Die Piraten befinden sich auf dem Weg zur Volkspartei. Immer häufiger, so hat Piraten-Chef Bernd Schlömer beobachtet, folgen Eltern ihren Kindern. Der schleswig-holsteinische Landesverband der Piraten erlangte in dieser Beziehung einige Berühmtheit, weil unter den ersten zehn Kandidaten auf der Liste gleich drei aus einer Familie stammten. Der Spitzenkandidat Torge Schmidt ist inzwischen in den Landtag eingezogen und hat seine Eltern abgehängt. Mutter Birgitt Piepgras (Platz 9) kann sich nun wieder ihrer Arbeit als Schmetterlingsforscherin widmen. Fragt man die Familie, was sie jenseits der Politik so gemeinsam unternehmen, antwortet sie wie im Chor: Man schaue zusammen die TV-Serie Game of Thrones .

Die amerikanische Fantasy -Serie wird seit vergangenem November auch in Deutschland ausgestrahlt. Es ist Piraten-Entertainment par excellence: Das Weltbild, das hier in immer verwickelteren Plots ausgebreitet wird, passt perfekt zu einer Partei, deren Grundaffekt das Misstrauen ist – nicht nur gegen etablierte Herrschaftsformen, auch gegen das Individuum und seine Machtgelüste. "Regieren", so sagt die Mutter des grausamen kindlichen Königs Joffrey, "das ist wie auf einem Bett aus Schlingpflanzen liegen und sie ständig ausreißen, damit sie dich nicht im Schlaf erdrosseln."

Game of Thrones spielt in einer fiktiven, ans europäische Mittelalter erinnernden Zeit, in den sieben Königreichen von Westeros. Im Norden grenzt das Reich an einen riesigen Eiswall. Die Wälder sind bevölkert von grässlich anzusehenden weißen Wanderern, die keine Gefangenen machen. Die erste Staffel behandelt die Machtkämpfe zwischen den Adelsfamilien Stark, Lannister und Baratheon.


Die Starks wachsen einem ans Herz: Da sind der gruffelige, aber anständige Vater Ned, seine stolze Frau Catelyn und ihre gruffeligen, aber anständigen Kinder. Die Momente harmlosen Familienlebens sind allerdings selten. Der kleine Junge wird aus einem Turmfenster geworfen, weil er den Inzest zwischen den intriganten Lannisters beobachtet hat; die Teenager-Tochter muss den grausamen kindlichen König heiraten und in die Hauptstadt ziehen, die sogar noch verkommener ist als Berlin, ihre kleine Schwester Arya wird zur Sklavin. Beide Mädchen müssen zusehen, wie ihr Vater auf dem Schlossplatz enthauptet und sein Kopf den Untertanen zur Abschreckung auf einer Lanze aufgespießt präsentiert wird. Dass gerade der gute Patriarch sterben muss, gehört zum Weltbild von Game of Thrones – wer sich in die Politik begibt, kommt darin um.

Ebenso zum Weltbild der Serie gehört die liebevolle Aufmerksamkeit für die Lage der Huren, der Schwulen, der Bastarde und der Zwerge. Heimlicher Held der Serie ist Tyrion Lannister, ein intelligenter, sowohl zu Grausamkeit als auch zu Empathie fähiger Liliputaner. "Macht", sagt er, "ist ein Trick, ein Schatten an der Wand. Und ein sehr kleiner Mann kann einen sehr großen Schatten werfen." Ähnlich wie bei den vielen exzellenten amerikanischen Fernsehserien , die einem keine Ruhe lassen, geht es auch hier um den Verfall eines Machtsystems, ohne dass Ersatz in Sicht wäre. Trost wird nicht angeboten. Der Alte muss weg; aber es wird nichts besser dadurch, dass er stirbt.

Das Piratische an Game of Thrones ist vor allem die Ästhetik: brutaler Kitsch zwischen Heavy Metal und Ayurveda. Weißblonde Schönheiten werden auf edlen Araberhengsten dem Oberkrieger Khal Drogo vom Stamme der Dothraki zugeführt, dessen Brustkorb etwa den Umfang eines Buckelvolvos hat. Im rosafarbenen Licht der untergehenden Sonne vergewaltigt er die Braut unnachgiebig; sie lernt ihn lieben und ehren. Außerdem spricht er eine eigens für die Serie entwickelte Sprache, die halb arabisch, halb skandinavisch klingt und zum Totlachen ist. Nach dem Tod des Oberkriegers avanciert die Heldin zur Pflegemutter dreier vielversprechender kleiner Drachen. Ihren Bruder, der ihr den Thron streitig machen wollte, hatte ihr Gatte vor seinem Ableben noch mit flüssigem Gold übergossen.

Längst sind die ersten Computerspiele aus dem Stoff entwickelt worden. Man kann also mit dem Schicksal spielen. Aber Schicksal bleibt es.

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