DIE ZEIT: Herr Fell, Sie forschen über das Phänomen »Bewerberfaking«: Bewerber stellen sich positiver dar, als sie sind. Kommt das so häufig vor?

Clemens Fell: Ja, das ist schon recht erheblich. Bestimmte Verhaltensweisen haben in unseren Studien die Hälfte der befragten Bewerber zugegeben. Befragt wurden Probanden aus dem Uni-Umfeld, also Studenten und Absolventen, die schon Berufserfahrung hatten und sich an ihren letzten Bewerbungsprozess erinnern sollten.

ZEIT: Was sind das für Verhaltensweisen?

Fell: Etwa seine negativen Persönlichkeitsmerkmale herunterzuspielen und seine positiven Fähigkeiten besonders zu betonen. Oder starkes Interesse vorzugeben, wo vielleicht nur geringes da ist.

ZEIT: Und wie sieht das konkret aus?

Fell: Wenn jemand zum Beispiel weiß, dass ein Unternehmen viel Wert auf internationale Kooperationen legt, dann hebt er im Gespräch hervor, wie wichtig er es findet, mit Kollegen aus verschiedenen Ländern zusammenzuarbeiten und wie bereichernd Auslandsaufenthalte für den eigenen Lebensweg waren. Oder nehmen wir einen Persönlichkeitstest für einen Job, bei dem es um Kundenkontakt geht, weil man beispielsweise Dinge verkaufen muss. Wenn dann die Fragen kommen, ob ich offen bin für Neues und gerne auf Leute zugehe, denkt man sich vielleicht: Na ja, das erscheint mir wichtig für den Job, da kreuze ich mal eine besonders hohe Zustimmung an.

ZEIT: Aber das ist doch normal, oder?

Fell: Offensichtlich schon. Die Studien zeigen ja, dass es kein verschwindend kleiner Teil von Bewerbern ist, der das macht, sondern dass es viele sind. Andererseits »faken« eben nicht alle Bewerber.

ZEIT: Der Ehrliche ist also der Dumme?

Fell: Das ist zumindest naheliegend: Der Ehrliche kriegt den Job nicht, weil die andern auch mal lügen und so überzeugen. Aber ich glaube, das ist ein bisschen zu einfach gedacht. In der Personalauswahl wird versucht, Job und Bewerber einander zuzuordnen und eine möglichst gute Passung zu erzielen. Deswegen kann man nicht sagen, dass diejenigen, die weniger faken, unbedingt benachteiligt sind. Wer ehrlich ist, kann auf jeden Fall davon ausgehen, dass, wenn er den Job bekommt, er eben auch geeigneter ist.

ZEIT: Dann ist es also nicht weiter schlimm, wenn andere im Vorstellungsgespräch mogeln?

Fell: Der Begriff Faking ist an sich ja schon negativ konnotiert, aber ich würde ihn auf keinen Fall negativ bewerten. In der Arbeitspsychologie verwenden wir deshalb auch noch einen weiteren Begriff: Selbstpräsentation. Denn im Kern geht es darum, einen besseren Eindruck zu machen und so die Einstellungschancen zu erhöhen. Das ist vor allem ein funktionales und eben auch ein adaptives Verhalten. Dem Gegenüber ist das übrigens in den meisten Fällen klar. Das heißt, beim Bewerbungsprozess wird nach bestimmten Regeln gespielt. Ein Jobinterview ist keine Beichte, sondern ein Verkaufsgespräch!