Roman "Willkommen auf Skios"Das Blaue vom Himmel

Nur schlechte Nachrichten aus Griechenland? Ach was: Michael Frayns "Willkommen auf Skios" inszeniert in der Ägäis einen herrlichen Spaß aus Lüge, Chaos, Spott. von 

© Hanser Verlag

Also: Mit Geld hat dieser Roman gar nichts zu tun, auch wenn er in Griechenland spielt, schon das ergibt im Sommer 2012 einen angenehmen Kühlungseffekt. Euros, Drachmen, Fonds oder Bonds, einmal egal! Abgesehen von dem Verdacht, den ein Sicherheitsgorilla hegt, der auf einer Insel namens Skios Dienst schiebt und eine merkwürdige Kiste am Hafen über den blauen Himmel schweben sieht. Giorgios hat gehört, auf der Insel laufe was mit Geldwäsche, er legt den Kopf in den Nacken und zündet sich eine Zigarette an: »ihm gefiel die Vorstellung, dass hier etwas Sinnvolles getan wurde, eine saubere und gesunde Tätigkeit, die die Welt zu einem besseren Ort macht.«

Der Ton: spöttisch also, der Ort: imaginär. Skios könnte irgendwo sein, so wie es irgendwo natürlich eine Insel gibt, auf der sich eine Stiftung niedergelassen hat, vermutlich gibt es in der Realität mehr als eine dieser Inseln und sehr viele solcher Stiftungen, im Roman ist es die Fred-Toppler-Stiftung, die sich der wohlwollenden Rettung der Menschheit verschrieben hat. Sie glaubt aus nicht ganz uneigennützigen Gründen, dies lasse sich am besten mit Champagnerflöten in der Begleitung von Körbchen aus Seegras mit Hummertatar oder Fouetté von Haifischflossen inszenieren. Während unten in der Bucht die Raubtiere dieser Welt auf ihren Jachten herankreuzen, mäandern oben am Berg entlang der malerischen Ruinen eines importierten Tempels die ersten millionenschweren Gäste durch das Dorf, dessen Pseudo-Fischerhütten nach den Philosophen benannt sind und Empedokles oder Menandros heißen. Man schlendert so zum Festvortrag, dem Höhepunkt eines müden Sommers, und erwartet Dr. Norman Wilfred, einen Wissenschaftler von kristallklarem globalem Ruf. Sein Thema: »Innovation und Governance: das Versprechen der Szientrometrie«.

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Er hat es wieder getan. Der britische Autor Michael Frayn, der im kommenden Sommer achtzig wird, hat die Welt schon gut unterhalten mit über dreißig Dramen und zehn Romanen, mit komischen Stücken wie Der nackte Wahnsinn oder moralischen Disputen wie in Kopenhagen, wo Niels Bohr auf Heisenberg trifft, oder zuletzt mit melancholischen Untersuchungen der Frage, ob es so etwas wie Kindheitssünde geben kann, im Roman Das Spionagespiel, in dem ein alter Mann den Kriegsjahren nachspürt. Und jetzt: Tonwechsel, zurück ins Leichte, zu einem irren, wilden Vergnügen. Willkommen auf Skios ist eine Farce, eine Slapstick-Komödie, fast ohne ernste Untertöne.

Farce – urspr. Küchensprache, sagt das Literaturlexikon: bezeichnet gefüllte Fleischpastete. Im übertragenen Sinne eine Posse, die dem mittelalterlichen Mysterienspiel eingelagert ist, zur Auflockerung, dann aber, dank der unbändigen Energie des Witzes, der hier freigelassen sich selbstständig macht, in rasanter Folge Verwirrungen auf Verwechslungen häuft, Ränkespiele inszeniert, Sprachenkakofonie aufdreht, Missverständnisse inszeniert, jedenfalls größtmögliches Chaos anrichtet. Kein Stein bleibt auf dem anderen, jedenfalls nicht in dem pseudoantiken Ruinenfeld, auf dem dieser Roman spielt, oder im Gefüge der Lebensentwürfe, welche sich die Menschen erträumen – und leider gleichzeitig alles tun, um diese Träume kentern zu lassen. Phoksoliva!, wie der Taxifahrer Spiros ausruft, wenn er am Flughafen steht und ihm die Gäste mit einem Jajaja zutaumeln, was sich als schwerer Fehler rausstellt, aber eben leider nicht rückholbar ist.

So kommt ins Rollen, was man kaum Handlung nennen möchte. Zwei Herren und zwei Koffer werden verwechselt, mag sein, dass dies, wie Norman Wilfred sagen würde, vor Millionen von Jahren angeschoben wurde, was daraus folgt, ist jedenfalls unvorhersehbar, für ihn, glücklicherweise auch für den Leser. Fortuna hat ihre Launen, so glaubte das Mittelalter, Gewissheiten sind in diesem Roman jedenfalls so stabil wie eine kleine Wolke, die sich am blau glühenden Himmel bildet – und verschwindet. Etwa so wie Rettungsfonds dieser Tage.

Dr. Wilfred kommt, so viel sei verraten, der Stiftung als Hauptredner abhanden und auch sich selbst, diesem aufgeblähten Dr. Ich. Während ein Oliver Fox, sein Kontrahent, besser: Platzhalter, ein schillernder Tunichtgut, sich in einer neuen Identität gefangen sieht, die an ihm klebt wie die bewundernden Blicke eines zerstreuten Publikums, das ihn für niemanden anderes hält als – Dr. Norman. Pardon: Wilfred.

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