Sie wurden Freunde, so heißt es, der Weltreisende Marco Polo und der chinesische Kaiser Kublai Khan. Als Präfekt bereiste der Venezianer die Städte des fernöstlichen Reiches. Darüber berichtete er in seinem Buch Il Milione. Die Wunder der Welt«. Sieben Jahrhunderte später nahm sich der italienische Schriftsteller Italo Calvino (1923 bis 1985) dieser Konstellation an. Calvino nutzte Marco Polos Bericht als Vorlage, er überschrieb, variierte und verwandelte den Stoff. So entstand sein Buch Die unsichtbaren Städte. Es beginnt in der ersten Szene der Rahmenhandlung mit einem nahezu beschaulichen Idyll, wenn sich der Tartarenkaiser in seinem weltenthobenen Palast von Marco Polo die Städte seines Reiches beschreiben lässt. Doch innerhalb weniger Sätze verkehrt sich die Hoffnung, es möge in der »endlosen Weite der Territorien« eine Ordnung geben, in die erschütternde Ahnung, »daß dieses Reich, das uns als die Summe aller Wunder erschienen war, ein einziger Ver- und Zerfall ohne Ende und Form ist«.

Die in neun Zyklen regelhaft angeordneten Städtebilder, 55 Miniaturen, heben die Schatten- und Kehrseiten mit zunehmendem Nachdruck hervor, wobei der Charakter der Missstände immer grundsätzlicher und unausweichlicher wird. In der Stadt Anastasia, die man sich als Konsumparadies vorstellen muss, werden die Menschen von der Sucht des Wünschens versklavt. Im Ballungsgebiet Eutropia können die Bewohner, wenn sie ihrer Routine überdrüssig sind, durch Umzug ihr Leben ändern, doch das führt nur dazu, dass sie sich ständig wiederholen. Perinthia wurde nach den Berechnungen von Astronomen errichtet, nun aber werden aus der himmlischen Logik Monster geboren. In anderen Städten sind die Lebenden von den Toten nicht mehr zu unterscheiden, es herrscht Überbevölkerung oder Zersiedelung. Zum Schluss erklärt Marco Polo dem Kaiser: Falls es eine Hölle gebe, dann sei es die, »in der wir jeden Tag leben, die wir durch unser Zusammensein bilden«.

Calvinos Unsichtbare Städte sind Sinnbilder für das menschliche Dasein, seine Widersprüche, Dilemmata, Paradoxien. Manche nennen das Buch ein Weltpoem. Der kombinatorische Eifer des postmodernen Autor-Artisten macht daraus zuweilen ein nicht minder faszinierendes Weltpastiche. Thematisiert wird vieles, fast alles, bis hin zu den Metafragen nach dem Verhältnis von Realität und Erfindung, Macht und Ohnmacht, Bild und Spiegelbild.

Die Unsichtbaren Städte sind Stationen einer ewigen Reise, einer unabschließbaren Reflexion. Vielleicht ist dies das Europäische daran, dieses unerlöste, nach allen Richtungen ausgreifende Denken, das weder bei den materialistischen Passionen der Neuen Welt noch bei der Spiritualität des Ostens zur Ruhe kommen will? Calvino jedenfalls war als Erzähler ein unersättlicher Sammler von Themen, Gedanken und Motiven, er dachte sich den zeitgenössischen Roman als Enzyklopädie. Die unsichtbaren Städte zeigen, was er damit meinte.