyer getötet würden; was ja dann auch geschah. Er hat somit "geschehen lassen", dass sie ermordet wurden. [...] Ich will und wollte diese Entscheidungen von Helmut Schmidt nicht werten, nur ins Gedächtnis rufen.

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf falsche Tatsachenbehauptungen. Danke, die Redaktion/au.

Ein Seemann In Not

kann das jemand so gut singen wie ich? ein hamburger (könnte man auch denken engl. hamburger) als bundeskanzler. darüber kann man mal kurz nachdenken. wie konnte sowas passieren? muss dazu sagen komme aus bw und lasse mir nur ungern die show stehlen. aber heute das muss ich zugeben ist einer auf dem besten wege das zu tun. was würde helmut zu schwarz-grün sagen. ich gebe die antwort: eine genugtuung. was würde ich sagen: nix mehr

Privatleben

Der liebste Liebling der Deutschen wird nun langsam alt.
Die Liebe als unabdingbare Lebenserfahrung auf dem Weg zur erwachsenen Reife ist per definitionem eine Sache zwischen Mann und Frau; die Lebensgefährtin ist eine grosse Hilfe (beim Ertragen des Lebens und der Trauer um Loki, im Haushalt, beim Mittagessenkochen?); die Lebensgefährtin muss erwähnt werden, journalistisch schlagfertiger war Lorenzo nie: "Gibt es außer Loki einen Menschen, an den Sie beinahe täglich denken?" - nota bene nach Fragen über den deutschen Arbeitsmarkt und verpasste Erfahrungen.
Ein spätes Glück sei jedem gegönnt. Bei allem Respekt und guten Wünschen, so plump und undurchdacht war selten ein Interview mit dem Altkanzler. Interessanter als die eingestreute Neuigkeit über das Privatleben, das doch privatum bleiben sollte, ist die Antwort auf die Frage "Hat sich der deutsche Bundeskanzler geschämt?"
"Nein, ich war ein Betroffener. Mein Vater war ein sogenannter Halbjude, ich war ein sogenannter Vierteljude; das ist der Wortgebrauch, den die Nazis eingeführt haben." In welcher Form dies ein Betroffendasein auslöst, das den Vergleich zu den ermordeten oder in Folge der Verfolgung flüchtenden Juden standhält, bleibt unklar. Ebenso provoziert die Aussage, "nach dem Krieg erfuhr ich von der Ermordung von sechs Millionen Juden", doch die Nachfrage, was während des Krieges erfahren wurde. Selbstverständlich ist ein Interviewgespräch mit Hrn. di Loenzo nicht spontan, sondern genauestens abgesprochen.

Einigen Kommentatoren fehlt einfach das Hintergrundwissen!!!!

Herr Schmidt hat sein eigenes erlebtes Leben, warum wird das nicht von einigen Leser akzeptiert. Es geht hier nicht um ein Nachschlagewerk/ gemeint Lexikon sondern die erlebte und erfahrene Welt von Herrn Altkanzler Schmidt. Man kann alles Kritisieren, aber vielen fehlt einfach der sachliche Hintergrund um die Äußerungen von Herrn Schmidt in Frage stellen zu können .!? Wenn ich hier so einige Artikel lese, zeigen sie keine Erwachsenenmentalität. Herr Schmidt ist Alt genug für eigene Entscheidungen, die sein Leben betreffen. Die hier diese eigenartigen Kommentare abgeben, wissen nichts über den Tod und seine Folgen und damit zu Recht zu kommen - Einsamkeit braucht ein Gesprächspartner. Wer das nicht versteht und andere Gedanken hegt über die neue Partnerschaft von Herrn Schmidt - sollte sich schämen. Jeder Mensch hat das Recht selber zu Entscheiden wie er Leben will und in welcher Gemeinschaftsform. Respektieren sie diese Entscheidung, es ist Seine alleinige Entscheidung .!!!!!