Neulich beteten wir für einen sterbenskranken Bauarbeiter, der kurz darauf aus dem Krankenhausbett aufstand, seinen Tropf in die Hand nahm, auf den Flur hinauslief und rief: »Ich bin geheilt! Ich bin geheilt!«

Zur gleichen Zeit erhielten wir einen erbosten Brief von einer deutschen Familie, die eine Townshiptour gemacht hatte. Ob wir jemals ein Township betreten hätten, wie sonst könnten wir als Schriftsteller das Elend dort bunt und lebensfroh beschreiben. Ihre Empörung machte uns bewusst, was uns so selbstverständlich geworden war, dass wir es nicht mehr bemerkten: eine geradezu aggressive positive Lebenseinstellung.

Wir leben mit unseren Kindern seit sieben Jahren in Südafrika. Es war unsere Entscheidung, das Licht im Dunkel der Welt zu sehen, die uns zum Glauben gebracht hat. Dieser Glaube hat mit der transformierenden Kraft der Liebe zu tun.

Vor acht Jahren wohnten wir noch in Berlin-Mitte. Wir standen an einem Punkt unseres Lebens, an dem sich ein Überdruss breitmachte, der schwer zu fassen war. Deutsche Winterdepression? Berliner Künstlermelancholie? Midlife-Crisis?

Wir fragten uns, ob das alles war, was das Leben zu bieten hatte: Bücher schreiben, Kinder kriegen, trinken gehen. Ein paar rauschhafte Nächte, gute Filme und anregende Gespräche. So zog das Leben vorbei – die meiste Zeit recht angenehm, ohne besonderen Schmerz, aber auch ohne besondere Tiefe.

Es musste mehr als all das geben. Wir lebten zwar in unvergleichlichem kulturellen Reichtum, doch Kunst, Musik, Literatur boten keine Antworten mehr. Wir waren durstig und hungrig, aber egal was wir in uns hineinfüllten, wir wurden nicht satt.

Da es nicht weiter in die Tiefe ging, suchten wir die Lösung in der Breite. Wir wollten mehr Sonne, herzlichere Menschen, noch mehr kulturelle Vielfalt und ein noch anregenderes Leben. Wir dachten ans Mittelmeer, an Vancouver, an Kalifornien. Aber zu unserer Überraschung landeten wir in Südafrika. Unsere Vorurteile fanden wir sofort bestätigt, als wir auf der Autobahn an den Bretterbuden der Townships vorbeifuhren, die sich endlos hinzogen. Aber es war auch verdammt schön, dieses Land. Die Weite, die Berge gleich neben dem Meer. Der eisblaue, eiskalte Atlantik. So viel unbewohnte, unbebaute Natur griff uns Stadtmenschen ans Herz.

In einer warmen Januarnacht saßen wir auf einer Bank im Garten unter der Bougainvillea, der Mond ging auf, stand für einen Moment auf dem Bergrücken, als wollte er hinunterrollen und im Meer versinken. Ein Frieden kam über uns. Und wir wussten, hier wollten wir leben.

Wir gingen Langusten angeln, im wilden Atlantik surfen, bestiegen den Tafelberg und lernten Menschen kennen, die die natürliche Großzügigkeit ihres Landes widerspiegelten. Auch ihre Lebensgeschichten waren ein paar Nummern größer als unsere.

Der Süßigkeitenverkäufer in der Grundschule unserer Kinder zum Beispiel war erst Lehrer, dann Söldner im Kongo gewesen, danach Maisfarmer, und hatte später seine Korbfabrik in einem tropischen Wirbelsturm verloren. Jetzt verkauft er Naturheilkräuter und afrikanischen Schmuck und züchtet Papageien. Wilson Salukazana war Hotelboy und Bankangestellter während der Apartheid, ist Kindergartengründer, Walschreier, Mentor vieler Vaterloser im Township, König des Hlubi-Clans, Fundraiser und mit seinen 70 Jahren auch noch Tourguide. Vor allem aber Christ.

Es dauerte auch nicht lange, und wir begriffen, wie sehr die Menschen hier vom christlichen Glauben geprägt waren. Nelson Mandelas Absage an die Gewalt und seine Predigten für Vergebung hatten die junge Demokratie vor dem Bürgerkrieg bewahrt. Ohne Desmond Tutu und die Wahrheitskommission hätte es nie den Frieden gegeben, den die Opfer brauchten, um das Trauma der Apartheid zu überwinden und weiterzuleben. Vergebung war und ist im südafrikanischen Alltag wichtig. Anders als in unserer Heimat. Schwer vorstellbar, dass in Deutschland ein Altnazi einem ehemaligen KZ-Häftling die Füße wäscht, wie der ehemalige Sicherheitsminister Südafrikas, Adrian Vlok, dem Kirchenmann Chikane, dessen Vergiftung er während der Apartheid angeordnet hatte. Oder die Mutter der jungen Amerikanerin Amy Biel, die in einer Township gesteinigt wurde: Sie vergab den Mördern nicht nur, sondern verhalf ihnen zu einem besseren Leben.

Der Glaube der Südafrikaner ist radikaler als Punk oder Revolution

Solche Geschichten übermenschlicher Liebe sind in Südafrika an der Tagesordnung. Immer geht es um Vergebung, Nächstenliebe, Ermutigung, Gemeinschaft. Hier hat der christliche Glaube noch eine soziale Kraft. Keine sprengende, sondern eine vereinende. Als unsere Kinder sich an die neue Sprache gewöhnt und eingelebt hatten, erkrankte in ihrer Schule der siebenjährige Zach an einem Gehirntumor. Die ganze Nachbarschaft half, kochte, fuhr seine Brüder in die Schule und sammelte Geld für die Mutter, damit sie möglichst viel Zeit bei ihm im Krankenhaus verbringen konnte. Zach ist jetzt zwölf. Und Dutzende Freunde stehen der Familie immer noch bei mit allem, was sie haben. Das ist Jesus in Action.

Der Glaube der Südafrikaner ist radikaler als Punk oder Revolution

Unter Südafrikanern lernten wir einen Gott kennen, der in den Menschen lebt und nicht in einem Kirchengebäude. Einen persönlichen Gott, der Humor hat, der liebt und den Menschen Zuversicht gibt. Einen Glauben, der radikaler ist als Punk, Kommunismus, Feminismus und jede Revolution. Der Krankheit, Rassen und Klassen überwindet. Einen gerechten Gott, der es ablehnt, dass ein Prozent der Bevölkerung 50 Prozent des Profits einstreicht, und der jedem jederzeit ein neues Leben anbietet.

Jesus gab sich gern mit Außenseitern ab und schien ständig mit seinen Jüngern Wein zu trinken. Vor 200 Jahren taten die deutschen Missionare in Südafrika etwas Ähnliches. Sie brachten ehemaligen Sklaven Lesen, Schreiben, Musizieren und ein Handwerk bei. Sie führen heute noch basisdemokratische Kommunendörfer in allen Teilen des Landes. Auf uns wirken sie wie wahr gewordene Utopien – und das hat uns zu Christen werden lassen.

Seither sehen wir die Kraft des Glaubens nicht nur in Südafrika. Der Amerikaner Shane Claiborne zum Beispiel hat schon viele Jahre vor der Occupy-Bewegung 10.000 Dollar in Münzen und kleinen Scheinen auf die Wall Street gekippt, und einen Tumult verursacht, dass die Straße abgesperrt werden musste. Radikale Großzügigkeit verschließt die Türen der Gier – so lautete seine christliche Botschaft.

In unserem deutschen Freundeskreis wären wir auf mehr Verständnis gestoßen, wenn wir Buddhisten, Veganer oder akoholabhängig geworden wären. »Ihr glaubt echt an die Bibel?« – »Ja, wir leben danach.« – »Also seid ihr Fundamentalisten? Wie Bush und die Leute, die vor Abtreibungskliniken stehen?« – »Nein, aber wir glauben, dass Jesus wiederauferstanden ist und in uns lebt.« »Ewiges Leben, Himmel und Hölle?« – »Genau. Und wir glauben an ein Leben vor dem Tod.« –»Oh...« Spätestens jetzt wird die zweite Flasche Pinotage entkorkt.

Nicht jeder unserer Freunde glaubt nach ein paar Flaschen Wein, was wir glauben, aber wir haben den Stein ins Rollen gebracht, die Kultur des Glaubensaustausches angeregt. Die meisten wissen ja nicht, was es heißt, ein Christ zu sein. Wir sind immer wieder überrascht, wie wenig wir selber lange Zeit wussten. Wir sind zwar konfirmiert, einer von uns ist sogar in einem katholischen Internat zur Schule gegangen, doch das hatte unser Leben bis dahin nicht weiter beeinflusst. Erst Südafrika, wo wir eine andere Sprache sprechen und ein fremdes Land verstehen mussten, half uns, eine Offenheit zu entwickeln, für die wir sonst nicht bereit gewesen wären. Offenheit auch für einen Glauben, den wir längst als verstaubt abgelegt hatten.

Anfangs war Südafrika nur Abenteuer, ein Vordringen in unbekannte Welten, das wir wie Anthropologen betrieben. Und es war unheimlich und faszinierend zugleich, wenn wir in einem fremden Wohnzimmer saßen bei Menschen, die mit geschlossenen Augen Hände auflegten, in Zungen beteten oder unter Tränen erzählten, was Gott in ihrem Leben bewirkt hatte.

So verrückt das alles zunächst wirkte, die Menschen waren aufrichtig, und die Zeugnisse ihrer transformierten Leben waren die besten Geschichten, die wir je gehört hatten. Wie die von Enrico. Enrico war ein hochrangiger Gangster. Seine Zähne sind aus Gold, er ist von Kopf bis Fuß tätowiert, sein Rang ist ihm in die Haut gestochen, seine Vergangenheit offensichtlich, jeder Gangster muss ihn respektieren. Vor drei Jahren erschoss er beim Säubern seiner Waffe seinen besten Freund. Als er begriff, dass Gott ihm vergab, was er sich selbst nicht vergeben konnte, änderte sich alles für ihn. Er ließ sein Verbrecherleben hinter sich, verdient jetzt sein Geld mit Gelegenheitsjobs, sammelt und repariert Spielzeug für Kinder, schreibt Theaterstücke für Jugendliche.

Oder James, den Gott schwer krank im Krankenhausbett aufsuchte, obwohl James nichts von ihm wissen wollte, und ihn auf einen Schlag heilte. Seine Familie dachte, er sei verrückt geworden, als er plötzlich zu beten begann und nur noch von Gott sprach. Bis dahin hatte nur seine Frau gebetet und an den Straßenecken gepredigt, und auch das nur, wenn sie betrunken war. James hörte auf zu trinken, betrog seine Frau nicht mehr und brachte seine ganze Familie zum Glauben. Einschließlich seines unehelichen Sohns, der von Crystal Meth loskam.

Das war, was uns als Schriftsteller faszinierte: die Menschen und ihre Dramen, die so wahr und wild waren. So lasen wir auch die Bibel, als tiefbewegende Geschichte echter Menschen. Das beste Buch aller Zeiten, wie schon Bertolt Brecht gesagt hat.

Die Europäer kennen das Wort Kirche, aber keine Gemeinschaft

Anfangs war unser Glaube noch ein wenig verschwommen, enthielt viel Zweifel und Skepsis. Aber nach und nach entfaltete sich die Wahrheit in ihrer ganzen Schönheit. Das hört nie auf. Die radikale Liebe Gottes, die Freiheit, die wir in ihm finden, und wie Jesus sich in jedem Menschen spiegelt – um das zu verstehen werden wir mehr als nur ein Menschenleben brauchen. Dazu braucht man ein ewiges Leben, denn der Glaube sprengt unser weltliches Denken.

In Südafrika erleben wir, wie der Glaube die Herzen der unterschiedlichsten Menschen verknüpft. Das ist mehr als eine Religion, das ist real und lebensverändernd. Zum ersten Mal fanden wir Freunde, die in keiner Weise waren wie wir. Die nicht die gleichen Bücher gelesen, die gleichen Filme gesehen, die gleiche Musik gehört hatten. Wir sind ihnen trotzdem nahe. Wie Patrick, unserem jungen Freund vom Stamm der Xhosa. Patrick hatte in der zehnten Klasse die Schule verlassen, mit dem Wildern von Abalonemuscheln für die Gangstersyndikate etwas Geld verdient und blieb nach einem Fahrradunfall querschnittsgelähmt. Wir lernten uns im Krankenhaus kennen und beteten jede Woche zusammen, aber es ging bergab mit ihm. Die Bettwunden schlossen sich nicht, er hatte Aids und war depressiv. Er wurde immer dünner und immer schwächer und schlief den ganzen Tag mit einem Laken überm Kopf. Die Ärzte und sogar seine Familie hatten ihn schon aufgegeben.

Aber dann kam Sipokasi, eine alte Schulfreundin von Patrick, und schlug vor, ihn zu taufen. Über Nacht ging es Patrick besser. Die Ärzte waren baff. Denn die Veränderung war offensichtlich. Es war, als hätte man ein Licht in ihm angeknipst. Seine Depression verschwand, er nahm zu, und wenige Wochen später wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Mutter war außer sich vor Freude. Sie glaubte, dass jemand zuvor mithilfe eines Zauberdoktors einen Fluch auf ihre Familie gelegt hatte. Das Verwünschen aus Neid und Eifersucht ist häufig unter den Xhosa, und viel Geld wird verschwendet, Flüche mit Gegenzaubern aufzuheben.

Sogenannte Sangomas bieten ihre zauberkräftige Hilfe in allen Bereichen an: Krankheit, Schulden, Ehestreit, Erektionsprobleme, unerwiderte Liebe – für alles gibt es ein Muti, einen Zauberspruch und ein Mittelchen. Prostituierte zahlen jeden Monat eine beträchtliche Summe, um vor Aids und Schwangerschaft geschützt zu werden, was ihnen trotzdem nicht hilft.

Rose, eine moderne junge Xhosa-Frau, wurde schon als Kind in ihrem Clan als Sangoma vorgesehen. Die Welt der Zauberei, wie sie uns Deutschen in den Märchen der Brüder Grimm überliefert wird, ist für real. Wassergeister, Hexen und Dämonen. Etwa ein Jahr nachdem sie Christin geworden war, begann der wirkliche Kampf um sie. Wann immer sie anfing laut zu beten, kamen unangenehme Dinge aus ihrem Mund, Schimpfworte, Flüche, unheimliches Zeug. Es überkam sie jedesmal ganz plötzlich, und mehrmals musste sie deswegen aus der Kirche rennen. Die Kirchenfamilie aber betete unverdrossen. Und Gott half Rose mit seiner Liebe, die Angst wich, die Attacken hörten auf, und sie kamen nie wieder zurück.

Durch Freunde wie Patrick und Rose lernten wir, dass der christliche Glaube in Afrika nicht nur eine Lebenshaltung oder eine Philosophie ist. Für Patrick wurde mit dem Heiligen Geist die Macht der bösen Geister über seine Familie gebrochen. Er glaubt an einen realen Gott, der ihn beschützt: einen persönlichen Gott der Wunder, der allen anderen spirituellen Wesen, die den Menschen schaden könnten, überlegen ist.

Die Europäer kennen das Wort Kirche, aber keine Gemeinschaft

Die Jesusgeschichte, dass Gott am Kreuz für unsere Sünden gestorben und seine Wiederauferstehung Triumph über den Tod ist, das leuchtet jedem Afrikaner ein – während die Westeuropäer das Übernatürliche nur noch symbolisch verstehen. Also gar nicht.

Wir aber haben in Afrika gelernt, dass das Evangelium die unterschiedlichsten Menschen in einer Familie zusammenbringt, denn die Stärke des Glaubens liegt im Ubuntu, wie die Xhosa den bedingungslosen Zusammenhalt der Gemeinschaft nennen. Die Europäer kennen dafür zwar das Wort Kirche. Nur dass ihnen seine radikale frühchristliche Bedeutung verloren gegangen ist.

Uns hat der Glaube auch als Familie stärker gemacht und unsere Liebe füreinander vertieft. Es ist fast so, als würden wir unser Leben plötzlich dreidimensional sehen statt nur skizziert. Und wir können uns gar nicht mehr vorstellen, wie andere Menschen ohne Jesus eine Ehe führen, wie sie die Pubertät ihrer Kinder meistern, wie sie Geldkrisen, Sorgen, Sehnsüchte, Ängste, Todesfälle ertragen, wie sie auch nur das eigene Älterwerden bewältigen.

Wir haben in Afrika auch begriffen, dass wir nicht alles verstehen müssen. Was wir wissen, ist, dass Gott uns den Auftrag gibt, diese Welt zu einer besseren zu machen. Ganz einfach. Mit Humor, mit Freude und mit unserer Kunst. Mit aufrichtiger- Liebe füreinander. Von Mensch zu Mensch – aber mithilfe einer Kraft, die göttlich ist.