1978Ich habe den englischen König bedient

Bohumil Hrabal lacht über die absurde Weltgeschichte. von Kathrin Schmidt

Vor nunmehr über vierzig Jahren beendete der Nestor der tschechischen Moderne, Bohumil Hrabal, seinen Roman Ich habe den englischen König bedient. Erstmalig erscheinen konnte er 1978 im Kölner Exilverlag Index. Die Tschechoslowakische Republik von 1918 bis 1938 gibt die Einfriedung vor, in der die Handlung des Romans einsetzt, aber sie hatte von allem Anfang an eine von Konfessions- wie Bevölkerungsvielfalt gekennzeichnete Binnenstruktur. Die Tschechen bildeten gut die Hälfte der Einwohnerschaft. Einer von ihnen, Jan Dítě, »bafelt« (dieses spezifisch Hrabalsche anekdotenreiche Palavern) in diesem Roman über sein gelebtes Leben.

Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, beginnt er als 14-jähriger Piccolo im Hotel einer Kleinstadt seine Lehrzeit. Sofort ist es das Geld, das ihn fasziniert und zu dessen Beschaffung er sich auf diverse Listen verlegt, denn er will es eines Tages zu einem eigenen Hotel bringen. Über das Tichota im Prager Vorortmilieu geht es zum Hotel Paris in der Goldenen Stadt. Der dortige Oberkellner Skrivanek erscheint ihm allwissend, und auf seine Frage nach dem Ursprung dieser umfassenden Gelehrsamkeit antwortet jener mit dem titelgebenden Satz: Ich habe den englischen König bedient. Jan Dítě schafft es, ihn zu übertrumpfen: Als der abessinische Kaiser zum Abendessen eintrifft, sinkt er im entscheidenden Moment auf die Knie und schenkt dem Hochwohlgeborenen vom guten Moselwein ein, wofür dieser ihn mit einem Orden an blauer Schärpe belohnt. Der begleitet Jan Dítě fortan durch die Ehe mit einer sudetendeutschen Schwimmmeisterin, durch Kollaboration und Gefängnis. Als er schließlich seine tote Frau nach dem Bombardement ihrer Heimatstadt aus dem Schutt gräbt, hält sie ein Köfferchen mit Briefmarken umschlungen, die sie anlässlich der Liquidation osteuropäischer Juden hatte mitgehen lassen. Deren Erlös macht Jan Dítě zum Millionär, nach dem Krieg lässt er sein Hotel bauen. Die unterdessen kommunistische Regierung sperrt die Millionäre des Landes ins Sammellager. Dort aber wird er als Neureicher von den Altreichen geschnitten. An dieser Stelle durchfährt es ihn: Nicht aus der Position des Besitzers, sondern des Besitzlosen auf die Dinge zu schauen soll ihn stärker machen, und so übernimmt er eine einsame Stelle als Wart einer unbefahrenen Straße im ehemals sudetendeutschen Grenzgebirge, wo er Erlebtes aufzuschreiben beginnt.

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Als Deutsche lese ich den Roman zwar in Übersetzung, aber mit dem deutlichen Gefühl, ebenso innerhalb der Topografie des Geschehens zu stehen wie der Autor selbst. Wenn man Hrabal liest, ahnt man von der Wichtigkeit, nicht etwa vermeintlich »objektiv«, sondern einfach gelassen auf die Geschichte zu schauen.

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    • Serie Literaturkanon
    • Schlagworte Roman | Buch | Belletristik | Literatur
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