TransplantationsskandalMan hat einander zu sehr vertraut

Herzchirurg Bruno Reichart über die Schwächen der Transplantationsmedizin von 

DIE ZEIT: In Göttingen wird ein Chirurg verdächtigt, Labordaten gefälscht zu haben, um seinen Patienten vorzeitig eine Spenderleber zu verschaffen. Der Arzt streitet den Vorwurf ab. Sie selbst haben Jahrzehnte lang transplantiert. Erleben wir eine Krise des Systems?

Bruno Reichart: Wenn die Vorwürfe denn stimmen. Der Göttinger Arzt muss jetzt beweisen, dass er unschuldig ist. Falls sie stimmen, wäre das natürlich schlimm.

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ZEIT: Auch für Herzen stehen jedes Jahr dreimal so viele Patienten auf der Warteliste, wie transplantiert werden können. Waren Sie je in der Versuchung, eine Lücke im System für Ihre Patienten auszunutzen?

Bruno Reichart

Der in Wien geborene Herzchirurg wurde 1984 als Nachfolger des Transplantationspioniers Christiaan Barnard an die Universitätsklinik von Kapstadt berufen. 1989 kam er als Chefarzt der Herzchirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Großhadern an seinen Studienort München zurück. 2011 wurde er emeritiert.

Reichart: Nein. Das System der Transplantationsmedizin besteht vor allem aus dem Verwalten des Mangels. Darum braucht es sehr strenge Regeln. Mir wurde zum Beispiel vorgeworfen, ich hätte damals Johannes von Thurn und Taxis bevorzugt ein Herz beschafft. Das stimmt nicht. Ich habe nie einen Unterschied zwischen Privat- und Kassenpatienten gemacht. Bei Transplantationen sehen einem viele Leute über die Schulter. Wenn ich einen Privatpatienten hätte bevorzugen wollen, hätten Leute in meiner Klinik gesagt, das machen sie nicht mit.

ZEIT: Haben Patienten oder Angehörige Sie jemals gedrängt, eine Transplantation zu beschleunigen?

Reichart: In der Regel nicht. Aber ich kann mich an einen Fall erinnern: Der Patient, ein wohlhabender Mensch, hat geglaubt, er bekommt in Österreich schneller ein Herz. Weil dort die Widerspruchslösung gilt, stehen mehr Organe zur Verfügung. Der Patient hat es geschafft, in Österreich auf die Warteliste zu kommen, und ist erfolgreich transplantiert worden. Heutzutage ist der Zeitdruck in der Herzchirurgie aber nicht mehr so groß, weil man den Patienten vorübergehend ein Kunstherz einpflanzen kann.

Organspende

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Grafik: Organspende
Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Simone Gödecke

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle Eurotransplant geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Spenden nach dem Tod

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Seit dem 1. November 2012 gilt dazu ein neues Transplantationsgesetz: Jeder Krankenversicherte wird regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob seine Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

Wie bisher gibt es einen Organspendeausweis. Darin steht, ob derjenige generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Bisher wurden, wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hatte, nach seinem Tod die Angehörigen gefragt, ob sie einer Spende zustimmen. Auch in Zukunft werden Angehörige informiert, wenn ein potenzieller Spender verstirbt. Maßgeblich ist juristisch dann aber der zu Lebzeiten formulierte Wille des Verstorbenen.

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuregelung der Organspende zusammengefasst.

Spenden im Leben

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz regelt auch Organspenden während des Lebens. Auch nach der Reform von 2012 gilt: Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden. Jeder Lebenspender hat aber heute einen Anspruch gegen die Krankenkasse des Organempfängers auf Krankenbehandlung, Vor- und Nachsorge, Rehabilitation sowie Krankengeld.

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist. Nach den jüngsten Skandalen wurden die Kontrollen verschärft.

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

ZEIT: Wie wirken sich die Skandale auf das Angebot für Spenderorgane aus?

Reichart: Schlecht. Schon bei einem Verdacht sinkt die Spendenbereitschaft. Auch wenn das bei näherem Hinsehen irrational ist: Der Spender wird ja nicht geschädigt. Vielleicht wurden jetzt einige Patienten, die eigentlich nicht an der Reihe waren, bevorzugt. Das ist nicht in Ordnung. Aber solche Fälle sollten an der Spendenbereitschaft nichts ändern.

ZEIT: Und doch ist das Misstrauen verbreitet.

Reichart: Das ist eine verständliche emotionale Reaktion. Der Entschluss zur Organspende ist eine Art Testament. Man muss sich mit dem eigenen Ende auseinandersetzen. Man sollte sich nicht von einzelnen Problemfällen beirren lassen. Im Großen und Ganzen funktioniert das System der Organverteilung.

Leserkommentare
  1. Zitat:
    "Man sollte sich nicht von einzelnen Problemfällen beirren lassen. Im Großen und Ganzen funktioniert das System der Organverteilung."

    sagt einer der zum system gehört

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie dürfen aus dem Artikel natürlich Ihre eigenen Schlüsse ziehen.
    Wenn Sie mit "system" die Arbeit von Dr. Reichart und seinen Mitarbeitern meinen, sollten Sie sich erst über deren Arbeit informieren, bevor Sie kritisieren.
    Es gibt sie schon, die Mediziner, welche in erster Linie Arzt sind.
    Arzt ,ganz einfach im Sinn von Heilen und Helfen.

  2. Sie dürfen aus dem Artikel natürlich Ihre eigenen Schlüsse ziehen.
    Wenn Sie mit "system" die Arbeit von Dr. Reichart und seinen Mitarbeitern meinen, sollten Sie sich erst über deren Arbeit informieren, bevor Sie kritisieren.
    Es gibt sie schon, die Mediziner, welche in erster Linie Arzt sind.
    Arzt ,ganz einfach im Sinn von Heilen und Helfen.

    Antwort auf "Mmmmmhhh "
  3. 3. [...]

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/au.

    • Gwerke
    • 09. August 2012 16:28 Uhr

    Reichart: "Der Spender wird ja nicht geschädigt. Vielleicht wurden jetzt einige Patienten, die eigentlich nicht an der Reihe waren, bevorzugt. Das ist nicht in Ordnung. Aber solche Fälle sollten an der Spendenbereitschaft nichts ändern."

    Dies ist vielfache Verniedlichung des Problems:
    - Jeder Spender ist potentieller Empfänger. Sollten Empfänger nach einem beliebigen Eliteprinzip, wozu auch das Heranziehen von Operationen an die eigene Klinik zählt, ausgewählt werden, ist er im Zweifel der Dumme. Weil dieser Spender dann sicher nicht der Elite angehört.
    - Jede Fälschung nach dem Prinzip Göttingen sollte als gefährliche Körperverletzung im Zweifel mit Todesfolge geahndet oder mindestens ermittelt werden. Stand doch der leer ausgegangene Patient höher auf der Liste und damit vermutlich dem Tode näher als der Patient, der die Leber schließlich bekam.

    Ohne nachhaltige Änderung des Systems werde ich meinen Spendeausweis zurückgeben. Es sei denn, ich darf als Spender auch am korrupten System der Organspende teilhaben: Mein sportliches 55 jähriges Herz darf sich die Uniklinik Göttingen für seinen Lieblingspatienten ruhig was kosten lassen.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/au.

  5. Es kann nicht sein, dass Organspenden zum Gebrauchsartikel und zur Handelsware der Geschäftsführung eines Krankenhauses wird. Es ist dadurch auch kein Wunder, dass der Arzt nicht mehr die Leistungsqualität für den Patienten darstellt. Der Patient wird durch diese Handlungsweise (wenn Kapitallos) zum Patienten 2. oder 3. Klasse. Schuld ist die Geschäftsführung sowie die sogenannte Leistungsbereitschaft der zuständigen Ärzte. Unsere Gesellschaft (gemeint in Deutschland) verkommt immer mehr zur Profitgesellschaft auf Kosten des Lebens und des Einzelnen ohne Kapital. In der allgemeinen Presse wird berichtet, dass Spenderorgane in einer Preisklasse um die 180000 € gehandelt werden. Frage ich mich, ob ich als Normalo-Bürger noch eine Chance habe, diese Hilfeleistung noch in Anspruch nehmen zu können. Diese Abzocke schreit doch zum Himmel wenn der Hilfeleistende (gemeint Arzt / Geschäftsführung) nur des Geldes wegen eine OP zulassen. Diesen Leuten gehört die Approbation aberkannt und der Geschäftsführenden Ebene ein Arbeitsverbot. Der Bürger, der normale Mensch schwer Krank ist der Leitragende. Kann es sein, dass sich ein großer Teil der Ärzteschaft nur Bereichern will. Wo ist der inhaltliche Sektor der Arztausbildung geblieben - die Hilfe für den Patienten. Armes Deutschland.

  6. Freudscher Verschreiber, dass der Chirurg Bruno Reichart, der genau zu diesem Thema befragt wird, auf der Hauptseite "B.Reichert" geschrieben wird?

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