Lyrik im Gefängnis: Die Gedanken sind frei
Gedichte hinter Gittern – die Schriftstellerin Mirijam Günter führt Literaturwerkstätten mit jugendlichen Gefangenen durch. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen.
Neun Jugendliche schauen mich erwartungsvoll an. Es ist Montagmorgen in einer Jugendvollzugsanstalt, irgendwo in Deutschland. Gleich soll hier eine Literaturwerkstatt beginnen. Die Jugendlichen wurden darauf vorbereitet, dass eine Schriftstellerin kommt, die ihnen Literatur vermitteln will und sie ermuntern möchte, selbst Texte zu verfassen.
Die beiden Lehrer stellen mich begeistert den Schülern vor. Das ist nicht selbstverständlich. Mich begrüßte auch schon mal ein Gefängnisdirektor vor den Ohren der Teilnehmer mit den Worten, er wisse gar nicht, was ich bei solchen »Assis« wolle, er hätte mich ganz bestimmt nicht eingeladen, das sei doch bestimmt wieder so eine komische Idee irgendwelcher Gutmenschen gewesen.
Seit sechs Jahren biete ich Literaturwerkstätten in Jugendhaftanstalten, Förder- und Hauptschulen in der ganzen Bundesrepublik an.
Die Schriftstellerin Mirijam Günter lebt in Köln. Für ihren ersten Roman (»Heim«) bekam sie den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis. Seit sechs Jahren gibt sie Literaturwerkstätten
Die Jugendlichen sind dieses Mal zwischen 15 und 19 Jahre alt, normal gekleidet, ich schaue nicht durch Gitterstäbe, sondern sitze ihnen direkt gegenüber. Die Lehrer gehen, und ich erkläre den Jugendlichen, dass ich zwei Bücher geschrieben habe, mehrere Berichte in Zeitungen veröffentlicht habe; dass ich früher nicht brav mein Abitur gemacht und danach zehn Semester Germanistik studiert habe, sondern dass ich früher auf der Hauptschule war und im Heim gelebt habe. Ehrlicherweise, dass ich in vielen Heimen und auf vielen Hauptschulen war, da ich so meine Schwierigkeiten mit Erwachsenen hatte. Ob sie verstehen, was ich meine, frage ich sie – sie nicken wissend. Dann erzähle ich, dass ich Schnitte in meinem Leben machen musste, mich von Menschen trennte, um zu überleben. Auch das begreifen sie. Dass dann aus meinen gutbürgerlichen Mittelstandskinderfreunden nach und nach was wurde; nur ich packte es nicht, Fuß in einer Welt zu fassen, die mir nicht vertraut war. Manchmal brachte eine Jesuit, Hösl heißt er, Licht in mein Leben.
Ich schrieb ein Buch und suchte anderthalb Jahre vergeblich nach einem Verlag, schickte dann mein Manuskript zum Oldenburger Kinder- und Jugendbuchwettbewerb und gewann diesen. Ende 2006 fragte mich der katholische Priester an der Jugend-JVA in Siegburg, ob ich mir vorstellen könne, eine Literaturwerkstatt mit den Jugendlichen durchzuführen.
Ich konnte es mir gut vorstellen, und seitdem tingele ich durch die Republik. Ob sie denn wüssten, was man als Schriftsteller haben müsste, frage ich die Heranwachsenden. »Abitur?«, fragt einer. »Nein, die hat doch gesagt, dass die auf der Hauptschule war!«, wirft ein anderer ein. »Beziehungen?« – »Die sind auch nicht schlecht, hatte ich aber nicht!«





dieser Beitrag. Danke.
Literatur kann ein Überlebensmittel sein, das ist mir seit der Kindheit bewusst - ohne diese wäre ich mit ziemlicher Sicherheit auch irgendwann eingefahren, wie so viele andere.
Schreiben lernen ist eine gute Sache, erst recht, wenn man sonst nichts hat was einen trägt und weiterhilft.
Die imaginierte Leserschaft ist die weite Welt, in der man irgendwann - hoffentlich - ankommt.
Es gäbe soviel zu sagen, aber niemand hört zu. Also schreibt man es auf - für irgendwen. Das ist der Notausgang, vor der Inhumanisierung des Selbst durch die Verhältnisse.
Das es auch rückwärts gehen kann und das literarische Streben sogar die Gitterstäbe überwinden kann, das beweist die Mutige nicht nur zwischen den Zeilen.
Es ist kein Traum: Worte können verletzen, aber auch heilen.
Und ermutigen. Der Autorin viel Glück, Beständigkeit und Erfolg dabei.
Mirjiam Günter ist wirklich großartig. Habe sie mal kurz kennengelernt. Jemand, der einen wahrhaft freien Geist besitzt. Total unbeeindruckt von Stereotypen und Hypes, sowohl auf der "einen" als auch auf der "anderen" Seite. Ihre Arbeit ist fantastisch. Ein Lichtblick im Sumpf des Stumpfsinns. Ich frage mich auch immer, was mit denen "auf der anderen Seite" ist. Sie scheinen in einem anderen Universum zu leben. Treten nur zutage, wenn irgendwelche Gewalttaten publik werden. Oder Klagedokus über soziale Brennpunkte. Was manche Männer (und Frauen) an Gewalt anzurichten imstande sind. Und wie viel Kraft diejenigen beweisen, die trotzdem noch zugänglich sind für das Nachdenken über sich selbst und die Romantik. Und für Kontakt mit den "einen", sie stehen ihnen näher, als sie denken.
Respekt und danke.
Mirjiam Günter ist wirklich großartig. Habe sie mal kurz kennengelernt. Jemand, der einen wahrhaft freien Geist besitzt. Total unbeeindruckt von Stereotypen und Hypes, sowohl auf der "einen" als auch auf der "anderen" Seite. Ihre Arbeit ist fantastisch. Ein Lichtblick im Sumpf des Stumpfsinns. Ich frage mich auch immer, was mit denen "auf der anderen Seite" ist. Sie scheinen in einem anderen Universum zu leben. Treten nur zutage, wenn irgendwelche Gewalttaten publik werden. Oder Klagedokus über soziale Brennpunkte. Was manche Männer (und Frauen) an Gewalt anzurichten imstande sind. Und wie viel Kraft diejenigen beweisen, die trotzdem noch zugänglich sind für das Nachdenken über sich selbst und die Romantik. Und für Kontakt mit den "einen", sie stehen ihnen näher, als sie denken.
Respekt und danke.
...Mut macht. Danke.
schon 'mal eine Hilfe sein. Mut zu eigenen Worten, die einem Näher sind als fremde Gewalt, die zur eigenen wurde und doch zu nichts anderem führt. Herzlichen Dank für die Aufklärung und viel Mut zur Veröffentlichung.
Genau diese Art von Projekten ist es, bei denen ich eine Chance sehe, dass sie etwas "bringen".
Denn zum einen erhalten die betreffenden Jugendlichen durch die Haft eine sehr geregelte Tagesstruktur. Was allein aber noch nichts bringt, denn dadurch entsteht auch Langeweile und Ausweglosigkeit.
Mit dieser Art von Projekten wird aber gleichzeitig auch eine Persönlichkeit geformt. Und das ist es, was wirklich "resozialisiert". Denn ohne dass die Jugendlichen sich entwickeln können, wird die Strafe meist abgesessen und an dem Punkt weitergemacht, der zur Haft führte.
Nur mit Disziplin, Struktur aber auch Entwicklung, Ausbildung und Selbstverwirklichung ist eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft möglich.
Beim "Aufsehermodell" fehlt es nicht an Disziplin aber an allem anderen, heraus kommen gebrochene Menschen.
Fehlt die Disziplin, kann kein Projekt erfolgreich sein, denn die Jugendlichen haben ja gezeigt, dass sie mit ihren Feiheiten überfordert sind und angelitten werden müssen.
Erst aus beiden Aspekten zusammen ergibt sich ein sinnvolles Programm.
für den Artikel – und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!
Vielen Dank für diesen berührenden Artikel.
Wir sehen immer nur Jugendliche, die sich daneben benehmen und ärgern uns über sie, weil wir ihre Geschichte nicht kennen. Wenn wir ihre Geschichte dann kennen, schmilzt die ganze Wut, die ganze Überheblichkeit.
Dieser Artikel erzeugt bei a) Mitgefühl für das furchtbare Schicksal, das viele Jugendliche erlitten haben und b) große Dankbarkeit für mein eigenes Leben.
Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/au.
... sie hat schon vielen Menschen in allen Lebenssituationen unverhoffterweise geholfen, sei es nun im Gefängnis oder während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg.
Zu oft wird sie unterschätzt als hoffnungs- und visiongebendes Medium.
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