Nachruf: Sie ließ nicht los
Zum Tod der Schauspielerin Susanne Lothar.
Regisseure und Kritiker haben immer wieder den Mut dieser Schauspielerin gepriesen. Aber was bedeutet Mut in einem Spiel, in dem einem Akteur eigentlich nichts passieren kann, weil alles nur »als ob« geschieht? Mut im Spiel bedeutet, dass man die Bereiche des Spiels hinter sich lässt und aus dem »Als ob« ein »Nun ist es mir geschehen« werden lässt. Susanne Lothar wagte sich in Situationen vor, in die Normalmenschen nie freiwillig aufbrechen würden – weil man nicht will, dass andere erfahren, was einem dort zugestoßen ist. Und auch, weil man fürchtet, nicht unversehrt zurückzukehren. Sie erinnerte an eine Märchenfigur: Sie war wie das Mädchen, das zu spät auf die Idee kommt, den Drachen loszulassen, den es steigen lässt, und das nun von ihm davongetragen wird.
Susanne Lothars größte Rollen zeigen, wohin diese Reisen gehen konnten: in die Lust und in die Verzweiflung.
Ihre berühmteste Theaterrolle war die Lulu des Frank Wedekind in Peter Zadeks Hamburger Inszenierung (1988): Nackt, mit schwingenden Brüsten, aber im Vertuschungsfuror einer vollständig bekleideten Boulevardkomödiendame, sprang sie die hohe Theatertreppe hinauf und hinab, immer in Eile, als müsse verhindert werden, dass irgendjemand sie durchschaut. Man sah ein Lustmädchen, das immer fror und dem am Schluss sein großer Wunsch – »Ich träume davon, einem Triebtäter in die Hände zu fallen« – blutig erfüllt wurde. Lulu wurde vom Trieb in den Tod gerissen, als sei für sie nur dort Erfüllung zu finden.
Die Nacktheit der Zadekschen Lulu leuchtete von nun an in jedes Porträt hinein, das über Susanne Lothar geschrieben wurde. Nur ein Spiel?
Ihre berühmteste Filmrolle hatte sie in Michael Hanekes Funny Games (1997), in dem ein Ehepaar und sein Kind Opfer eines grundlosen Verbrechens, eines Spiels werden: Zwei junge Männer foltern und ermorden alle drei. Susanne Lothar und ihr 2007 gestorbener Ehemann Ulrich Mühe spielten die Eltern, und sie drangen in Bereiche der Verzweiflung, Auslieferung und Hoffnungslosigkeit vor, die unerträglich waren – ließen die sich wirklich spielend, zumal als Paar, so einfach wieder verlassen?
Susanne Lothar entstammte einer Schauspielerfamilie; ihre Mutter ist die Schauspielerin Ingrid Andree, ihr Vater war der schnoddrige, genial kaltschnäuzige und sehr früh gestorbene Hanns Lothar. Der ebenfalls großartige, vor existenzieller Ungemütlichkeit immer ein wenig frierende, angewidert über seine Mitmenschen hinwegschauende Günther Neutze war ihr älterer, der solide TV-Schauspieler Horst-Michael Neutze ihr jüngerer Onkel.
Wo ihr Vater Hanns Lothar in seinen Rollen nassforsch durch alle Kalamitäten hindurchkam mit der Aura des lebenstüchtigen Pfundskerls, da kam die Tochter durch auffällig viele Bühnen- und Filmschikanen nicht unversehrt hindurch: sondern zerschellte, wurde zermalmt. Immer waren die Liebesentscheidungen in diesen Geschichten auch Urteile, sie zogen Schläge, Untergänge nach sich. Sie spielte die Klara Hühnerwadel in Wedekinds Musik (Regie: Dieter Giesing), eine Frau, die eine Künstlerinnenkarriere vor sich sieht und am Ende ihr Kind umbringt; im Film Engelchen spielte sie eine Einsame, die durch eine Fehlgeburt ihr eigenes Kind verliert und ein fremdes entführt; sie spielte das ihrem Bruder hingegebene Mädchen in Sam Shepards Liebestoll (Regie: Arie Zinger); bei den Salzburger Festspielen spielte sie 1990 in der Inszenierung Thomas Langhoffs die Rachel in Grillparzers Jüdin von Toledo, darin wurde sie, leicht wie eine Fee, frech wie eine Hexe, von dem spanischen König Alphons erst begehrt, dann geliebt und am Ende kalt vernichtet – und diesen König spielte der große Ulrich Mühe, den Susanne Lothar damals kennenlernte und der zur Liebe ihres Lebens wurde.
Die Jüdin von Toledo war die erste gemeinsame Theaterarbeit von Mühe und Susanne Lothar; die letzte war, wenn ich nicht irre, Yasmina Rezas Komödie Dreimal Leben am Wiener Akademietheater in Luc Bondys Regie (2000). Darin spielte Susanne Lothar die kluge Pariserin Sonja, die, ohne sich vom Sofa zu erheben, das männliche Karrieregetümmel rund um sie her dirigierte. Ihren Mann spielte Ulrich Mühe als einen treuherzigen, händeringend Zusammenhänge herstellenden guten Menschen. Susanne Lothar war ihm als Sonja weit überlegen, eine herbe Society-Löwin, eine Frau mit geschmeidigem Gang und einem hypnotischen Blick. Dem fad gewordenen Ehemann entwand sie sich verführerisch, den Nebenbuhler entfachte sie aus purer Langeweile und mit einer einzigen, hingetupften Berührung. In ihrer heruntergedimmten Präsenz wirkte sie wie eine Schamanin, die dem Treiben auf der Bühne gar nicht folgen musste, da sie alles auf einem inneren Radar sah.
In ihren frühen Jahren war diese Schauspielerin das gebrannte und misshandelte, weiterkämpfende Kind. In späteren Rollen gewann sie die Autorität und komische Distanz der Bitterkeit hinzu. Diese Rollen waren wie Erfahrungsschlüsse, die sie aus früheren Abenteuern gezogen hatte. Man hatte nun eine Zeit lang den Eindruck, sie spiele nur noch sitzende Frauen: Frauen, die nicht handeln, nicht kämpfen, nichts wollen. Sie starrten ins Leere und erfassen doch die Kerle, die um sie herumhuschten. Dem Zuschauer kam damals der Verdacht, dass dies die großen bürgerlichen Frauenrollen unserer Tage sein könnten: brütende Wesen, die sich gleich erheben und die Männer verlassen werden.
Nach dem Tod Ulrich Mühes kämpfte Susanne Lothar darum, ihr Bühnenleben aufrechtzuerhalten und ihre Familie gut zu versorgen. Sie wolle nicht immer nur die Opfer, die Gefolterten und Versehrten, die Verlustfiguren spielen, sagte sie vor gar nicht langer Zeit; sie wolle gern mal in einem James-Bond-Film mitspielen. Das wäre zweifellos ein großartiger Bond geworden, und leider war dem Agenten seiner Majestät das Glück dieser Begegnung nicht beschieden. Er weiß nicht, was er versäumt hat. Wir wissen es aber schon. Es ist ein Jammer, dass Susanne Lothar gestorben ist. Sie war 51 Jahre alt.







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