Man kann die Luft schon mit den Händen fassen, als Eric Vaughn kurz nach Mitternacht den Raum betritt. Sieben Mann stehen auf der improvisierten Bühne des Edelweiß in Kreuzberg, im Hintergrund die großblumige Tapete, dunkelgrün. Durch Zigarettenqualm, Arme, Haarknäuel sind sie kaum zu sehen. In der ersten Reihe, auf Klappstühlen und abgewetzten Sesseln, sitzt eine Gruppe junger Frauen, konzentriert lauschend mit geschlossenen Augen. Weiter hinten wird getanzt. Der Altersschnitt liegt um die 30. Sollte der Jazz nun doch bald sterben , gibt er vorher jedenfalls noch eine schöne Party.

Eric streift den Sweater über den Kopf, einmal am Glas nippen, zwei Züge an der Zigarette, Drumsticks aus dem Rucksack. "Ich habe noch jemanden mitgebracht. You got to hear that kid. He’s amazing."

Eric Vaughn, 47, ist ein wahrer Gentleman am Schlagzeug. Ein Spielmacher, der die Fäden zusammenhält. Einer, der schon ahnt, was die anderen spielen werden, ehe es ihnen selbst einfällt. Er bringt die Trommeln zum Sprechen, seine Grooves sind federleicht und präzise, jeder Beckenschlag ein Glanzlicht, kein Ton redundant. Als Eric letztes Jahr im Waldo mit seiner Session-Reihe Naked Jazz gastierte, verwandelte sich die kleine Bar, Torstraße, Hinterhof, in einen musikalischen Hotspot. Plötzlich gab es dort eine Art von Session, bei der nicht zauselige Männer endlos herumlungerten, als hätten sie kein Zuhause. Es gab exquisiten Cool Jazz und Bebop, gespielt von smarten Typen in gebügelten Hemden. Bis tief in die Nacht strömten sie mit Instrumentenkoffern herbei. Fast alle sprachen Englisch. So wie Eric aus Savannah/Georgia, der 2008 nach Berlin kam und heute drei Drumsets in den Clubs der Stadt verteilt hat, weil er jeden Abend woanders spielt. Das Edelweiß ist eigentlich ein Café und Restaurant am Görlitzer Park. Aber die Sessions sind legendär. Wenn man Plattenfirmen- oder Medienmenschen davon erzählt, zucken sie mit den Schultern.

Das "Kid", das Eric heute mitgebracht hat, heißt Benson McGlashan. 22 Jahre alt, Kanadier aus Vancouver Island, seit zwei Monaten wohnhaft in Moabit. Eric hat ihm eine Wohnung vermittelt, jetzt sind sie Nachbarn. Und Benson ist mittendrin in einem Netzwerk, das der Stadt derzeit üppigen Zustrom an Kreativität und Talent beschert. 200 Musiker und rund 600 Jazzfreunde hat Eric in seinem E-Mail-Verteiler. Seine Reihe Naked Jazz macht Station auch an Orten, die weitab der traditionellen Gleise liegen. Zum Beispiel im Badehaus Szimpla in Friedrichshain. Der Club, von einem Häuflein verschmitzter Ungarn geführt, sieht von außen aus wie ein Knusperhäuschen, von innen wie eine surrealistische Westernkneipe und befindet sich tatsächlich in ehemaligen Sanitärräumen des Reichsbahnausbesserungswerks.

Jetzt aber stehen Eric und Benson im Edelweiß. Sie sind nur zum Vergnügen hergekommen. Man besucht Freunde, pflegt das Netzwerk, spielt, jede Nacht. Von den lausigen Gagen spricht kaum einer, manchmal geht auch nur der Hut rum.

Benson sieht mit seinem Bärtchen und der Schiebermütze ein bisschen aus wie der junge Johnny Depp. Aber als er die ersten Töne aus der Gitarre kitzelt, denkt man an den geschmeidigen, katzenhaften Wes Montgomery, die Eloquenz von Joe Pass oder die Melancholie von Jim Hall. Benson hat ein paar Jahre Punk und Grunge-Rock gespielt, sein erster Gitarrenheld war Kurt Cobain. Als Cobain starb, war Benson gerade vier Jahre alt war. Irgendwann sah Benson ein Konzert des kanadischen Pianisten Oscar Peterson, dessen konzentrierte Eleganz Bensons musikalischen Kosmos neu sortierte.

Die erste gute Nachricht ist: Jazz darf wieder Spaß machen. Hauptgrund dafür: der Zuzug von Neuberliner Musikern und Publikum. Ob hier im Edelweiß junge Amerikaner hübschen Spanierinnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Oder ob, im b-flat, die Band das Rascheln der Stadtpläne und Reiseführer übertönt, mit denen der Easy-Jetset aus den Hostels in Mitte herbeiströmt.

Die zweite gute Nachricht: Niemanden interessiert mehr, wie die deutsche Jazz-Polizei das findet. Jene knöcherne Riege von Funktionären und Vereinsmeiern, die Konzerte bartkraulend bemosern, wenn es zu "poppig" klingt. Die sich als Gralshüter aufspielen und den Jazz in die akademische Ecke gedrängt haben, wo er nach landläufiger Wahrnehmung in atonalem Siechtum vegetiert. Man erinnere sich an Zeiten, als sogar das selbst dünkelhafte und mittlerweile tatsächlich in Bedeutungslosigkeit versunkene JazzFest noch ein Free-Jazz-Gegenfestival brauchte. Das Totschlagargument: Kommerzverdacht. Unter amerikanischen Musikern undenkbar.