Pablo Picasso: Picasso im Pappkarton
Darin 271 Zeichnungen des Malers: Ein Geschenk der Picassos an ihren Elektriker – oder kostbares Diebesgut? Ein pittoresker Rechtsstreit
© VALERY HACHE/AFP/Getty Images

Der Elektriker Pierre Le Guennec vor seinem Haus in Mouans-Sartoux
Mouans-Sartoux/Paris. In der hinteren Garagenecke liegen sorgfältig sortierte Schraubenschlüssel, ein Stück Gartenschlauch, ein Sack Grillkohle. Hier habe er 271 Picasso-Zeichnungen im Karton 40 Jahre lang aufbewahrt. »Es war ein Geschenk des Meisters und seiner Frau Jacqueline«, beteuert der alte Mann mit den grauen Haaren und dem verwaschenen Hemd. Pierre Le Guennec lebt im Haus seiner Eltern im südfranzösischen Mouans-Sartoux, 30 Kilometer nördlich von Cannes. Jeden Tag werkelt er so ein bisschen am Haus herum, einmal in der Woche spielt er Skat, früher gehörte er zur freiwilligen Feuerwehr und war des Künstlers Elektriker. Die Picassos im Pappkarton haben nun sein Leben schlagartig verändert.
Pierre Le Guennec und seine Frau Danielle sollen an einem der größten Kunstraube in der Geschichte schuld sein. Dabei haben die beiden aus eigenem Entschluss vor zwei Jahren ihren Garagenschatz im Rollkoffer nach Paris bugsiert und alles der Picasso-Administration übergeben. Seither wird hart gekämpft. Demnächst sollen die Le Guennecs wieder vorm Verwaltungsgericht in Grasse erscheinen, danach wird der Untersuchungsrichter über eine Anklage wegen Hehlerei entscheiden. Die Picasso-Administration, Hüterin des kulturellen Erbes des Meisters, schätzt den Wert der Zeichnungen inzwischen auf rund 80 Millionen Euro.
Die meisten entstanden zwischen 1900 und 1920; die Studie einer Frau im Sessel fertigte Picasso 1932. Einige Bilder, Malübungen nennt sie Le Guennec, bestehen aus wenigen Strichen. Es sind farbige Kompositionen, auch 14 Lithografiestudien von 1923, darunter die Drei Grazien. Ferner angedeutete Landschaften und Stillleben und mit Bleistift gemalte Tiere. Die Picasso-Administration findet die Papiercollagen besonders interessant: Sie bezeugten die Entstehung des Kubismus. Nur 40 sind erhalten, weil Picassos Atelier 1910 überschwemmt wurde. Allein diese kubistischen Darstellungen seien mindestens 40 Millionen Euro wert.
Wann hat Picassos Frau Jacqueline dem Elektriker die Zeichnungen geschenkt? Der alte Mann steht in seinem Garten und überlegt. Er kann sich nicht genau erinnern – aber es habe ihn damals gar nicht gewundert: »Es war doch ganz menschlich. Eine Geste der Freundschaft. Picasso war lieber mit uns einfachen Menschen zusammen als mit seinen Erben.«
Der Anwalt Jean-Jacques Neuer residiert an den Champs-Élysées, nahe dem Triumphbogen. Er vertritt die Picasso-Verwaltung in Paris, sein Mandant ist Claude Picasso, der einzige noch lebende Sohn und Nachlassverwalter der Familie. Neuer trägt einen maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug und lächelt maliziös über die mediale Sympathie für den »armen Elektriker«. »Wir sollten uns von den Klischees verabschieden!« Mit großer Geste lehnt er sich in seinem Ledersessel zurück, breitet die Arme aus und ruft: »Diese Geschichte ist einfach nur haarsträubend. Sie ist absurd, absurd. Picasso hätte niemals 271 Werke verschenkt. Das ist eine Fabel, ein Märchen!«
Eines Tages – 1971? – habe Jacqueline ihm den Karton in die Hand gedrückt
Neuer gehört zur glamourösen Pariser Kunstszene. Auf einem schwarzen Sideboard stapeln sich die Bildbände: Miró, Cranach, Sophie Calle; kein Staubkorn liegt auf dem riesigen Glasschreibtisch, den Lärm der achtspurigen Pariser Prachtstraße sperren dreifach verglaste Fenster aus. Neuers Welt sind Versteigerungen in New York und London, Verhandlungen mit Mäzenen und Kunstsammlern. Eine Beziehung zwischen den Picassos und einem Elektriker aus der Provinz? »Er war der Elektriker, sonst nichts.«
Im Spiel ist inzwischen auch der Chauffeur, viele Jahre hat er Picasso gefahren, als Vertrauter mit dem Kosenamen »Nounour« ist er in Biografien über den Künstler eingegangen: Maurice Bresnu. Seine Frau soll die Cousine Le Guennecs sein. Beide Bresnus sind inzwischen gestorben, und auch sie haben angeblich rund 100 Bilder geschenkt bekommen. Bevor sie versteigert werden konnten, fanden sich vor wenigen Wochen Zeugen, die Nounour und seine Frau des Diebstahls und der Hehlerei bezichtigen. Könnte es einen Zusammenhang geben zwischen den Bildern der Le Guennecs und dem angeblichen Diebesgut der Bresnus? Neuer legt das nahe.
Die Le Guennecs schütteln darüber ärgerlich den Kopf. Schon in den 1970er Jahren hätten sie sich mit den Bresnus verkracht und zu Maurice’ Beerdigung vor drei Jahrzehnten bloß eine Karte geschickt. Auch ihr Anwalt hält die Bresnu-Geschichte für eine »durchschaubare Strategie, um aus den Bresnus Diebe und aus den Le Guennecs Hehler zu machen«. Charles-Etienne Gudin ist ein Rechtsprofessor aus Bordeaux, selbst Maler und Verehrer Picassos. Alle plötzlich aufgetauchten Zeugen hätten sehr persönliche Gründe, die Bresnus posthum zu belasten. »Aber selbst wenn die Bresnus Picasso bestohlen hätten, sagt dies nichts über die Werke meines Mandanten aus«, erklärt Gudin. Er hat Anzeige wegen der »Beeinflussung von Zeugen« erstattet. Gudin selbst hat den Le Guennecs seine Dienste in diesem »höchst interessanten Fall« angeboten – und er war nicht der Einzige.






> einem neuen Museum in ihrem Heimatdorf Mouans-Sartoux stiften
Da werden sich die 80Mio aber schnell verflüchtigen..
Ein Elektriker ist ein Elektriker, und ein Kunsthändler ist ein Kunsthändler. Nur ein Kunsthändler hat ein Recht auf leistungsloses Einkommen.
Wird in Südfrankreich wirklich Skat gespielt?
Eine der scheinbar zahllosen human interest stories die auch in deutschend Qualitätsmedien immer häufiger auftauchen über deren journalistischen Wert man aber trefflich streiten kann.
In diesem konkreten Fall wüsste ich gerne was aktuell Neues geschehen ist denn der Sachverhalt ist bekannt (inklusive Wikipediaartikel) und wurde 2010 auch schon intensiv berichtet. Warum also dieser Artikel jetzt? Ein Nachrichtensommerloch das gefüllt werden muss gibt es ja nicht gerade.
Mich interessieren diese menschlichen Geschichten mehr, als der ganze andere Kram. @Redaktion Danke für den Artikel
Mich interessieren diese menschlichen Geschichten mehr, als der ganze andere Kram. @Redaktion Danke für den Artikel
von picasso haben picasso nicht verstanden
Mich interessieren diese menschlichen Geschichten mehr, als der ganze andere Kram. @Redaktion Danke für den Artikel
wie andere auch, vielleicht mit dem Unterschied daß sie selbst sehr genau um den Unterschied ihres eigenen Lebens gegenüber der öffentlichen Darstellung wissen.
Natürlich essen Künstler auch Sandwiches. Selbstverständlich räumen sie ab und zu ihre Bude auf, um Platz für Neues zu schaffen. So ein Pappkarton mit alten murkeligen Zeichnungen ist da grad das Erste was rausfliegt, wenns denn einer haben will.
Gerade von Picasso ist bekannt daß er ganz gerne auf dem Boden blieb, wenn es um menschliche Kontakte ging. - Das macht ihn auch sympathisch, und das zeigt sich auch in seinen Bildern. - Lebte er noch, hätte er die ganze Diskussion schnell abgewürgt, drei Striche auf die Vorladung gezeichnet und sie dem Gerichtsdiener geschenkt.
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