Film "Rum Diary": Darauf einen Drink!
Ein wunderbar gefilmter Sommersuperkitsch mit Johnny Depp – "The Rum Diary" von Bruce Robinson.
Die Frauen sind eine Versuchung, aber der Rum ist ein Fluch. Hätte Ernest Hemingway wirklich gute Geschichten geschrieben, wäre ihm eine Story wie diese eingefallen, aber ein anderer hat sie geschrieben, und mit Johnny Depp ist sie vergangenes Jahr von Bruce Robinson verfilmt worden.
1959 kommt der Journalist Paul Kemp nach Puerto Rico, um bei einer kleinen Zeitung anzuheuern, die sich souverän The San Juan Star nennt. Es ist in Wirklichkeit eine verlauste Gazette kurz vor der Pleite. Vorm Haus toben Straßenschlachten. Der dicke weiße Mann, der mit seiner übergewichtigen Frau nach Puerto Rico in den Urlaub fliegt, verlässt das Hotel längst nicht mehr. Rebellion liegt in der Luft, im Außengebiet der USA. Der Gringo muss sich im eigenen Land in Acht nehmen, aber davon liest man keine Zeile im Star. Kemp soll, wie es so schön heißt, frischen Wind ins Blatt hineinwehen, doch niemand vertreibt diese Schwaden: Rum, Schweiß, Verzweiflung.
Johnny Depps Gesicht ist glatt genug, um ihn in jede Umgebung als Fremden zu stellen, aber wenn er trinkt, glaubt man es ihm. Seine neuen Kumpane, neben dem Rum, sind ein bäriger Reporter, in dessen Schlafzimmer die Kampfhähne mit übernachten dürfen, sowie ein nicht mehr schreibfähiger Schwede mit ausfallender Körpermotorik und dem Hang zum Sentimentalen – Szenen, in denen Platten mit Reden des Führers durch San Juan dröhnen.
Eines Nachts entsteigt dem Meer, was ein Mann an einem solchen gottlosen Ort am meisten ersehnt: die perfekte Blonde. Chenault (Amber Heard) ist ein Grund, jedenfalls zeitweise nüchtern zu bleiben, doch leider – alles ist in diesem Film, wie es immer ist und auch sein soll – gehört sie bereits dem Unternehmer Sanderson (Aaron Eckhart). Und Sanderson bemüht sich rührend um Kemp, er zeigt ihm das luxuriöse Puerto Rico, das Leben in gläsernen Strandvillen und in roten Sportwagen. Er duldet sogar, dass Chenault heftig mit Kemp flirtet.
Damit wären wir mitten im Plot, in diesem amerikanischen Männerfilm alter Schule, mit schlimmem Kater, Raufereien und einer ganz einfachen Liebesgeschichte. Es gibt aber auch wundervoll fotografierte Bilder, die den Film an sich schon sehr sehenswert machen, und es gibt den klassischen moralischen Konflikt, an dem der Held erwachsen werden muss, um am Ende Rum & Verzweiflung endgültig hinter sich zu lassen.
Denn Sanderson ist ein Baulöwe avant la lettre, er will eine kleine Insel vor der Küste in eine Urlaubshölle mit termitenhaftem Strandleben und ewig rumpelnden Bowlingbahnen verwandeln. Dafür wird Kemp engagiert, damit er im Star Stimmung für das Projekt macht. Das Ganze ist natürlich illegal. Big Money, das ist der eigentliche Fluch der Karibik.
The Rum Diary basiert auf dem gleichnamigen Anfang der Sechziger geschriebenen, aber erst 1998 erschienenen Roman der amerikanischen Reporterlegende Hunter S. Thompson. Thompson revolutionierte in den sechziger Jahren den Journalismus, er spielte in seinen Texten mit der eigenen Person und ihren Empfindungen und gilt auch als der Erfinder des »Gonzo-Journalismus«, in dem Fakten und Fiktionen sich hemmungslos paaren. Seine literarischen Reportagen sind heute noch lesenswert. Thompson war links, er war ein genialer Chronist der Hippiezeit, und er war ein giftiger Porträtist des republikanischen Establishment-Amerikas. Johnny Depp war mit ihm befreundet und stand auch an seinem Grab, nachdem Thompson sich im Jahr 2005 das Leben genommen hatte.






...hätte man ihm nicht so eine schlechte deutsche Synchronfassung verpasst. Im Fall Johnny Depp mit Marcus Off statt David Nathan fehlbesetzt und dazu auch noch teilweise falsch übersetzt, so dass der eingeblendete Text am Ende des Films keinen Sinn mehr macht. Ich empfehle daher, auf die Originalfassung mit Untertiteln auszuweichen.
Hier Sommerkitsch und im TV wird mit Sommerkomödie geworben, was der Film ist.
Bruce Robinson hat einen gelungen Roman, eine Hommage an F. Scott Fitzgeralds 'Gatsby', Mainstream degradiert.
Romanadaptionen müssen immer gekürzt werden, doch hier wurde das Erbe Hunter Thompsons beschmutzt. Einem Mann in der Tradition Twains (T. Wolfe).
"Rum Diary" ist, wie "Gatsby" keine Komödie, sondern eine von Alkohol, Untergangsstimmung geschwängerte Geschichte, ohne Happy End--in der Thompson seine Zeit als Journalist in Puerto Rico hat einfließen lassen, was Paul Kemp aber nicht zu einem gemäßigtem Raoul Duke, aus 'Fear and Loathing in Las Vegas',macht.
HST sah sich auch in Yeoman, der in der Verfilmung weggelassen wurde bzw. in die Figur des Sanderson transformiert wurde. Im Buch ist er eine zentrale Figur, wild und trinkfest, während Sanderson/Yeoman im Film ein Snob ist, dem Kemp die Frau ausspannt.
Tiefgründigen Mono/Dialoge wie im Roman darf man nicht erwarten, diese hat Robinson durch klischeehafte Phrasen ersetzt.
Es fehlt die Achtung vor Thompsons Lebenswerk, wie Terry Gilliam sie bewies, der mit Johnny Depp, 'Fear and Loathing in Las Vegas', verfilmte. Robinson benutzt Elemente, wie den Konsum von LSD und einen an Dr. Gonzoesquen Sala, um noch den letzten Fan von 'FLLV' zu ködern.
Robinson hatte die Chance einem einzigartigen Schriftsteller und Journalisten unserer Zeit ein Denkmal zu setzten...
P.S
Wie sollte Johnny Depp am Grabe Thompsons stehen???
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