William L. ShirerHitler will Frieden

Der US-Journalist William L. Shirer hat sein berühmtes "Berliner Tagebuch" vor Erscheinen 1941 kräftig "redigiert". von Michael Strobl

William Lawrence Shirer Berliner Tagebücher

Der US-Journalist William Lawrence Shirer 1943 beim Besuch auf einer miliärischen Flugbasis in England.  |  © Keystone/Getty Images

Er gehört zu den großen Journalisten des 20. Jahrhunderts, und er hat mit seinen Büchern wortwörtlich Geschichte geschrieben: der Amerikaner William L. Shirer. In den USA genießt er vor allem aufgrund seines 1960 erschienenen und sofort auch ins Deutsche übersetzten, millionenfach verkauften Geschichtswerks Aufstieg und Fall des Dritten Reichs nach wie vor einen legendären Ruf.

Berühmt machte ihn jedoch bereits 1941 sein Berliner Tagebuch 1934-1941. Es wurde in den USA sofort zum Bestseller und prägte das Bild NS-Deutschlands in der amerikanischen Öffentlichkeit, ja wirkt als historische Quelle bis heute fort. Bizarrerweise erschien es erst 1991, zwei Jahre vor dem Tod des Autors, in deutscher Übersetzung, wurde aber auch im deutschsprachigen Raum sofort ein viel beachteter Erfolg.

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Umso mehr muss es überraschen, dass Shirer das berühmte Journal für die Publikation offenbar so sehr bearbeitet hat, dass die Authentizität des Berlin Diary in vielen Passagen als zweifelhaft erscheint. Dies verblüfft nicht zuletzt deshalb, da der Autor sich nicht nur als Journalist, sondern immer auch als Historiker verstand.

1904 in Chicago geboren und in Iowa aufgewachsen, wurde Shirer gleich nach dem College Reporter. 1925 reiste er mit einem Viehtransport über den Atlantik und arbeitete in Paris für die Chicago Tribune. Zeitweilig berichtete er aus dem Mittleren Osten, wo er sich mit Mahatma Gandhi anfreundete. Seit 1934 lebte er mit seiner österreichischen Frau in Berlin. CBS-Europa-Chef Edward Murrow engagierte ihn 1937 für den Sender.

Seit März 1938 war William Shirer von ganz Europa aus auf Sendung. Vor und während der frühen Kriegsjahre gelangen ihm etliche Scoops: So sendete er den ersten unzensierten Augenzeugenbericht über den Anschluss Österreichs und meldete im Juni 1940 nach dem Frankreichfeldzug die Bedingungen des Waffenstillstands von Compiègne noch vor Bekanntgabe durch die Deutschen in die USA. Außerdem war er an der ersten Sendung des CBS World News Roundup beteiligt: Am 13.März 1938 sprachen erstmals fünf europäische CBS-Korrespondenten, darunter Shirer aus London, in einer Liveübertragung mit New York. Damit etablierten die Murrow’s Boys diese bis heute von CBS ausgestrahlte Sendung, inzwischen die älteste der USA.

Unter dem zunehmenden Druck der deutschen Zensur kehrte Shirer im Dezember 1940 in die USA zurück; ein halbes Jahr später erschien sein Berlin Diary. Es blieb nicht das letzte Buch über seinen Aufenthalt in Deutschland: Noch vor seinem großen Geschichtswerk von 1960 veröffentlichte er den Roman The Traitor (Der Verräter). Protagonist ist ein amerikanischer Korrespondent im Berlin der NS-Zeit. Von 1976 an folgten seine Memoiren in drei Bänden. Der zweite Band (Das Jahrzehnt des Unheils 1930–1940) beschäftigt sich ausführlich mit den Jahren in Deutschland. Nach seinem Tod 1993 in Boston – noch 1994 erschien posthum eine Doppelbiografie des Ehepaars Tolstoi – kam Shirers Nachlass in sein ehemaliges College in Cedar Rapids, Iowa. Dort lagern 48 Regalmeter Dokumente: Shirers Korrespondenz, Manuskripte, Fotografien – und die Originaltagebücher aus Berlin.

Bisher galt ihre publizierte Fassung, das Berliner Tagebuch, als völlig authentisch: eines der großen Dokumente aus dem »Dritten Reich«. Schon auf dem Umschlagtext der Erstausgabe von 1941 wurde das Buch als »unzensierter Bericht« gepriesen, der wiedergebe, was der Autor sah: »Es ist eine einfache Aufzeichnung der Ereignisse, wie sie sich Tag für Tag vor seinen Augen abspielten.«

Vergleicht man indes das Typoskript mit dem Text des Buches, merkt man rasch, wie intensiv der Autor »redigiert« hat. So handelt ein besonders aufschlussreicher Eintrag am 22. Mai 1935 von einer Rede Hitlers, die Shirer den Abend zuvor in der Berliner Krolloper gehört hatte. Obwohl der Autor ausdrücklich zu erkennen gibt, dass er keine Sympathien für die Nationalsozialisten und ihre Ziele hege, beschreibt er Hitlers rhetorische Leistung geradezu begeistert: »Es war mit Abstand die beste Rede, die ich von ihm jemals gehört habe. Ich bin allmählich von ihm beeindruckt.«

Vor allem schenkt der Amerikaner den Friedensbeteuerungen und -versprechen des »Führers« unumwunden Glauben. »Er hat einen Beitrag geleistet, der Europa vor dem drohenden Krieg retten könnte«, notiert Shirer. »Allmählich bin ich davon überzeugt, dass die anderen nicht zu einer Verständigung mit Deutschland geneigt sind – außer zum Preis seiner Unterwerfung.«

Sucht man die Passage im Buch, findet man eine sehr andere Fassung. Sie enthält eine Aufzählung einzelner Punkte der Hitler-Rede, von denen Shirers Landsleute einige bereits als dreiste Lügen identifizieren können. Denn das Berlin Diary erschien zwar vor der Kriegserklärung Deutschlands an die USA, aber im Sommer 1941 musste jedem US-Bürger klar sein, dass Hitler kein Friedensstifter war.

Leserkommentare
    • DIELOGE
    • 15. August 2012 19:01 Uhr

    »Allmählich bin ich davon überzeugt, dass die anderen nicht zu einer Verständigung mit Deutschland geneigt sind – außer zum Preis seiner Unterwerfung.«

    viele geschichtsbücher wurden später ähnlich "redigiert". der wahrheitsfindung diente es aber nicht.

  1. sehr gelungener artikel. wirklich schade, dass das originaltagebuch nicht veröffentlicht wurde, könnte es doch der allgemeinheit helfen zu verstehen wie effektiv die verführung durch hitler war. man würde viele seiner mittel in angepaßter form in heutiger politik wieder finden.

    wirklich schade...

    • Effbeh
    • 15. August 2012 21:04 Uhr

    und ich dachte, jeder der denken konnte, musste schon 33 wissen wie alles weitergeht.
    Nun bin ich baff.

  2. ... mag eine "militärische Flugbasis" sein? Etwas gar ein "Luftwaffenstützpunkt" oder – horribile dictu! – ein "Fliegerhorst"?

    • k00chy
    • 16. August 2012 1:18 Uhr

    Das dieser Author erst jetzt zugibt, dass er wohl damals mindestens naiv war, sollte zu denken geben.

    Ob er sich wirklich aus Einsicht oder doch eher aus Anpassungsdruck an den mainstream jetzt biegt, sei einmal dahingestellt. Wichtig ist doch, dass wir erkennen, dass auch heute noch viele Naivitätsfallen auf uns warten. Wahrscheinlich sogar mehr als damals. Ich sage nur Irak, Afghanistan, Lybien, Syrien, Iran und viele mehr. (ich konzentriere mich auf den nahen Osten da dieser nunmal im Fokus steht, bin mir aber über die Existenz anderer Brennpunkte bewusst.)

  3. Danke, Herr Strobl,

    für den guten Artikel! Neben dem hist. Wert interessiert mich: Wie authentisch zeige ich mich, auch als "Profi", wenn es um immer vorhandene pers. Schwächen, Fehler geht? Dabei finde ich, Sie fassen Shirer im l. Abs. zu sanft an, indem Sie seine normgerechte "Berichtigung der Realität" (die u.a. aus seinem Empfinden bestand) mit einem Notwendigkeits-"Pol" vertreten, ohne richtige Begründung. Leider sind Sie damit im kult. Deutungsmuster des (Pseudo-)Perfektionismus', wonach Fehler/Schwächen, gerade als Profi(-Journalist, -Politiker) besser vertuscht werden, um Nachteile, Peinlichkeit zu vermeiden, oder weil sie "nicht sein dürfen".
    Dabei übersehen Sie wie Shirer, dass man über Hitler und seine indiv. Mittel Tieferes - und evtl. "Gegengifte" - verstehen lernt, wenn man offen mit dessen Wirkung auf einen selbst umgeht: Selbst Shirer, gestandener Gegner, war damals teils beeindruckt, dachte/fühlte ambivalent (vgl. auch Leser Abbé F.). Nichts lernt man, wenn man das einfach als dumpfe Demagogie oder lächerliches Rollenspiel in einer Schublade verstaut.

    Manchmal gelingt H.s gewalttätiger Ausdruckskraft und Gefühlsladung in best. Redepassagen, einen gewissen emotionalen Eindruck auch auf mich zu machen - was nichts daran ändert, wie ich zu Hitler und seinen Verbrechen stehe. Doch nur, indem ich das nicht moralistisch verleugne, kann ich doch reflektieren, was genau in mir! in dem Moment "gekitzelt" wurde, und viell. damals Millionen nicht nur gekitzelt hat.

  4. Vielen Dank für den sehr informativen Artikel. Mir fällt dazu ein, dass sehr viele in Dtl. lebende deutsche Intellektuelle ebenfalls dieses Regime lange Zeit falsch eingeschätzt haben, nur ein Beispiel: Thomas Mann.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... aber schon 1933 gewußt, geahnt, dass dieser Regime, wie z.B. Feuchtwanger, die Welt in Blut und Asche stürzen wird.

  5. ist der amerikanische Dokumentarfilmer Julien Bryan über den Arte eine sehr interessante Dokumentation brachte. Er sagte beispielsweise schon 1937 voraus, dass von den in Dtl. lebenden 500000 Juden in wenigen Jahren kaum einer noch überlebt haben wird.

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