Die Erklärung war schnell zur Hand: Gleichstellungsfrauen sahen einen pointiert auftretenden Gleichstellungsmann als Bedrohung und machten seine politische Kastration zur Bedingung für die Aufnahme in ihren Kreis. Doch diese Erklärung ist mir zu einfach. Es waren andere Gründe, die mich, den ersten staatlichen Männerbeauftragten der Schweiz, dazu brachten, mein Amt am 24. Juli nach nur drei Wochen niederzulegen.

Ausschlaggebend war kein Geschlechterkampf, sondern ein Streit um die Geschlechterpolitik der Zukunft.

Blenden wir zurück. In einer ersten Phase war Geschlechterpolitik aus gutem Grund Frauenförderung. In einer zweiten Phase – in dieser befinden wir uns zurzeit – wird die Gleichstellungsarbeit nach wie vor von Frauen dominiert, sie richtet sich aber an Frauen wie Männer. Mit dem geltenden Gleichstellungsgesetz als Grundlage wird dabei ein Verteilungskampf ausgefochten. Doch wie soll sich bemessen lassen, ob es »besser« ist, acht Prozent weniger zu verdienen, wie dies Schweizer Frauen tun, oder fünf Jahre früher zu sterben, was uns Männern blüht? Also brauchen wir nun eine dritte Phase der Geschlechterpolitik. Sie vereint Männeranliegen und Frauenbelange, sie hat Chancengleichheit und Gestaltungsfreiheit zum Ziel und ist getrieben von der Sehnsucht nach gelebter Gleichwertigkeit.

Als Zürcher Männerbeauftragter hätte ich gerne Antworten auf die Frage gesucht: Wie gelingt die einvernehmliche Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse?

Meine Pläne missfielen Männern, die Gleichstellung als Frauenförderung nur tolerieren, solange sie nicht wehtut. Und zu viele Frauen sehen in der Geschlechterpolitik noch immer einen Kampf von benachteiligten Frauen gegen privilegierte Männer. Für sie sind Männer, die sich für Gleichstellung einsetzen, eine Provokation, denn ihre Existenz zeigt: Die heutige Geschlechterordnung kommt beileibe nicht allen Männern zugute und schadet nicht allen Frauen. Gleichstellungsinstitutionen und Frauenorganisationen reagieren auf Gleichstellungsmänner mit einer Verteidigungshaltung. Das ist gefährlich. Denn die Zustimmung für ihre Antidiskriminierungspolitik schwindet, weil viele Männer sich benachteiligt fühlen und jüngere Frauen sich nicht von den feministischen Kämpferinnen der Generation über 50 vertreten sehen.

Ich wage die Behauptung: Ohne grundsätzliche Debatte über die Ausrichtung der Gleichstellungspolitik schafft sie sich innerhalb der nächsten zehn Jahre selbst ab.

Denn was auf den ersten Blick nach Geschlechterkampf aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Richtungsstreit: Fortschritt oder Bewahrung? Die Frontlinie verläuft heute nicht mehr nur zwischen Männern und Frauen. Sondern zwischen jenen Menschen, die Gleichstellung als historische Chance zur Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse verstehen. Und jenen, die an der bestehenden patriarchalischen Ordnung festhalten wollen beziehungsweise gleich die Männer- durch eine Frauenherrschaft ablösen wollen.