VorstellungsgesprächIch bin der Beste

In Vorstellungsgesprächen wird getrickst und geschummelt – wie viel Aufschneiderei ist erlaubt? Ein Gespräch mit dem Arbeitspsychologen Clemens Fell von Kathrin Fromm

DIE ZEIT: Herr Fell, Sie forschen über das Phänomen »Bewerberfaking«: Bewerber stellen sich positiver dar, als sie sind. Kommt das so häufig vor?

Clemens Fell: Ja, das ist schon recht erheblich. Bestimmte Verhaltensweisen haben in unseren Studien die Hälfte der befragten Bewerber zugegeben. Befragt wurden Probanden aus dem Uni-Umfeld, also Studenten und Absolventen, die schon Berufserfahrung hatten und sich an ihren letzten Bewerbungsprozess erinnern sollten.

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ZEIT: Was sind das für Verhaltensweisen?

Fell: Etwa seine negativen Persönlichkeitsmerkmale herunterzuspielen und seine positiven Fähigkeiten besonders zu betonen. Oder starkes Interesse vorzugeben, wo vielleicht nur geringes da ist.

ZEIT: Und wie sieht das konkret aus?

Fell: Wenn jemand zum Beispiel weiß, dass ein Unternehmen viel Wert auf internationale Kooperationen legt, dann hebt er im Gespräch hervor, wie wichtig er es findet, mit Kollegen aus verschiedenen Ländern zusammenzuarbeiten und wie bereichernd Auslandsaufenthalte für den eigenen Lebensweg waren. Oder nehmen wir einen Persönlichkeitstest für einen Job, bei dem es um Kundenkontakt geht, weil man beispielsweise Dinge verkaufen muss. Wenn dann die Fragen kommen, ob ich offen bin für Neues und gerne auf Leute zugehe, denkt man sich vielleicht: Na ja, das erscheint mir wichtig für den Job, da kreuze ich mal eine besonders hohe Zustimmung an.

ZEIT: Aber das ist doch normal, oder?

Clemens Fell

Clemens Fell ist Arbeitspsychologe an der Universität des Saarlandes. Er untersucht das Phänomen des Bewerber-Fakings.

Fell: Offensichtlich schon. Die Studien zeigen ja, dass es kein verschwindend kleiner Teil von Bewerbern ist, der das macht, sondern dass es viele sind. Andererseits »faken« eben nicht alle Bewerber.

ZEIT: Der Ehrliche ist also der Dumme?

Fell: Das ist zumindest naheliegend: Der Ehrliche kriegt den Job nicht, weil die andern auch mal lügen und so überzeugen. Aber ich glaube, das ist ein bisschen zu einfach gedacht. In der Personalauswahl wird versucht, Job und Bewerber einander zuzuordnen und eine möglichst gute Passung zu erzielen. Deswegen kann man nicht sagen, dass diejenigen, die weniger faken, unbedingt benachteiligt sind. Wer ehrlich ist, kann auf jeden Fall davon ausgehen, dass, wenn er den Job bekommt, er eben auch geeigneter ist.

ZEIT: Dann ist es also nicht weiter schlimm, wenn andere im Vorstellungsgespräch mogeln?

Fell: Der Begriff Faking ist an sich ja schon negativ konnotiert, aber ich würde ihn auf keinen Fall negativ bewerten. In der Arbeitspsychologie verwenden wir deshalb auch noch einen weiteren Begriff: Selbstpräsentation. Denn im Kern geht es darum, einen besseren Eindruck zu machen und so die Einstellungschancen zu erhöhen. Das ist vor allem ein funktionales und eben auch ein adaptives Verhalten. Dem Gegenüber ist das übrigens in den meisten Fällen klar. Das heißt, beim Bewerbungsprozess wird nach bestimmten Regeln gespielt. Ein Jobinterview ist keine Beichte, sondern ein Verkaufsgespräch!

Leserkommentare
    • kshade
    • 20. August 2012 8:02 Uhr

    Als bei uns mal eine Frau vom Arbeitsamt (Verzeihung, "Jobcenter") vorbeikam hat sie uns erzählt: "Ihr müßt euch dem Arbeitgeber gut verkaufen!". Da ging es dann um wichtige Sachen wie die Bewerbungsmappe ("nicht das billigste nehmen!"), den lückenlosen Lebenslauf und das "selbstbewußte Auftreten", aber das allerwichtigste war das sich selbst anbiedern und verkaufen, egal ob da nun geschummelt und beschönigt wird oder nicht. Hauptsache Arbeit, irgendwie.

    Arbeitslose werden zu den gleichen Praktiken angehalten. Würde mich nicht wundern wenn jemand der bei einem Vorstellungsgespräch nicht weit kommt weil er ehrlich ist eine Strafe aufgebrummt bekommt.

    PS: "Gymnasiasten", sagte sie, "hätten unter Umständen schlechtere Chancen auf einen Job später", darum sollten wir (Gesamtschüler) uns gut überlegen ob wir so weit gehen wollen. Das war um etwa 2002, 2003. Ich hoffe die Frau ist heute selbst arbeitslos.

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    Eine Beraterin, welche die im Artikel beschriebenen Praktiken kennt und Sie darauf hinweist bzw. Ihnen in dieser Richtung Tipps gibt um Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, wird von Ihnen mit dem Wunsch gestraft hoffentlich jetzt arbeitslos zu sein?

    Das ist verachtenswert unmenschlich!

    • Feo
    • 20. August 2012 10:33 Uhr

    Genauso erging es mir auch! "Sich verkaufen, ins beste Licht rücken, "bewerben" kommt von "Werbung" und lauter so einen Kram durfte ich mir von der "Beraterin" anhören (damals als ich nach der Ausbildung nicht übernommen wurde und suchen musste). Und großartig war auch "Und wenn die sich nicht melden, telefonieren Sie denen hinterher, das zeigt Ihr Interesse" - habe das nie gemacht, war mir ehrlich gesagt zu peinlich. Außerdem musste ich feststellen, bei meiner späteren Tätigkeit, dass solche Anrufe schlicht und ergreifend NERVEN!

    Das gehört wohl aber nicht zum Artikel sondern zum Thema: Wie qualifiziert sind "Jobagenten" und wie viel haben diese beim Vorstellungsgespräch gelogen?

    ...und wird an Universitäten im Rahmen des BWL-Studiums gelehrt.

    Mein Credo: mit Ehrlichkeit und Redlichkeit kommt man im modernen Kapitalismus nicht weit - im Gegenteil, man macht sich sogar verdächtig.

    Christian Wulff und Karl-Theodor zu Guttenberg oder Silvana Koch-Mehrin machten durch geschicktes Täuschen und Lügen große Karrieren. Roland Koch und Helmut Kohl hatten hohe politische Ämter inne - eben weil sie zum richtigen Zeitpunkt gelogen haben. Warum sollte man also Ehrlich sein?

    Der moderne Kapitalismus lebt nun einmal zu einem wesentlichen Teil von Lug und Betrug - der clevere Geschäftsmann oder Politiker nennt dies bluffen. Warum sollte man einen Vorteil, der sich aus einem Bluff heraus ergibt, nicht mitnehmen?

  1. Ich hatte meine letzte Stelle bekommen, gerade weil ich offen und ehrlich vorgesprochen hatte. Das war allerdings auch ein kleiner Betrieb und das Gespräch hat der Chef selber geführt, und der hatte sehr gute Menschenkenntnis und hat keinen Bock auf dieses ganze formale Getue.

    Ich kannte aber auch jemand, der für eine sehr gehobene Position mit Kusshand genommen wurde, gerade weil er ganz direkt und offen war und sogar direkt den Auftritt des Unternehmens kritisiert hat (und direkt gute Vorschläge gemacht hat). Die Interviewer waren wahrscheinlich verblüfft, haben aber gemerkt, dass er wesentlich mehr auf dem Kasten hatte als die anderen Bewerber, die wahrscheinlich nach dem bekannten Schema vorgingen.

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    • abot
    • 20. August 2012 8:52 Uhr

    Das freut mich sehr, dass es in Ihren Fällen so gelaufen ist. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass das wohl eher Ausnahmen sind.

    Es gibt leider viel zu viele die auf die Blender und Aufschneider hereinfallen (es vielleicht auch wollen). Mir ist es schon passiert, dass meinen ehrlichen Aussagen nicht geglaubt wurde, weil in Bewerbungsgesprächen anscheinend automatisch davon ausgegangen wird, dass der/die Kandidat/in lügt und übertreibt.

    • Feo
    • 20. August 2012 10:36 Uhr

    So erging es mir nach meiner Job-Berater-Elend.

    Im Bewerbungsgespräch "Können Sie dieses und jenes?" Meine Antwort: "Nein, das habe ich noch nie gemacht." Antwort: "Zum Glück sagen Sie das gleich, da weiß man, worauf man sich einlässt..."

    Wie peinlich ist es denn, zu erzählen, dass man etwas könne und wenn man dann da sitzt "Äh, nee, kann ich doch nicht" - SCHAMFAKTOR 100!

    • abot
    • 20. August 2012 8:52 Uhr

    Das freut mich sehr, dass es in Ihren Fällen so gelaufen ist. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass das wohl eher Ausnahmen sind.

    Es gibt leider viel zu viele die auf die Blender und Aufschneider hereinfallen (es vielleicht auch wollen). Mir ist es schon passiert, dass meinen ehrlichen Aussagen nicht geglaubt wurde, weil in Bewerbungsgesprächen anscheinend automatisch davon ausgegangen wird, dass der/die Kandidat/in lügt und übertreibt.

  2. behält seinen Job nicht.

    Wär auch mal ein Artikel wert.

    • TDU
    • 20. August 2012 9:11 Uhr

    Das kann man ja auf zweierlei Weise auslegen. Der Ehrliche steht am Ende "dumm da" oder der Ehrliche ist wirklich manchmal "dumm" in dem Sinne, dass es ihm am Einschätzungsvermögen über sich selbst fehlt, und er den leichten Weg der Ehrlichkeit, gleich Understatement geht.

    Oder der, der die Ratschläge der Arbeitsagentur, die in Kommentar Nr. 1, kshade trefflich beschrieben hat, 1:1 übernimmt. Aber das gleiche gilt im Grunde für den Aufschneider. Er glaubt tasächlich, den Job dauerhaft ausüben zu können und auch noch Aufstiegschancen zu haben.

    Er wird sicher zunehmend schwerer mit der richtigen Methode der Personalauswahl. Aber richtig hinsehen und mit Wohlwollen rangehen (er hat einen Job, das Gegenüber will und braucht einen), wird den erfahrenen Personaler vermutlich erkennen lassen, wen er vor sich hat. Den sich selbst unterschätzenden Verzagten oder den sich überschätzenden Aufschneider. Zumindest da, wo es nicht nach Quote, Beziehungen, Familie oder sonstigen informellen Regeln geht.

    Trotz aller unehrlichen Kreuzchen und Aufplusterei. Und die Chance, verborgenes Talent zu entdecken, dessen Fähigkeiten mit den Anforderungen steigen, eröffnet sich dann auch.

    Will man als Bewerber also die Fairness von der anderen Seite, sollte man sie selbst auch bringen. Die, die auf der anderen Seite sitzen, sind vermutlich nicht die Dummen. Und sich immer fragen, was will ich, was kann ich, und wo will ich hin.

  3. ...ist Teil dieser Gesellschaft. Wen wundert`s ?

  4. Ich denke nicht selten werden utopische Vorstellungen bei der Stellenausschreibungen mit utopischen Vorstellungen bei der Bewerbung beantwortet: Wer einen Angeber (z.B. für Vertrieb und Marketing keine unwichtige Eigenschaft!) sucht, bei dem wird dieses grenzwertige Lügen doch zum Einstellungskriterium ..

    Zum anderen sind Stellen häufig extrem unpräzise dargestellt, Hauptsache, der Bewerber ist "der Beste" - wofür muss sich dann noch zeigen. Und eben das ist ja auch Realität: Ein Bewerber wird für Position X eingestellt und entwickelt sich aufgrund von Interessen und Neigungen nach kurzer Zeit in Richtung Y, weil dort eine Stelle geschaffen wird und berufliches Fortkommen erahnt werden kann.

    Personaler müssen natürlich mit Fakes umgehen, das ist normal und Teil ihres Jobs. Sie werden dafür bezahlt, das Matching hin zu bekommen, dass das Ausmaß des Schummelns beim Bewerber mit der Anforderung an das Angeben/Lügen der entsprechenden Position korreliert. Denn seien wir ehrlich: Auch im Job ist der Übergang von der Wahrheit zur Lüge fließend ..

  5. Eine Beraterin, welche die im Artikel beschriebenen Praktiken kennt und Sie darauf hinweist bzw. Ihnen in dieser Richtung Tipps gibt um Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, wird von Ihnen mit dem Wunsch gestraft hoffentlich jetzt arbeitslos zu sein?

    Das ist verachtenswert unmenschlich!

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