"Öl auf Wasser"Im Schlamm

Ein Politthriller über die Öko-Katastrophe im Nildelta. von Tobias Gohlis

Man kann Bescheid wissen, jeder müsste es. Und doch berichtet kaum jemand über die Katastrophe im Nigerdelta. Dort produzieren im Einvernehmen mit dem nigerianischen Staat die Ölmultis von Shell bis Agip Jahr für Jahr eine Ölpest gigantischen Ausmaßes. Aus maroden Pipelines sickert es, illegale Zapfer raffinieren es, alles erstickt das Öl: Fische und Kleintierwelt, fruchtbaren Boden, eine Naturlandschaft von der Größe Belgiens, das Leben von 30 Millionen Menschen.

Als Ken Saro-Wiwa für das Überleben seiner Ethnie, der Ogoni, und der anderen Deltabewohner eintrat, wurde er 1995 von der damaligen Militärdiktatur nach einem Schauprozess hingerichtet. Jetzt meldet sich wieder ein nigerianischer Schriftsteller zu Wort. Öl auf Wasser ist der dritte Roman des 1967 geborenen Helon Habila, der nach einer Zeit als Journalist in Lagos heute in den USA Literatur lehrt. Dem Schweigen, das undurchdringlich wie Ölschlamm über dem Delta liegt, begegnet er nicht mit investigativen Mitteln. Vermutlich würde es auch nichts nützen, die austauschbaren Namen von Ölkonzernen, Ministern und Warlords zu nennen, ihre Verflechtungen und Umtriebe in einem Politthriller offenzulegen. Habilas Verzweiflung und Entsetzen kulminieren nicht im Aufschrei. Der Grundton seines Romans, erzählt als Bericht des jungen Journalisten Rufus, ist elegisch. Der Ausgangspunkt ist nigerianischer Alltag: Um Lösegeld für Waffenkäufe zu erpressen, haben »Rebellen« die Ehefrau eines englischen Erdölingenieurs entführt.

Anzeige

Rufus und der legendäre, inzwischen schwer erkrankte Reporter Zaq sollen sich auf einer Art Pressereise durch das Nigerdelta vom Wohlbefinden der Geisel überzeugen. Doch sie versinken in einem Albtraum. Sie geraten in die Fänge eines wahnsinnigen Militärdesperados und in die Gefangenschaft eines »Professors«, der ebenso wie das Militär die ums Überleben kämpfenden Einheimischen terrorisiert, um sich zu bereichern. Zaq stirbt am Alkohol, vielleicht auch an einer der im Sumpf grassierenden Varianten von Dengue-Fieber. Rufus verliert Überblick und Verstand. Die Flussläufe, Inseln, Strömungen, in denen sich der Städter nicht auskennt, sind ebenso undurchschaubar und chaotisch wie die Machtverhältnisse. Zwischen Flüchtlingen, Militärs, einer weiß gewandeten Öko-Sekte, Öl-Kolonialisten und Rebellen-Gangstern muss der Jungreporter Überlebensentscheidungen treffen, ohne zu begreifen, was läuft. Helon Habila stattet ihn mit einer nüchternen Reportersprache aus, in der Verwirrung, Desorientierung und Panik umso unerbittlicher wirken. Die Stimme einer überlegenen journalistisch-detektivischen Vernunft erlischt, dem Beobachter Rufus bleibt ein letzter Abschiedsblick auf die friedfertigen weiß Gewandeten. Selten war ein Kriminalroman so poetisch und so notwendig.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Roman | Buch | Belletristik | Literatur
    Service