Felicitas Hoppe"Ich betrete den Saal, die Leute klatschen. Und ich bin die Dirigentin"

Der Beruf des Schriftstellers ist einsam. So arbeiten wollte Felicitas Hoppe nie. Viel lieber würde sie ein Orchester leiten. Im Traum springt sie für Simon Rattle ein.

Schriftstellerin zu werden war nie mein Traum. Ich war das einfach immer. Ich schreibe, seit ich sieben bin. Felicitas hat immer geschrieben. Wenn die Leute sagten: »Du willst doch bestimmt mal...«, sagte ich: »Nein, Schriftstellerin auf keinen Fall, das ist ein asozialer Beruf.« Man kann beim Schreiben zwar seinen Träumen Gestalt geben, der Dirigent seiner Wünsche sein. Aber faktisch ist man immer allein.

Ein leibhaftiges Orchester zu dirigieren wäre dagegen wunderbar, eine Erlösung! Jemand ruft mich an: »Sir Simon Rattle kann heute nicht! Und es ist sonst keiner da! Sie müssen!« Es ist toll, wenn man gerufen wird und es sofort tun muss, mit allen Folgen des echten Auftritts! Der Traum vom Gastdirigenten ist das Größte. Mir gefällt es, kurzfristig kühn zu sein. Aber ich glaube, ich könnte das, wie vieles im Leben, nur schaffen, indem ich mich selbst überrumpele. Das tue ich übrigens andauernd in meiner Arbeit, Sachen zusagen, ohne lange zu überlegen. Weil ich weiß, nur so traue ich mich. Wer zögert, verliert.

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Ich bin eine große Zweiflerin. Deshalb schreibe ich auch so schnell. Ich muss schneller sein als die Zweifel, die wie Hunde hinter mir her sind. Es gibt ja immer einen Einwand. In meinem Traum gibt es keine Einwände mehr: Ich betrete den Saal, die Leute klatschen, bevor ich überhaupt einen Finger rühre. Gegeben wird Die Zauberflöte. Und ich bin die Dirigentin. Eigentlich ein realistischer Traum, weil ich nicht gut genug bin, die erste Geige zu spielen. So gut kann ich nämlich kein Instrument. Auf dem Gymnasium ging ich zwar in eine Musikförderklasse. Da musste ich auch die Arie der Königin der Nacht singen. Aber ich habe das eigentlich nur dadurch geschafft, dass ich mich freiwillig gemeldet habe. Ich dachte: Bring es am besten gleich hinter dich. Es klang natürlich schauerlich. Aber belohnt wurde, dass man sich getraut hat.

Felicitas Hoppe

51, geboren in Hameln, zählt zu den erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautoren. Im Oktober wird ihr der mit 50.000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis verliehen, die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Zuletzt erschien ihre fiktive Autobiografie Hoppe.

Von der Zauberflöte ist es nicht weit zum Rattenfänger von Hameln, dem Basso continuo meiner Arbeit. Für mich ist die Sage der Kern all meiner Geschichten, alles ist darin enthalten: meine Kindheit, das Kaspertheater meines Vaters, die Musik, die Erzählung, das Reisen. Und noch viel mehr. Diese Geschichte wird ja immer dramatisch interpretiert, als großer Verlust. Aber ich kehre sie um: Die Kinder schaffen es, aus der Enge wegzukommen. Auch sie erfüllen sich einen Traum, in dem die große Magie des Aufbruchs steckt. Den Traum, wegzugehen, nicht mehr da zu sein, wo man angeblich zu sein hat. Dazu braucht man Mut, Einbildungskraft. Weg sein muss man ja auch können.

Ich habe einen Traum
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Der schönste Traum von allen ist aber, dass man nach dem Wegsein am Ende doch wieder auftaucht und plötzlich unerwartet genau am richtigen Platz ist. Mein Traum von Hoppe als Gastgeberin, die nicht mehr reisen muss, sondern endlich ankommen darf. In einem eigenen Haus am Wasser, mit einer großen Küche, in deren Mitte jener große und runde Tisch steht, an dem Platz für alle ist. Rund ist wichtig. Keine Hierarchien – also auch keine Dirigenten mehr. Ein ziemlich schlichter Traum vom Paradies.

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