ZEIT: Herr Bykow hat in einem Interview im Handelsblatt tiefe Einblicke in die deutsch-russische Handelswelt gegeben. Er wies auf die Bedeutung der Stiftung des Heiligen St. Nikolaus hin, die in ganz Russland karitativ tätig ist und in die viele deutsche Geschäftsleute hohe Beträge einzahlen, damit, sagen wir mal, die Geschäfte besser und schneller laufen. Und Sie, Herr Claassen, sind Träger des Ordens des Heiligen St. Nikolaus, übrigens als erster Deutscher überhaupt.

Claassen: Bringen Sie jetzt bitte nichts durcheinander. Ich habe den Orden aus der Hand des früheren stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten im Beisein des russischen Botschafters erhalten und hatte keinerlei Anlass zu Argwohn. Ich habe mich gefreut und ihn als Anerkennung verstanden für die guten Beziehungen der EnBW zu Russland im Bereich der Kernenergie und für meine langjährige Verbundenheit mit der russischen Föderation zu wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Themen schon aus Sartorius-Zeiten. Ich selbst habe im Übrigen auch keinerlei Geschäfte mit Herrn Bykow gemacht, ja nicht einmal über solche mit ihm verhandelt.

ZEIT: Wer hat ein Interesse daran, Ihren Namen in Zusammenhang mit der Bykow-Affäre zu bringen?

Claassen: Mir würden sicher einzelne Namen einfallen, aber darüber möchte ich nicht spekulieren.

ZEIT: Bykow vermutet ein Ablenkungsmanöver für andere dunkle Machenschaften.

Claassen: Auch darüber von mir keine Spekulation.

ZEIT: Warum sind Sie 2007, für viele überraschend, bei EnBW ausgestiegen?

Claassen: Ich erinnere mich an einen Sonntag im Frühjahr 2007, als ich erstmals mit meiner damals eineinhalbjährigen Tochter im Sandkasten war. Sie spielte begeistert mit ihren Förmchen, und ich hing rum, versuchte zu entspannen. In diesem Moment dachte ich, mit was für Dingen befasst du dich eigentlich, mit was für Absurditäten, mit welchen Erlebnissen? Ich ging zu meiner Frau ins Wohnzimmer und sagte: »Ich werde den Vertrag bei EnBW nicht verlängern.«

ZEIT: Aus heutiger Sicht...

Claassen: …hat mir die weitere Entwicklung Recht gegeben. Es war eine richtige Entscheidung.

ZEIT: Wie geht es weiter mit der Energiewende?

Claassen: Der neue Umweltminister Peter Altmaier macht bisher einen tollen Job. Ich sehe mit hohem Respekt, dass er mit einer energiepolitischen Lebenslüge nach der anderen aufräumt. Da die Regierung den Kernenergieausstieg bestimmt nicht nochmals relativieren will, wird man trotz Ausbau erneuerbarer Energien massiv in fossile Kraftwerke investieren müssen, um die Versorgungslücke zu schließen. Wir brauchen neue Gaskraftwerke, aber da derzeit niemand diese Kraftwerke baut, wird die Regierung finanzielle Anreize setzen müssen. Das wird die Steuerzahler am Ende sehr viel Geld kosten.

ZEIT: Und wie geht es weiter mit Utz Claassen? Als Vorstandsvorsitzender von Solar Millennium haben Sie ja kurz nach Amtsantritt wieder gekündigt.

Claassen: Ich wurde über die tatsächlichen Verhältnisse dort massiv getäuscht. Später vor Gericht hat sich der Aufsichtsratsvorsitzende bei mir öffentlich und offiziell entschuldigt – ein vermutlich einzigartiger Vorgang. Damit dürfte alles gesagt sein

ZEIT: Sie prozessieren viel. Können Sie verstehen, wenn bei manchen der Eindruck entsteht, Sie prozessierten ein bisschen oft?

Claassen: Den Eindruck kann ich verstehen. Auch mir machen Prozesse keinen Spaß. Aber jeder einzelne Fall war bzw. ist begründet. Wenn mir massiv Unrecht geschieht, gehe ich dagegen vor. Das wird so bleiben.