Im April 1975 schreibt Imre Kertész in sein Galeerentagebuch: »›Schicksallosigkeit‹ erschienen. Ehrlicher Blick nach innen: Ich bin frei und leer. Ich will nichts und empfinde nichts.« Der Roman, an dem Imre Kertész Jahrzehnte geschrieben hat, isoliert, eingesperrt hinter dem Eisernen Vorhang, in seiner winzigen Budapester Einzimmerwohnung, die er mit seiner ersten Ehefrau teilte, war in der Welt. Und wurde noch lange totgeschwiegen. 1990 gab es zum ersten Mal im Verlag Rütten &Loening eine deutschsprachige Ausgabe unter dem Titel Mensch ohne Schicksal, die kaum Leser fand. Erst als der Rowohlt Berlin Verlag das Buch 1993 in neuer Übersetzung und unter neuem Titel herausbrachte, erntete es den verdienten und überwältigenden europäischen Erfolg, der Imre Kertész im Jahr 2002 den Literaturnobelpreis bescherte, eine »Glückskatastrophe«, wie er die Ehrung nennt.

Der Roman fällt aus dem Kanon der Nachkriegsromane völlig heraus. Als er plötzlich da war und gelesen und in den Zeitungen rezensiert und auf vielen Podien diskutiert wurde, war auch ein neuer Blick in der Welt, den noch niemand gekannt hat. Es war der Blick eines 15-jährigen Knaben, der davon erzählt, wie es ist, in Auschwitz anzukommen und noch nichts über Auschwitz zu wissen. Ein einfacher, ein ungeheuerlicher Einfall. Denn wir, die Leser, wissen eigentlich schon sehr viel über Auschwitz, über die sechs Millionen getöteter Juden, über die Rampe, über die Selektion, über die Gaskammern und die Schornsteine. Und plötzlich versetzten wir uns mit einem Jungen aus Budapest, der in kleinbürgerlichen Verhältnissen ein halb glückliches, halb unglückliches Familienleben lebt, in einen Zustand und in eine Zeit zurück, als man das alles weder wusste noch für möglich hielt. Wir lesen, und wir erleben das allmähliche Hineinleben, Hineingleiten in den Wahnsinn, beinahe so, als sei es möglich, noch einmal mit dem gutbürgerlichen Urvertrauen in den letztlich geordneten Gang der Dinge in einen Zug zu steigen, zu sehen, wie die Türen sich schließen, ohne die geringste Ahnung zu haben, was passieren wird, wenn sie wieder aufgehen.

Imre Kertész hat lange gebraucht, bis er diese unbewaffnete Erzählstimme gefunden hat. Er wusste nur, dass ihn etwas Wichtiges in den meisten Romanen der Nachkriegszeit störte. Und das war ihre schier unausweichliche Nachträglichkeit. Das war ihr Bescheidwissen, ihre Deutungshoheit über die Vergangenheit. Solche Romane, fand Kertész, verbreiten nur »billigen Radau«. Das erste Buch, in dem dieser billige Radau für Kertesz’ Empfinden verstummt war, fand er eines Tages bei einem Budapester Antiquar in einer Kiste. Es war Der Fremde von Albert Camus. Damit hatte er den Ton im Ohr, den er brauchte. Es ist ein unschuldiger, beinahe unliterarischer Ton, der die Welt nicht schon kennt und sie nur noch interpretiert, sondern sie im Gegenteil in jedem Augenblick erst erfährt und diese Erfahrung unzensiert wiedergibt – oder diese unzensierte Wiedergabe zumindest genial simulieren kann. Später hat Kertész diesen Ton »atonal« genannt.

Und so konnte Imre Kertész die Geschichte des 15-jährigen Kindes erzählen, das aufgrund seiner jüdischen Herkunft eines Tages auf dem Weg zur Arbeit in der Budapester Straßenbahn verhaftet, tagelang festgehalten und im Viehwaggon nach Auschwitz, später nach Buchenwald, dann nach Zeitz deportiert wird, überlebt, nach Hause zurückkommt und – seitdem er gelernt hat, Auschwitz für vernünftig und für die Normalität des Lebens zu halten – die andere, die normale Normalität nicht mehr versteht. Es ist seine eigene Geschichte, die zu erzählen sein Leben ausgemacht hat und die erzählt zu haben sein ganzer Reichtum ist.

Der Roman sprengt bis heute alle bekannten literarischen Codes und steht einzigartig in der Landschaft der europäischen Nachkriegsliteratur. Das liegt nicht an seiner Brillanz, das liegt nicht einmal an Auschwitz. Jedenfalls nicht nur. Wirklich überwältigend ist in diesem Buch nämlich vor allem jeder Verzicht auf Brillanz, auf jede Art der literarischen Überhöhung und Ausschmückung. Man könnte sagen: Überwältigend an diesem Roman ist der Verzicht auf jeden Überwältigungsversuch.

Und weil das funktioniert, weil man sich wirklich Schritt für Schritt in die Optik dieses unwissenden Knaben hineinliest, versteht man plötzlich, dass der Arzt an der Rampe in Auschwitz vertrauenserweckend wirken konnte, begreift, dass der Junge, sobald er die Logik der Selektion durchschaut hat, zuweilen mit dem Arzt nicht einverstanden ist. So manchen Kerl, den der Arzt passieren lässt, hätte der Junge eigentlich nicht auf die Seite der Arbeitsfähigen sortiert. Nicht mit diesem Bauch. Natürlich nicht. Das begreift schließlich auch der Leser – und erschrickt sich vor sich selber, weil er spürt, wie dünn die Wände sind, die ihn von dieser Auffassung des Vernünftigseins, von diesem Wahnsinn trennen.

Um das zu zeigen, verzichtet Kertész auf jede moralische Empörung, auf jede obszöne Ausmalung des Grauens. Stattdessen zeigt er die Langeweile, das Zeitvergehen, die Gewöhnung und schließlich die Leere. Und dann – unbegreiflich, geheimnisvoll – das Glück, das Auschwitz für Kertész auch bedeutet.

Das bleibt verstörend: Ganz am Ende der grandiosen Negativität, die von diesem Werk ausgeht, gibt es ein Rätsel, das man ein Erlösungsversprechen nennen könnte. Der »Schicksallosigkeit« können wir, meint Kertész, in der modernen Massengesellschaft zwar nicht mehr entkommen. Und doch gibt es Glück im erbärmlichsten Unglück. Nicht das kleine Glück, das uns täglich mit tausend falschen Versprechen ködert. Sondern ein, so Kertész, »flüchtiger Moment, in dem die bestürzende Tatsache des Seins auf die Bilder des Lebens übergreift und diese mit den wahren Farben färbt«. Nennen wir es der Einfachheit halber und weil wir keinen besseren Ausdruck dafür haben: das Glück der Erkenntnis.