DIE ZEIT: Herr Claassen, Sie sind 49 Jahre alt und haben zwei Jahrzehnte Leben in höchsten Führungspositionen hinter sich. Was hat Sie angetrieben, so früh ganz nach oben zu kommen?

Utz Claassen: Ich dachte, je schneller du aufsteigst, desto mehr kannst du gestalten, desto niveauvoller wird es. Und ich dachte, je schneller du ganz nach oben kommst, umso eher kommst du in eine Position, in der du auf einem hohen Niveau von Integrität und Professionalität arbeiten kannst.

ZEIT: Und was denken Sie heute?

Claassen: Der erste Teil der Annahme stimmt: Je höher sie aufsteigen, desto mehr können sie gestalten. Der zweite Teil stimmt schon nicht mehr. Denn mit jeder Hierarchiestufe verbringen sie tendenziell mehr Zeit mit sachfremden Dingen, illegitimen Einwirkungen Dritter und Abwehr von Intrigen.

ZEIT: Und der dritte Teil der Annahme, wonach es oben immer integrer und professioneller wird?

Claassen: Das ist einer der größten Trugschlüsse, denen ich je unterlegen bin.

ZEIT: Auf welches Erlebnis hätten Sie gern verzichtet?

Claassen: Auf menschliche Enttäuschung und Verrat. Und ich hätte auch gern auf die Erkenntnis verzichtet, wie oberflächlich, zynisch, von Fakten abgekoppelt und damit verantwortungslos mitunter politische Entscheidungen getroffen werden und im Einzelfall auch branchenorientierte und unternehmerische Entscheidungen.

ZEIT: Herr Claassen...

Claassen: Lassen Sie mich bitte ausdrücklich betonen: Ich habe mit vielen großartigen Führungspersönlichkeiten zusammengearbeitet, ich habe viele tolle Menschen und eine faszinierende Vielfalt an Themen erlebt. Eben redete ich von Ausnahmen, aber es gibt diese gravierenden Ausnahmen eben auch, und dies hätte ich früher so nicht für möglich gehalten. Die Wahrheit ist manchmal so bitter und extrem, dass sie über die Vorstellungskraft hinausgeht. Es gibt nichts, das es nicht gibt – das ist meine Erfahrung. Wenn die Menschen an der Basis wüssten, was es zuweilen alles gibt, dann hätten wir als Gesellschaft ein sehr ernsthaftes Problem.

ZEIT: Sie haben in verschiedenen Branchen gearbeitet – und Sie waren viereinhalb Jahre Vorstandsvorsitzender bei EnBW. Ist die Energiebranche besonders anfällig für dunkle Ausnahmen?

Claassen: Ich glaube nicht, dass der Mensch in irgendeiner Branche, in irgendeinem Beruf oder in irgendeinem Land oder einer Region besser oder schlechter ist als anderswo. Ich persönlich habe in meiner Zeit bei EnBW ein wunderbares Team erlebt und auch eine besondere Qualität an Kunden. Aber es gibt vielleicht eine generelle Besonderheit der Energiewirtschaft. In anderen Branchen wird das langfristige Ertragspotenzial gemeinhin durch zwei Fragen definiert: Wie gut verstehe ich meinen Kunden? Wie innovativ sind meine Produkte? Das ist der Kern des Wettbewerbs. Doch was war lange Zeit das Wettbewerbsparadigma der Energiewirtschaft? Es war meines Erachtens infrastrukturelle Macht, die sich selbst verstetigt.

ZEIT: Was bedeutet das für das politische Lobbying?

Claassen: In der Automobilbranche etwa sind Lobbyisten und Kontakte zur Politik sicher auch nicht unbedeutend, aber lange nicht so wichtig wie der Wettbewerb um Kunden und Innovation. In der Energiebranche sah das lange etwas anders aus.

ZEIT: Mit welchen Folgen?

Claassen: Ich habe einzelne Menschen in dieser Branche erlebt, die haben Wettbewerb nicht durch Innovation und um Kunden geführt, sondern durch Intrige und Diffamierung. Aber wie gesagt, wir sprechen von Ausnahmen. Ich will die Energiebranche keineswegs verteufeln, zumal ich ihr bis heute eng verbunden bin. Ich habe aber auch eine Veranstaltung in einem Ministerium erlebt, mit Vertretern verschiedener Unternehmen und Verbände. Am Ende sagte der zuständige Staatssekretär, jetzt würde er gern noch im kleinen Kreis mit den Vertretern eines bestimmten Unternehmens reden.

ZEIT: Und was wurde dann beredet?

Claassen: Keine Ahnung, ich war ja nicht dabei. Aber ich habe mir gedacht, dass es bestimmt nicht zum Nachteil dieses Unternehmens gewesen sein wird.