DIE ZEIT: In Göttingen wird ein Chirurg verdächtigt, Labordaten gefälscht zu haben, um seinen Patienten vorzeitig eine Spenderleber zu verschaffen. Der Arzt streitet den Vorwurf ab. Sie selbst haben Jahrzehnte lang transplantiert. Erleben wir eine Krise des Systems?

Bruno Reichart: Wenn die Vorwürfe denn stimmen. Der Göttinger Arzt muss jetzt beweisen, dass er unschuldig ist. Falls sie stimmen, wäre das natürlich schlimm.

ZEIT: Auch für Herzen stehen jedes Jahr dreimal so viele Patienten auf der Warteliste, wie transplantiert werden können. Waren Sie je in der Versuchung, eine Lücke im System für Ihre Patienten auszunutzen?

Reichart: Nein. Das System der Transplantationsmedizin besteht vor allem aus dem Verwalten des Mangels. Darum braucht es sehr strenge Regeln. Mir wurde zum Beispiel vorgeworfen, ich hätte damals Johannes von Thurn und Taxis bevorzugt ein Herz beschafft. Das stimmt nicht. Ich habe nie einen Unterschied zwischen Privat- und Kassenpatienten gemacht. Bei Transplantationen sehen einem viele Leute über die Schulter. Wenn ich einen Privatpatienten hätte bevorzugen wollen, hätten Leute in meiner Klinik gesagt, das machen sie nicht mit.

ZEIT: Haben Patienten oder Angehörige Sie jemals gedrängt, eine Transplantation zu beschleunigen?

Reichart: In der Regel nicht. Aber ich kann mich an einen Fall erinnern: Der Patient, ein wohlhabender Mensch, hat geglaubt, er bekommt in Österreich schneller ein Herz. Weil dort die Widerspruchslösung gilt, stehen mehr Organe zur Verfügung. Der Patient hat es geschafft, in Österreich auf die Warteliste zu kommen, und ist erfolgreich transplantiert worden. Heutzutage ist der Zeitdruck in der Herzchirurgie aber nicht mehr so groß, weil man den Patienten vorübergehend ein Kunstherz einpflanzen kann.

ZEIT: Wie wirken sich die Skandale auf das Angebot für Spenderorgane aus?

Reichart: Schlecht. Schon bei einem Verdacht sinkt die Spendenbereitschaft. Auch wenn das bei näherem Hinsehen irrational ist: Der Spender wird ja nicht geschädigt. Vielleicht wurden jetzt einige Patienten, die eigentlich nicht an der Reihe waren, bevorzugt. Das ist nicht in Ordnung. Aber solche Fälle sollten an der Spendenbereitschaft nichts ändern.

ZEIT: Und doch ist das Misstrauen verbreitet.

Reichart: Das ist eine verständliche emotionale Reaktion. Der Entschluss zur Organspende ist eine Art Testament. Man muss sich mit dem eigenen Ende auseinandersetzen. Man sollte sich nicht von einzelnen Problemfällen beirren lassen. Im Großen und Ganzen funktioniert das System der Organverteilung.