Wer oder was ist ein Chiringuito ? Ein Chiringuito ist ein Chiringuito , basta! Man kann das nicht erklären. Und was bedeutet das Wort? Weiß keiner so genau. Am ehesten Strandbar. Aber Strandbar passt nicht auf alle. Ein Restaurant? Ja, nein, doch – man kann dort essen, allerdings oft nur einfach und manchmal einfach schlecht. Woraus besteht ein Chiringuito ? Meist ist er aus Holz gezimmert und eine Art Hütte. Oder eben auch nicht.

Gut, ein Chiringuito ist eine Idee und steht am Strand. Steht er nicht am Strand, ist er kein Chiringuito . Zwischen Strand und Chiringuito jedenfalls darf keine Straße verlaufen, das wäre ein Verstoß gegen die Idee. Worin die Idee bestehen könnte, ist für Nicht-Spanier schwer zu verstehen. Anderswo legt man ja Wert auf unverbaute Strände. Doch eine Playa ist keine Playa ohne Chiringuitos . So provisorisch sie oft aussehen, so unverrückbar stehen sie als spanische Institution. Vor ein paar Jahren drohte eine Neufassung des Gesetzes zum Schutze der Küsten die Chiringuitos vom Strand weg in die zweite Reihe verbannen zu wollen. Daraufhin ging ein Aufschrei durch das Land; und alles blieb beim Alten.

Wer etwas über Chiringuitos lernen will, ist in Andalusien am richtigen Ort. Hier, wo Mittelmeer und Atlantik sich treffen, begann ihr Siegeszug vor zwei Jahrhunderten. Und hier sollte es möglich sein, einen möglichst urspünglichen Vertreter der weitverzweigten Gattung zu finden.

Die Spur führt ausgerechnet nach Torremolinos , ein paar Kilometer westlich von Málaga. Die Stadt des Massentourismus ist das, wovor Individualreisende Angst haben. Massenhaft Menschen in monströs hohen Massenverfrachtungsbetonkäfigen mit Sonnenschirmmassen an Massenstränden. Alle hundert Meter beginnt ein neuer Strandabschnitt mit neuem Namen, und an der Playa Bajondillo, so hört man, soll der Chiringuito Cabaña de Paco einer der ältesten im ganzen Land sein.

Paco kam 1948 nach Torremolinos, als hier noch nichts gewesen sein kann außer Fels, Sand und Pinien. Aus denen zimmerte der schnauzbärtige Fischer eine Hütte und verkaufte Sardinen am Spieß. Vor zwei Jahren ist Paco gestorben, und in der Cabaña verkaufen sie immer noch Sardinen am Spieß, sieben Stück für sieben Euro.

Viel los ist allerdings gerade nicht. Im Inneren drehen sich drei Ventilatoren, und niemand sitzt darunter. Draußen, auf der Veranda mit ihren sienafarbenen Industriefliesen, sind ein paar Paare verstreut, turtelnde Fünfziger, holländische Schwule in Dreiviertelshorts. Aus aufgehängten Kleinlautsprechern stampft Madonnas Material Girl. Dann kommen Spanier im XXL-Format und erziehen ihr Kind sehr laut. Gegen sieben leert sich die Playa, Jogger joggen, Kampfhunde trotten auf der Promenade, und linker Hand zieht der Dunst der Hitze über die Berge von Málaga. Man kann ein paar Stunden herumbringen in der Cabaña de Paco. Aber die Tradition des Ortes ist wohl schon lange weitergezogen.

Vielleicht sollte man sie da suchen, wo am meisten Trubel herrscht. Dafür empfiehlt sich am nächsten Tag der Chiringuito Los Naufragos. Er steht in Fuengirola , einem Badeort etwas weiter westlich, und fällt schon dadurch auf, dass er bedeutend größer ist als alle Strandhütten ringsum. Das Naufragos ist 46 Sommer alt, und in puncto Betriebsamkeit geht es nicht authentischer. Klappernde Teller, klirrende Gläser, in den Raum gebrüllte Bestellungen, Kellner in Akkordarbeit, tropfender Schweiß, Flamenco-Folklore aus dem Monitor, und draußen wie drinnen spanische Großfamilien bei ihrer ausgedehnten comida um halb drei. Die Leute kommen vom Strand in Handtüchern, barfuß, mit Flipflops, sie trinken und essen, reden und lachen.

In einem Außenstand befindet sich das Barbecue, ein sandgefülltes Boot. Es ist eine Reverenz an die maritime Herkunft der Chiringuitos . Ursprünglich war es so, dass einheimische Fischerfamilien die Reste vom Tagesfang am Strand für hungrige Schwimmer und Spaziergänger grillten. Für die Bequemlichkeit kamen Stühle dazu, gegen den Durst half ein Bierausschank. Als in den siebziger Jahren die Touristen kamen, wurden aus den Fischern Gastronomen. Sie boten neben ihren Doraden und Sardinen nun auch Paella und Gazpacho an.

Der Grillmeister des Los Naufragos arbeitet hart. Fisch um Fisch gart über dem Kohlefeuer aus örtlichen Olivenbaumholz. Die Strandgäste strömen, auf den Tischen liegen Scheine und Münzen. Kein Platz bleibt länger als zwei Minuten unbesetzt. Von der Krise, die Spanien heimsucht, ist in Fuengirola nichts zu spüren. Darüber kann man sich nur wundern, wenn man den Besuch im Chiringuito als Ausgehen am Wasser versteht. Für Spanier ist er eher eine Erweiterung des Strandlebens, das jeder sich leisten kann. Darum sind selbst in den Urlaubsgebieten viele Chiringuitos kaum teurer als das Essen daheim.