Eigentlich sind alle literarischen Bücher von Juli Zeh Kammerspiele. Weshalb die Kammerspiele dieser Stadttheaterrepublik auch längst schon zugegriffen haben. Juli Zehs Romane wurden für die Bühne eingerichtet, Stückeaufträge ergingen reihenweise, und ihr jüngster Roman Corpus Delicti, der es ob seiner didaktischen Freundlichkeit bis zur Schullektüre gebracht hat, ist sogar als Theaterstück gestartet.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: ein starker Problemkern, an aktuelle politische und juristische Diskurse angebunden, verhandelt zwischen wenigen Figuren, die den Konflikt am eigenen Leib austragen, was eine Nähe zu Krimi und Thriller mit sich bringt; ein kluges Spiel mit doppelten Böden; relative Konstanz von Zeit und Ort bei gleichzeitigem Vorhandensein von philosophischen Implikationen; spielerisch leicht, klug, kühl, rasch und böse, wenn es gut geht; oder eher klügelnd, ausgedacht und aufgesetzt.

Das neue Buch ist auf den ersten Blick eine komplizierte, sexuell aufgeladene Dreiecksgeschichte. Der Ort ist eine namenlose Insel im Atlantik, Lanzarote meinend, auf welcher der Haupterzähler seit vierzehn Jahren eine Tauchschule betreibt. Die erzählte Zeit umfasst im Kern vierzehn Tage, während derer ein verrücktes SM-Pärchen oder ein SM-Vorlieben simulierendes Pärchen Tauchgänge absolviert: sie, die Jola genannte Schauspielerin Jolanthe Augusta Sophie von der Pahlen; er, ein halbwegs erfolgloser Schriftsteller namens Theo. Sven, der Tauchlehrer, erzählt die Geschichte seit deren Ankunft und nur wenig über ihre Abreise hinaus. Juli Zeh möchte bei der Kompliziertheit der Handlungsmotivationen offensichtlich formale Komplikationen vermeiden. Sie bleibt trocken im Ton, spröde, schnell und theatralisch pointiert in den Dialogen, und sie durchbricht den Bericht des Tauchlehrers lediglich durch die leicht überdrehten Tagebuchaufzeichnungen Jolas, die im weiteren Verlauf nicht nur von Svens Schilderungen abweichen, sondern ihnen offen widersprechen.

Wir lesen also zwei divergierende Berichte und Deutungen. Damit rückt das gesamte Geschehen in ein postmodernes Zwielicht. So weit, so vertraut. Interessanter ist die Frage, wer entscheidet am Ende über die Wahrheit, und wie sieht sie aus? Die Möglichkeiten reichen von kruder Gewalt (SM) als Realitätsgarant über geschickte Machttechnik (auch SM) – das Modethema dieser Tage – bis hin zur Theorie der Paralleluniversen. Wenn man nun noch hinzufügt, dass zunächst Theo und Jola den (Tauch-)Lehrer Sven mit Verführung, Drohung und Bloßstellung fertigmachen wollen, weiß jeder Zeh-Leser, dass hier fast alle ihre Romane, vor allem aber von der Handlung her Spieltrieb und vom theoretischen Konzept Schilf, weiterverarbeitet werden. Aber warum, fragt man sich, macht Juli Zeh das? Und mit welchem Gewinn?

Der Roman schnurrt ganz munter über die Bühne. Jola will in einem Film über die Tauchpionierin Lola Hass (die schrieb 1970 die Autobiografie Ein Mädchen auf dem Meeresgrund) die Protagonistin spielen. Deshalb ist sie auf Lanzarote, deshalb lernt sie tauchen. Oder will sie ihren Mann Theo loswerden, der sie mit Worten foltert, sie schlägt und quält? Oder liebt sie ihn in seiner Boshaftigkeit? Das sind so die Fragen, die sich stellen.