Management : Die Wahrheiten des Utz Claassen

Er machte so schnell Karriere wie kaum ein anderer – und spricht heute von der bitteren Realität in deutschen Führungsetagen.
Utz Claassen © dpa

DIE ZEIT: Herr Claassen, Sie sind 49 Jahre alt und haben zwei Jahrzehnte Leben in höchsten Führungspositionen hinter sich. Was hat Sie angetrieben, so früh ganz nach oben zu kommen?

Utz Claassen: Ich dachte, je schneller du aufsteigst, desto mehr kannst du gestalten, desto niveauvoller wird es. Und ich dachte, je schneller du ganz nach oben kommst, umso eher kommst du in eine Position, in der du auf einem hohen Niveau von Integrität und Professionalität arbeiten kannst.

ZEIT: Und was denken Sie heute?

Claassen: Der erste Teil der Annahme stimmt: Je höher sie aufsteigen, desto mehr können sie gestalten. Der zweite Teil stimmt schon nicht mehr. Denn mit jeder Hierarchiestufe verbringen sie tendenziell mehr Zeit mit sachfremden Dingen, illegitimen Einwirkungen Dritter und Abwehr von Intrigen.

Utz Claassen

»Boker« nennt man in Hannover den Fußballplatz um die Ecke, und auf diesem Boker in Hannover-Linden hat Utz Claassen (49) jeden Nachmittag seiner Jugend verbracht. 2010 ließ er den Platz mit eigenem Geld wieder herrichten.

Ein Sanierer war das Wunderkind (Abi-Note 0,7) auch als Manager: beim Autohersteller Seat, der Medizintechnikfirma Sartorius und beim Energiekonzern EnBW. Heute sitzt Claassen unter anderem im Verwaltungsrat des spanischen Fußball-Erstligisten RCD Mallorca.

ZEIT: Und der dritte Teil der Annahme, wonach es oben immer integrer und professioneller wird?

Claassen: Das ist einer der größten Trugschlüsse, denen ich je unterlegen bin.

ZEIT: Auf welches Erlebnis hätten Sie gern verzichtet?

Claassen: Auf menschliche Enttäuschung und Verrat. Und ich hätte auch gern auf die Erkenntnis verzichtet, wie oberflächlich, zynisch, von Fakten abgekoppelt und damit verantwortungslos mitunter politische Entscheidungen getroffen werden und im Einzelfall auch branchenorientierte und unternehmerische Entscheidungen.

ZEIT: Herr Claassen...

Claassen: Lassen Sie mich bitte ausdrücklich betonen: Ich habe mit vielen großartigen Führungspersönlichkeiten zusammengearbeitet, ich habe viele tolle Menschen und eine faszinierende Vielfalt an Themen erlebt. Eben redete ich von Ausnahmen, aber es gibt diese gravierenden Ausnahmen eben auch, und dies hätte ich früher so nicht für möglich gehalten. Die Wahrheit ist manchmal so bitter und extrem, dass sie über die Vorstellungskraft hinausgeht. Es gibt nichts, das es nicht gibt – das ist meine Erfahrung. Wenn die Menschen an der Basis wüssten, was es zuweilen alles gibt, dann hätten wir als Gesellschaft ein sehr ernsthaftes Problem.

ZEIT: Sie haben in verschiedenen Branchen gearbeitet – und Sie waren viereinhalb Jahre Vorstandsvorsitzender bei EnBW. Ist die Energiebranche besonders anfällig für dunkle Ausnahmen?

Claassen: Ich glaube nicht, dass der Mensch in irgendeiner Branche, in irgendeinem Beruf oder in irgendeinem Land oder einer Region besser oder schlechter ist als anderswo. Ich persönlich habe in meiner Zeit bei EnBW ein wunderbares Team erlebt und auch eine besondere Qualität an Kunden. Aber es gibt vielleicht eine generelle Besonderheit der Energiewirtschaft. In anderen Branchen wird das langfristige Ertragspotenzial gemeinhin durch zwei Fragen definiert: Wie gut verstehe ich meinen Kunden? Wie innovativ sind meine Produkte? Das ist der Kern des Wettbewerbs. Doch was war lange Zeit das Wettbewerbsparadigma der Energiewirtschaft? Es war meines Erachtens infrastrukturelle Macht, die sich selbst verstetigt.

ZEIT: Was bedeutet das für das politische Lobbying?

Claassen: In der Automobilbranche etwa sind Lobbyisten und Kontakte zur Politik sicher auch nicht unbedeutend, aber lange nicht so wichtig wie der Wettbewerb um Kunden und Innovation. In der Energiebranche sah das lange etwas anders aus.

ZEIT: Mit welchen Folgen?

Claassen: Ich habe einzelne Menschen in dieser Branche erlebt, die haben Wettbewerb nicht durch Innovation und um Kunden geführt, sondern durch Intrige und Diffamierung. Aber wie gesagt, wir sprechen von Ausnahmen. Ich will die Energiebranche keineswegs verteufeln, zumal ich ihr bis heute eng verbunden bin. Ich habe aber auch eine Veranstaltung in einem Ministerium erlebt, mit Vertretern verschiedener Unternehmen und Verbände. Am Ende sagte der zuständige Staatssekretär, jetzt würde er gern noch im kleinen Kreis mit den Vertretern eines bestimmten Unternehmens reden.

ZEIT: Und was wurde dann beredet?

Claassen: Keine Ahnung, ich war ja nicht dabei. Aber ich habe mir gedacht, dass es bestimmt nicht zum Nachteil dieses Unternehmens gewesen sein wird.

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Kommentare

52 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Wieviel

[...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke. Die Redaktion/kvk
Dass dieser Herr die Machenschaften eines Mappus für mutig hält zeigt wes Kind dieser Herr ist. Vielleicht wird irgendwann rauskommen, dass sein Job bei Solar Millennium einzig dazu diente, diese in die Insolvenz zu treiben, und er dafür von einem Atomkonsortium bezahlt wurde.
Weiterhin ist er angeklagt wegen Insiderhandels.
Also bitte, liebe Redaktion, Ihr seht doch schon an der Reaktion der Kommentierenden, wer hier unangemessenes veröffentlicht.

Kritische Fragen vs. Aufmerksamkeit für Claassen's Buch

Ich hätte mir von der Zeit erwartet, dass Sie auch kritische Fragen stellt. Aus meiner Sicht hatte Claassen hier eine prima Gelegenheit sich als Heiliger darzustellen, Werbung für sein Buch und seine Weltanschauung zu machen. Falls ich einmal ein Buch schreiben sollten möchte ich bitte auch so ein Interview.

Ach ja und noch ein Wort zu Mappus, ich finde es nicht mutig das Parlament und damit die Demokratie zu hintergehen und den Steuerzahler unnötig mit vielen Hunderten Millionen zu belasten, weil man sich davon für sich eine seine Kumpels einen Vorteil verspricht.

Utz Claassen

ist als Manager ustritten! Und solch einer wird in der Zeit präsentiert. Schämt Euch!

"Öffentlich bekannt wurde Claassen zunächst als Vorstandsvorsitzender der EnBW (2003 - 2007) und anschließend im Zuge eines Rechtsstreits mit seinem Arbeitgeber Solar Millennium, den er in derselben Funktion nach 74 Tagen bereits wieder verließ. Trotz der kurzen Beschäftigungsdauer soll er Ansprüche auf Zahlungen in Höhe von rund neun Millionen Euro erlangt haben. Seine Forderungen gegen das Unternehmen versuchte Claassen gerichtlich durchzusetzen. Zunächst wurde ein Vergleich abgeschlossen, doch das weitere Verfahren verzögerte sich aufgrund der Insolvenz von Solar Millennium. Anfang April 2012 klagte Claassen erneut auf Schadenersatz in Höhe von 265 Millionen US-Dollar, diesmal vor einem Gericht in Kalifornien." (Aus Wikipedia)

Soll das ein Vorbild sein?