Neun Jugendliche schauen mich erwartungsvoll an. Es ist Montagmorgen in einer Jugendvollzugsanstalt, irgendwo in Deutschland. Gleich soll hier eine Literaturwerkstatt beginnen. Die Jugendlichen wurden darauf vorbereitet, dass eine Schriftstellerin kommt, die ihnen Literatur vermitteln will und sie ermuntern möchte, selbst Texte zu verfassen.

Die beiden Lehrer stellen mich begeistert den Schülern vor. Das ist nicht selbstverständlich. Mich begrüßte auch schon mal ein Gefängnisdirektor vor den Ohren der Teilnehmer mit den Worten, er wisse gar nicht, was ich bei solchen »Assis« wolle, er hätte mich ganz bestimmt nicht eingeladen, das sei doch bestimmt wieder so eine komische Idee irgendwelcher Gutmenschen gewesen.

Seit sechs Jahren biete ich Literaturwerkstätten in Jugendhaftanstalten, Förder- und Hauptschulen in der ganzen Bundesrepublik an.

Die Jugendlichen sind dieses Mal zwischen 15 und 19 Jahre alt, normal gekleidet, ich schaue nicht durch Gitterstäbe, sondern sitze ihnen direkt gegenüber. Die Lehrer gehen, und ich erkläre den Jugendlichen, dass ich zwei Bücher geschrieben habe, mehrere Berichte in Zeitungen veröffentlicht habe; dass ich früher nicht brav mein Abitur gemacht und danach zehn Semester Germanistik studiert habe, sondern dass ich früher auf der Hauptschule war und im Heim gelebt habe. Ehrlicherweise, dass ich in vielen Heimen und auf vielen Hauptschulen war, da ich so meine Schwierigkeiten mit Erwachsenen hatte. Ob sie verstehen, was ich meine, frage ich sie – sie nicken wissend. Dann erzähle ich, dass ich Schnitte in meinem Leben machen musste, mich von Menschen trennte, um zu überleben. Auch das begreifen sie. Dass dann aus meinen gutbürgerlichen Mittelstandskinderfreunden nach und nach was wurde; nur ich packte es nicht, Fuß in einer Welt zu fassen, die mir nicht vertraut war. Manchmal brachte eine Jesuit, Hösl heißt er, Licht in mein Leben.

Ich schrieb ein Buch und suchte anderthalb Jahre vergeblich nach einem Verlag, schickte dann mein Manuskript zum Oldenburger Kinder- und Jugendbuchwettbewerb und gewann diesen. Ende 2006 fragte mich der katholische Priester an der Jugend-JVA in Siegburg, ob ich mir vorstellen könne, eine Literaturwerkstatt mit den Jugendlichen durchzuführen.

Ich konnte es mir gut vorstellen, und seitdem tingele ich durch die Republik. Ob sie denn wüssten, was man als Schriftsteller haben müsste, frage ich die Heranwachsenden. »Abitur?«, fragt einer. »Nein, die hat doch gesagt, dass die auf der Hauptschule war!«, wirft ein anderer ein. »Beziehungen?« – »Die sind auch nicht schlecht, hatte ich aber nicht!«