1979Der Judaskuss

António Lobo Antunes ist ein Meister des Palavers. von 

Man kann der Gewalt des 20. Jahrhunderts literarisch offenbar auf zwei Weisen begegnen. Einmal als Poesie des Kahlschlags, die keine Metapher mehr kennt, weil es angesichts des Grauens als geschmacklos, ja als ideologisch verwerflich erscheint. Das klingt dann so: »Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus Leinen.« (Günter Eich). Man kann der Gewalt, ganz umgekehrt, auch mit einem ungeheuren Wust aus Sprachbildern und Kaskaden von Metaphern begegnen. Das klingt dann so: »man liegt ausgestreckt im (...) Unterschlupf, während die Mörser voller Granatsplitter explodieren wie die Bäuche bei den Krebskranken im Krankensaal eines Hospitals, bei den Hoffnungslosen, deren spitze Nasen zur Decke zeigen wie verfaulende Vögel« (António Lobo Antunes).

Beide literarischen Verfahren verfolgen das gleiche, paradoxe Ziel: Die Darstellung einer letztlich undarstellbaren Gewalt. Entweder verweigert man jeden Sprachschmuck, oder man rennt gegen das Unsagbare gerade durch Sprachschmuck an, umkreist es durch unzählige Metaphern, Allegorien und jede Auffassungsgabe sprengende Assoziationsketten wie der Portugiese Antunes. Er ist ein Meister eines nicht endenwollenden Palavers. In seinem Buch Der Judaskuss lässt er in einer Bar einen aus Angola zurückgekehrten Soldaten vom Krieg der Portugiesen gegen die Aufständischen in der Überseeprovinz Anfang der siebziger Jahre erzählen – ein verlogener Kampf gegen Brüder, worauf der Titel hinweist.

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Das Gegenüber des Erzählers ist eine Frau, weshalb der sprachlichen Überbietungsstrategie frivolerweise die Verführung eingeschrieben ist. Kein Bild ist unschuldig, da ihm Strategisches anhaftet, kein Bild ganz präzise, da der Barbesucher seinen Redeschwall durch Liköre und Cognac ordentlich befeuert. Da der Trinker gerade durch das Erzählen vom Grauen zu verführen sucht, neigt er dazu, die Gewalt zu ästhetisieren. Er erzählt uns, wie die hinzurichtenden Schwarzen »die Augen zukniffen und nach der Kugel, die eine rote Blume mit vielen Blütenblättern auf ihrer Stirn entfaltete, zusammensackten wie ein Soufflé.« Inmitten der Ratten und Minen, inmitten von Soldaten, die auf Pritschen onanieren für einen Funken Trost, geht ab und an die schöne Sonne des Todes über den Schlachtfeldern auf. Der Verführer wird von seinen eigenen Metaphern zur Geschmacklosigkeit verführt.

Jeder literarischen Verarbeitung von Gewalt ist offenbar eine Grenzüberschreitung eingelagert. Entweder in Form der Anti-Poesie oder im barocken Überschuss der Sprachbilder. Antunes umgeht dabei raffiniert die Gefahr, den Krieg zu verkitschen, indem er einen unzuverlässigen, einen alkoholisierten Erzähler Bericht erstatten lässt.

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    • Serie Literaturkanon
    • Schlagworte Roman | Buch | Belletristik | Literatur
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