Ferien: "Bringt sieben Sachen aus eurer Heimat mit"
Sollen Kinder auch in den Ferien lernen? Ja, aber anders, fordert die Pädagogin Donata Elschenbroich.
DIE ZEIT: Sie haben einen Film über Bildung in den Ferien gedreht. Wie kamen Sie dazu?
Donata Elschenbroich: Die Idee hatte ich beim Besuch einer Frankfurter Grundschule. Am Schulkiosk sah ich einen Aushang, auf dem die Tage bis zum Ferienanfang abgehakt wurden. Noch 28 Tage stand da. Als sei die Schule eine Zwangsanstalt, in der man seine Lebenszeit absitzt. Und in den Ferien wird man endlich vom Lernen befreit.
ZEIT: Aber brauchen Kinder nicht auch mal eine Pause vom Lernen?
Elschenbroich: Lernen, die Welt entdecken, will der Mensch immer. So funktioniert unser Gehirn. In der langen Ferienzeit aber öffnet sich die Bildungsschere weiter, weil die Initiative jetzt bei den Familien liegt. Es gibt die Familien, die ihre Kinder in Sprachferien schicken und in Ferienakademien. Und es gibt die Familien, die gemeinsam viel unternehmen, Ausflüge, Reisen, auch für diese Kinder hört die Bildung in den Ferien nicht auf. Aber da sind die Familien, die diese Wochen irgendwie nur überbrücken, 13 Wochen schulfrei, frei wofür? Für die Spielkonsolen? Oft sind die Kinder nach den Ferien insgeheim enttäuscht, weil sie weniger erlebt haben als ihre Mitschüler.
ZEIT: Sollte die Ferienzeit also kürzer sein?
Elschenbroich: Nein. In den schulfreien Zeiten kann man die Welt eigenständig entdecken, mit weniger zeitlichen Vorgaben und ohne Druck der Mitschüler.
ZEIT: In Ihrem Film sprechen Sie von »anderer« Bildung. Was meinen Sie damit?
Elschenbroich: »Andere« Bildung meint die Dinge, denen Kinder in den schulfreien Zeiten nachgehen könnten, möglichst in Kommunikation mit ihren Eltern oder anderen Familienmitgliedern. Nicht Schulstoff nachlernen oder vorauslernen, sondern mit selbst gestellten Aufgaben. Den Kopfsprung vom Dreimeterbrett üben, ein Lied auf der Gitarre, zwanzig Wörter in der Muttersprache vom Großvater.
ZEIT: Aber ist eine abwechslungsreiche Feriengestaltung nicht auch immer eine Geldfrage?
Elschenbroich: Eben nicht. Den Familien wird diese Sicht geradezu aufgedrängt. Für 100 Euro ins Legoland... Aber gerade dort wird nicht viel gelernt, da ist ja eigentlich alles schon vorgegeben. Ähnlich wie bei der Kinderanimation im Urlaubsressort.
ZEIT: In Ihrem Film begleiten Sie eine Familie auf ihrer Reise in die Türkei.
Die Pädagogin und Sachbuchautorin beschäftigt sich vor allem mit der Erziehung von Kindern.
Elschenbroich: Viele Kinder mit Migrationshintergrund fahren in den Schulferien ins Heimatland der Eltern oder Großeltern. Dort entdecken sie unglaublich viel: andere Alltagsgegenstände, andere Umgangsformen, die andere Sprache. Aber wenn die Unterschiede zwischen Hier und Dort nicht zur Sprache gebracht werden, weder zu Hause noch in der Schule, bleiben die vielen Erkenntnisse bildungsfern. Das geht aber auch anders: Die Eltern in unserem Film zum Beispiel zeigen ihren Kindern, wie sie im Dorf in Anatolien aufgewachsen sind: ihre alte Schule, eine Moschee, die Tiere und wie man Brot backt.
ZEIT: Müssen Kinder ihre Erfahrungen denn unbedingt immer reflektieren?
Elschenbroich: Ja. Kinder sollten nicht einfach nur Erlebnisse konsumieren, sie wollen ja selbst aktiv werden. Die Schule muss diese andere Bildung auch anerkennen, und sie sollte sie weiter anregen. Bringt sieben Alltagsgegenstände aus dem Heimatland mit! Schreibt oder zeichnet etwas in ein Ferientagebuch!
ZEIT: Aber dafür brauchen sie engagierte Eltern.
Elschenbroich: Alle Eltern haben heutzutage hohe Erwartungen an den Bildungserfolg ihrer Kinder. Aber viele wissen nicht, wie sie als Familie dazu beitragen können. Sie brauchen Anregungen.
ZEIT: Sollen Lehrer nun auch die Freizeit der Schulkinder planen?
Elschenbroich: Alle guten Schulen denken die Freizeit der Kinder mit. Das passiert zum Beispiel in den Bildungshäusern in Baden-Württemberg. Dort haben sich auf Initiative der Pädagogen Eltern und Kinder gemeinsam kleine Ferienprojekte vorgenommen: ein Vogelhaus bauen, auf der Reise zwanzig neue Wörter lernen, ein neues Gericht kochen. Nach den Ferien gibt es Wandzeitungen und Ausstellungen zum Thema Ferien. Man lernt nicht nur in der Schule, sondern überall.
Zum Film: Donata Elschenbroich/Otto Schweitzer: »Die andere Bildung in den Ferien«. Als DVD für 25 Euro zu beziehen über: www.verlagdasnetz.de






Ich erinner mich auch noch an meine Schulzeit: "Mein schönstes Ferienerlebnis"
die anderen: Strand auf Mallorca, Campen in Mecklenburg, Wandern in den Alpen, Freizeit der Kirchengemeinde
ich: öhm. ok, muss ich mir halt mal wieder was ausdenken.
Sie antworten:
"Als sei die Schule eine Zwangsanstalt, in der man seine Lebenszeit absitzt."
Moment, "Als sei"?
Sie lernen ja gerne. So wie ich.
Warum aber kam mir das gesamte Ausbildungssystem, das ich durchlaufen habe (Schule, Uni, Referendariat) genau so vor, nämlich wie eine ganz große Zwangsanstalt? Und nicht wie ein tolles Angebot, gemacht von weisen Menschen für ebensolche?
Warum findet mein Sohn Schule doof, obwohl er die besten Noten abräumt und Mathe und Theater liebt?
Ich kenne die Gründe, Frau Elschenbroich. Wenn Sie sie nicht kennen, reflektieren Sie bitte.
Im übrigen ist Ihr Anliegen ein ehrenwertes. Aber Sie erliegen der Illusion, daß alle Menschen wissbegierig seien. Tatsächlich trifft das aber nur auf ganz wenige von uns zu. Und das sind leider oft nicht dieselben, die Schule toll finden.
... können Spaß machen und verdrängen keine normale Unterrichtszeit ;-)
2. eine Postkarte 3. einen Witz 4. ein Rezept für einen Nachtisch 5. einen Stein als Briefbeschwerer 6. eine schöne Erinnerung, die man nicht vergessen möchte 7. Einen Freund oder Freundin zum Schreiben .. hm, gar nicht mal so schwer. Aus meiner Schule kenne ich das nicht. Naja, bin auch schon lange draussen ..
Danke Poser3000! Volltreffer.
Endlich wieder einmal ein Kommentar auf erfrischendem, anregendem Niveau.
Mit ihrer anschliessenden Befürchtung "Und in den Ferien wird man endlich vom Lernen befreit" offenbart sich Frau Elschenbroich schliesslich selbst.
Nein, "man" wird nicht vom Lernen befreit, sondern von Lehrerinnen und Lehrern, die genau wissen, wie Menschen sein müssen!
Ihr brillant formulierter Vorschlag "Wenn Sie sie (die Gründe) nicht kennen, reflektieren Sie bitte" wird wohl kaum etwas in Bewegung setzen.
Ich werde Sie, poser3000, persönlich anschreiben. So macht Denken Spass.
...so wie sie momentan läuft, IST eine "Zwangsanstalt". Inhalte und Strukturen sind vorgegeben, die Lehrer sind vorgegeben, die Methoden sind - letztlich - vorgegeben und beschränken sich auf sehr wenige, in denen Schüler selbst aktiv werden dürfen/müssen. Der Freiraum ist minimal, die Schüoler können mehr oder weniger schnell und erfolgreich die Wege abtrotten, aber die Wege selbst sind weitgehend starr.
Ich finde die genannten Vorschläge super, an Schulen mit jährlichem Lehrerwechsel (scheint hier die Norm zu sein) erfordert das selbstgeplante Lernen über die Ferien allerdings mehr Kooperation zwischen den Lehrkräften. Ich muss ja wissen, was das letzte Lehrerteam mit den Schülern vereinbart hat, um im nächsten September darauf einzugehen. Allerdings wäre das ein guter Weg, die neue Klasse stressfrei(er) kennenzulernen.
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