Bloggerin Tavi GevinsonDer coolste Teenager der Welt

Mit elf wurde sie mit einem Modeblog berühmt. Jetzt ist sie 16 und macht ein Internetmagazin für Mädchen. Ein Besuch bei Tavi Gevinson in Oak Park. von 

Ein kleines Mädchen, etwa 1,50 Meter groß, mit einem großen Rucksack auf dem Rücken betritt den Feinkostladen Cheese Market auf der Marion Street der amerikanischen Kleinstadt Oak Park. 50.000 Einwohner leben hier in der Nähe von Chicago . Es ist nicht viel los an diesem Frühlingsnachmittag, das Mädchen setzt sich an einen der Tische in der Café-Ecke des Ladens. Es ist kurz nach drei Uhr, das Mädchen ist gerade aus der Schule gekommen, die zu Fuß zwanzig Minuten entfernt liegt. Das Mädchen trägt ein dunkles Top und einen dunklen Rock, nichts Auffälliges. Das Mädchen bestellt sich eine heiße Schokolade, und weder die Kellnerin noch die zwei anderen Gäste haben besondere Notiz von ihr genommen.

Dabei gilt Tavi Gevinson, 16, als digitaler Kinderstar, der von niemand anderem erfunden wurde als von ihr selbst. Als Wunderkind. Dutzendfach hat sie dieses Wort über sich gelesen und gehört, im Internet, in Zeitungen, im Fernsehen, aber sie versucht, nicht zu oft daran zu denken. »Ich will nicht davon abhängig sein, was andere Leute von mir halten«, sagt sie. »Wer wie ich früh in seinem Leben Erfolg hat, ist es gewohnt, immer im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Das kann gefährlich sein. Wenn das öffentliche Interesse nachlässt, sind solche Menschen oft verstört, weil sie denken, sie hätten irgendetwas falsch gemacht. Ich will aber nicht erwachsen werden mit dem Gedanken, dass etwas mit mir nicht stimmt, nur weil mich nicht mehr alle als Wunderkind feiern.« Sie macht eine kurze Pause. »Eines Tages bin ich kein Wunderkind mehr, und darauf will ich vorbereitet sein.«

Anzeige

Begonnen hat es in einer Nacht vor vier Jahren. Tavi Gevinson ist elf, als sie bei ihrer Freundin Caroline übernachtet. Carolines ältere Schwester Stephanie, damals 16, zeigt den beiden Mädchen, was sie gerade am liebsten macht: Sie schreibt ein Modeblog. Tavi, die so jung ist, dass sie sich an eine Welt ohne Internet nicht erinnern kann, versteht das Prinzip intuitiv. Auch sie interessiert sich für Mode, sie hat ein paar Monate zuvor angefangen, Ausschnitte aus Magazinen, die ihr gefallen, zu Collagen zusammenzustellen und in ein schwarzes Album zu kleben. Sie überträgt das Collagieren ins Digitale und meldet ihr eigenes Blog an. »Also, ich bin neu hier«, beginnt sie am 31. März 2008 ihren ersten Eintrag, »seit Kurzem interessiere ich mich für Mode… Ich habe vor, hier in Zukunft Bilder zu posten, aber jetzt fange ich erst einmal an. Liebe Grüße, Tavi.«

Liest man ihr diese Sätze heute vor, hält sie sich lachend die Ohren zu. »Nein, nein, bitte nicht, ich will das nicht hören«, ruft sie, »welche 16-Jährige will schon hören, was sie mit elf geschrieben hat?«

Was nach dem ersten Blogeintrag innerhalb weniger Monate passiert, hat es bis dahin noch nicht gegeben. Das kleine Mädchen aus Oak Park wird berühmt. Täglich besuchen 50.000 Leser Tavi Gevinsons Blog The Style Rookie , um zu erfahren, was sie in ihrem Kinderzimmer in einer amerikanischen Kleinstadt über Mode schreibt und welche Bilder sie zeigt, auch von sich selbst. Vielleicht zum ersten Mal wird auf ihrem Blog manifest, wie sehr das Internet ihre Generation prägt. Da sitzt dieses kleine Mädchen ganz allein in seinem Kinderzimmer, holt sich die ganze Welt nach Hause und weiß am Ende genauso viel über eine bestimmte Modekollektion, über einen bestimmten Trend und seine Geschichte wie dreimal so alte Journalisten. »Mich beeindruckt ihr Verständnis von Mode«, sagt die Designerin Miuccia Prada, »sie ist sehr jung, deswegen ist es so überraschend, wie sie altes und neues mischt«, Kleidung bei der Heilsarmee kauft und sie mit aktueller Mode kombiniert.

Du bist zu jung, das kannst du noch nicht wissen, da warst du nicht dabei: Tavi Gevinson zeigt, dass solche Sätze von nun an ihre Gültigkeit verloren haben. Im Zweifel hat sie im Netz genauer recherchiert, als sich andere erinnern. Und schreibt es auf in einer Mischung aus kindlicher Neugierde und Selbstsicherheit, die auf Recherchen beruht. Es gibt keine Grenzen mehr für diese Elfjährige: Sie stürzt sich auf die Musik von Bob Dylan genauso wie auf einen neuen Song von Justin Bieber , auf alte und neue Filme und Serien, alles ganz einfach zu finden auf YouTube und iTunes. Sie liest und liest und liest, kommuniziert mit Gleichaltrigen wie mit Erwachsenen über die Themen, die sie interessieren, reist durch Raum und Zeit, betrachtet Bilder und Videos, stellt Zusammenhänge und Bezüge her, die vor ihr niemand gesehen hat. Tavi Gevinson, geboren 1996, ist kein Kind der neunziger oder der nuller Jahre. Sie ist ein Kind des Internets.

Leserkommentare
  1. Schönes Blog, netter Artikel!

  2. keiner außer interessierten, jungen Erwachsenen und Journalisten lesen ihr Blog. An der eigentlichen Zielgruppe (die sich offensichtlich noch die Frage stellt, ob es OK ist für das Tragen bestimmter Kleidung ausgelacht zu werden), geht es vollkommen vorbei.

    Dennoch ist ein eigener Blog prinzipiell begrüßenswert, eröffnet es ihr doch wahrscheinlich gute Chancen in der Zukunft sich im Journalismus zu etablieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au.

    • Chrina
    • 02. August 2012 12:38 Uhr

    Interessanter Beitrag über eine ungewöhnliche Person, die sich hoffentlich irgendwann auch für mehr als nur Mode interessieren wird. Was mich aber stört, ist der paternalistische Ton des Artikels, der die übliche Mischung aus Faszination und Schrecken angesichts der sogenannten Digital Natives transportiert, etwa hier:
    "Tavi, die so jung ist, dass sie sich an eine Welt ohne Internet nicht erinnern kann, versteht das Prinzip intuitiv" - klar, hat alles nichts mit Intelligenz zu tun, man saugt die Bits und Bytes mit der Muttermilch auf.
    Und wieso bitte ist es so bemerkenswert, dass Tavi Musik oder Fernsehserien aus der Zeit vor ihrer Geburt kennt oder mag? Jeder heute Fünfzigjährige, der Mozart hört oder Karl May liest, tut genau dasselbe. Aber da man bei einer Sechzehnjährigen Geraune über die Allmacht des Internets anschließen kann, das "Raum und Zeit" außer Kraft setzt, ist das dann gleich wieder unglaublich aufregend.

    Ich würde mir generell mehr Interesse an den Inhalten von Blogs etc. wünschen, statt dass immer nur betont wird, wie spektakulär es doch ist, das Internet benutzen zu können.

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au.

    Antwort auf "Das Amüsante dabei:"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... woher sonst.

  4. ... woher sonst.

    Antwort auf "[...]"
    • F.K.
    • 02. August 2012 14:06 Uhr

    Durch wen wird die Coolness gemessen?
    Wer ist die/der Zweitplatzierte in der aktuellen Weltrangliste?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    (Zeitgeist + Originalität) / Alter^2 = Coolness

    Sehen Sie, es wird mit zunehmenden Alter schwer cool zu sein!

    • sengi
    • 02. August 2012 21:56 Uhr

    süßes fashion victim ... :)
    like.

  5. ...war auch nett zu lesen, aber ihre Seite sieht für mich aus wie eine von den hunderten Hipster-Blogs die es im Netz gibt.
    Jeder ist cool wie er ist, solange er ein Hipster ist?
    Ist das die Message?
    Liege ich völlig falsch mit der Aussage, dass die neue Coolness das bewusste uncool sein ist?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service