Wilhelm LamszusGrauen fällt uns an

Gespenstische Prophezeiung: Wilhelm Lamszus' Bestseller "Das Menschenschlachthaus" nahm bereits 1912 die Schrecken des Ersten Weltkriegs vorweg. von Andreas Pehnke

Deutsche Rettungskräfte mit Pferdewagen nach einem Bomebnangriff im Ersten Weltkrieg

Deutsche Rettungskräfte mit Pferdewagen nach einem Bomebnangriff im Ersten Weltkrieg  |  © Hulton Archive/Getty Images

Im Jahre 1908 erhielt der Philosoph Rudolf Eucken den Nobelpreis für Literatur, 1910 der Romancier Paul Heyse, 1912 der Dramatiker Gerhart Hauptmann. Doch keiner von ihnen, noch einer der anderen bekannten deutschen Dichter und Gelehrten jener Tage schrieb gegen die Gefahr des drohenden Weltkrieges an. Zwar gab es um die Jahrhundertwende einiges an allgemein pazifistischen Schriften, wie Bertha von Suttners bekannten Roman Die Waffen nieder! von 1889 oder die Schrift Die Vergangenheit des Krieges und die Zukunft des Friedens, die der französische Mediziner Charles Richet 1907 veröffentlichte. Doch für die Exponenten der hohen Literatur schien der moderne Krieg kein Thema zu sein. Und so war es am Ende ein Volksschullehrer, Wilhelm Lamszus aus Hamburg, der die große Warnung aussprach. Sein Roman, seine Prophezeiung Das Menschenschlachthaus – Bilder vom kommenden Krieg, die im Sommer 1912 erschien, löste einen Skandal aus.

Dabei hatte Lamszus das schmale Werk, das noch heute durch seine Sprachkraft und visionäre Beschreibung des Weltkriegsgrauens verblüfft, eigentlich »nur« als Jugendbuch geschrieben. 1881 im damals noch eigenständigen Altona als Kind eines Schusters geboren und aufgewachsen, war er früh schon ein leidenschaftlicher Pädagoge. 1902 trat er in den Hamburger Schuldienst ein und schlug sich auf die Seite der Reformer, die gegen ein Bildungssystem aufbegehrten, das sie als völlig verrostet und inhuman empfanden. Er verfasste erste pädagogische Streitschriften, deren polemische Kraft und Emphase sie über ähnliche Literatur der Zeit weit hinaushoben.

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Die Idee zum Menschenschlachthaus kam Lamszus just bei einer Reserveübung. »Welch Wunder der Technik hatten die Menschen erfunden und konstruiert!«, schrieb er später über die Genese seines berühmten Buches. »Das Kriegsmaschinenwesen hatte sich zu genialer, zu künstlerischer Höhe entwickelt. Man ließ ein Maschinengewehr schnurren, und schon spritzte es Kugeln, dichter, als der Regen fällt! Als hätte der Tod die Sense aufs alte Eisen geworfen und wäre Maschinist geworden!«

Das Menschenschlachthaus erzählt das Schicksal eines jungen Familienvaters, der begeistert ins Feld zieht – natürlich gegen den Erbfeind Frankreich. Mit Marschmusik werden er und seine Kameraden verabschiedet. Vor dem Transport an die Front erleben sie noch in der Kirche die Waffenweihe im Namen Gottes des Barmherzigen: »Er segnet unsere Gewehre, daß sich ihre teuren Kugeln bezahlen mögen, daß keine verloren in die Lüfte weht, daß jede kostbare Kartusche hundert Menschen fassen möge und hundert Menschen auf einmal in Stücke reiße.«

Andreas Pehnke

Der Autor ist Professor für Pädagogik an der Universität Greifswald. 2003 gab er Das Menschenschlachthaus und vier weitere Antikriegsbücher von Lamszus unter dem Titel Wilhelm Lamszus – Antikrieg in einem Band neu heraus (Verlag Peter Lang; 349 S., 67,95 €).

An der Front sieht sich der – von Lamszus namenlos belassene – Protagonist nach langen Märschen durch »Blut und Eisen« erstmals mit dem Tod konfrontiert: »Eine kalte Faust griff uns ans erschrockene Herz.«

Doch so düster-poetisch bleibt es nicht. Der moderne Krieg kennt keine Lyrik mehr. Er kennt nur Vernichtung. »Wir lugen furchtsam über die Erdwälle hinaus. Hat sich die rote Hölle aufgetan? Das schreit und gellt, das brüllt so unnatürlich wild und schrankenlos, daß wir uns enger aneinander schmiegen ... und zitternd sehen wir, wie unsere Gesichter, unsere Uniformen rote nasse Flecken haben, und erkennen deutlich Fleischfasern auf dem Zeug.« Der Soldat entdeckt »etwas Weißes« auf dem dunklen Sand: »eine fremde abgerissene Hand ... und da ... und da ... Stücke Fleisch, daran die Uniform noch haftet – da wissen wir es, und Grauen fällt uns an: Da draußen liegen Arme, Beine, Köpfe, Rümpfe ... die heulen in die Nacht hinaus, das ganze Regiment liegt dort zerfetzt am Boden, ein Menschenklumpen, der zum Himmel schreit...« Am Ende kommt auch der Protagonist um und wird im Massengrab verscharrt.

Es ist eine Sprache, die in ihrer Eindringlichkeit schon auf die großen Erlebnisbücher des Ersten Weltkriegs vorausweist, auf Henri Barbusse’ Feuer, auf Arnold Zweigs Streit um den Sergeanten Grischa oder Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, auf Gabriel Chevalliers Heldenangst. Über allem aber steht in Lamszus’ Roman noch die Hoffnung, die große Katastrophe lasse sich abwenden, der Krieg verhindern.

Leserkommentare
  1. niemand mehr denken; Bilder und Gefechtsberichte vom Sezessionskrieg bis zum russisch-japanischen Krieg nehmen die
    Mechanisierung der Grausamkeiten eigentlich hinreichend vorweg und wurden dahingehend auch eifrig diskutiert.

    Sehr schade das das Buch nicht von den damals führenden deutschen Militärs verstanden worden ist, oder verstanden werden wollte.

    Aber wahrscheinlich ist genau diese militärische Ignoranz Teil des Problems; was z.B. der Unterleutnant Hindenburg bei dem Siepwald-Gemetzel noch selbst erlebte, schien er zum WK1, trotz Einführung von MG´s und deutlich verbesserter Artillerie nicht mehr wissen zu wollen und förderte das Gemetzel noch!

    MfG KM

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    um "Das Menschenschlachthaus" zu charakterisieren.
    Was das Werk so sehr heraushebt, in der damaligen Zeit, ist, dass der Autor, im Gegensatz zu den meisten, die richtigen Lehren aus der Modernisierung und Mechanisierung der Kriegsführung gezogen hatte, die sich in der zweiten Hälfte des 19.Jh. vollzog.
    Ereignisse und Ergebnisse eifrig zu diskutieren ist eben vergebens, wenn man nicht die richtigen Lehren daraus zieht.
    Auch die Schrecken der Konzentrationslager wurden lange vor dem Dritten Reich vorweggenommen, nämlich im zweiten Burenkrieg, als die Briten über einhunderttausend Buren, zumeist Frauen und Kinder in den ersten concentration camps internierten. Ein fünftel der Internierten starb aufgrund katastrophaler Verhältnisse. Gleiches gilt für die italienischen Konzentrationslager in Nordafrika in den 20ern.

    Das unbegreifliche ist, dass heute wieder militärischen Interventionen gelobhudelt wird, als könnten damit alle Prbleme der Welt gelöst werden. Dabei zeigen die Zahlen, dass wieder nicht die richtigen Lehren gezogen werden.
    Im WK II waren ca. 50 Prozent aller Opfer Zivilisten. Im Irakkrieg 2003 waren ca. 80 Prozent aller Opfer Zivilisten.
    Die technische Überlegenheit und zunehmende Anonymisierung der Tötung sorgen für einen Komfort, der vor allem im Westen zunehmend Vorrang vor zermürbender Dipolmatie erhält, verbunden mit dem Irrglauben, dass die angebliche Präzision der Waffen eine militärische Intervention moralisch unbedenklich macht.

    MfG
    AoM

    • mgalvez
    • 12. August 2012 14:28 Uhr

    So wenig prophetisch wäre es auch heute, vor dem Ende unserer Demokratie zu Gunsten kriegsgeneigter Eliten zu warnen. Nur, und das mag vielleicht die Resterrungenschaft unserer einstigen bürgerlichen Freiheit sein, würde der Autor heutzutage nur ignoriert, und bei Hartnäckigkeit nur ein wenig diffamiert werden. (verschwörungstheoretiker)

    • DerGerd
    • 12. August 2012 10:24 Uhr

    Es ist schön zu lesen, dass es bereits vor mehr als 100 Jahren Menschen mit Sinn für den Frieden und viel Mut gegeben hat, darüber zu Schreiben. Im Angesicht permanenter Kriege wie z.B. in Afrika oder einem aufziehenden Krieges gegen den Iran wünsche ich mir, dass es mehr solche menschen gibt.

    Der Gerd

    • akomado
    • 12. August 2012 10:45 Uhr

    welche bei Kriegsausbruch 1914 nicht "umkippten" und dem Nationalismus-Rausch verfielen. Er war damit in illustrer, aber nicht zahlreicher Gesellschaft: Albert Einstein, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Hugo Haase (und einige Anarchisten sowie wenige "Bürgerliche") blieben konsequente Kriegsgegner.
    Andere, bis dato ebenso konsequente Pazifisten (stellvertretend für viele sei der Chemie-Nobelpreisträger Wilchelm Ostwald genannt - und natürlich die überwältigende Mehrheit der sozialdemokratischen Führung), glaubten tatsächlich, daß Deutschland unschuldig angegriffen wurde und ließen sich wohl auch von dem später beschworenen "Geist des August 1914" mitreißen. Ein "Geist", der offenbar vielen vorgaukelte, es gäbe aufeinmal keine Klassenunterschiede mehr (der kaiserliche "Burgfrieden") und alle bildeten nur noch eine Schicksalsgemeinschaft.
    Gerade diese häufig beschriebene Stimmung der ersten Kriegswochen - wenngleich sie nicht so "flächendeckend" herrschte, wie lange Zeit angenommen - finde ich immer noch erschreckend: Daß ansonsten vernünftige Menschen ihren nüchternen Verstand "ausschalten", um sich jubelnd ins Verderben treiben zu lassen.
    Klarer, kalter Verstand gehört - neben anderen - zu den Mitteln, Kriege zu verhindern. Mit den ersten Fragen: Wem nützt ein Krieg? Wer verdient daran? Das gilt heute ebenso wie damals. - Herzlicher Dank an Andreas Pehnke, an diesen Aufrechten erinnert zu haben.

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    ...eben bis heute nichts verstanden und gelernt. Es ist einfach immer wieder erschreckend, mit welchem Eifer wir uns aufeinander stuerzen um uns gegenseitig abzuschlachten. Danke fuer diesen sehr lesenswerten Artikel!

    „Andere, bis dato ebenso konsequente Pazifisten […] glaubten tatsächlich, daß Deutschland unschuldig angegriffen wurde […]“

    Paradoxerweise ist das letzte Land, das die im Versailler Vertrag festgesetzte Alleinschuldthese Deutschlands heute noch wirklich glaubt, Deutschland selbst. In der angelsächsischen Welt sieht man die Sache seit Längerem differenzierter und thematisiert z.B. auch die britische Mitschuld und Interessenlage. Über Frankreich weiß ich nicht so viel, aber der Wille nach Revanche für 1871 ist ja kein Geheimnis. Also: Vielleicht hatte die Mehrheit der 1914 „umgekippten“ Pazifisten damals nicht unbedingt ganz Unrecht, zumindest in der Kriegsschuldfrage…

    Aber grundsätzlich haben Sie natürlich Recht: Um so mehr muß an die wenigen konsequenten und aufrechten Kriegsgegner, die sich nicht von der allgemeinen Kriegseuphorie in Europa mitreißen ließen, erinnert werden.

    Wichtig ist mir, nicht einem „Vulgärgeschichtsverständnis“ anheim zu fallen: Daß das Bild, das wir uns heute von einer bestimmten Epoche machen, nicht unbedingt detailgetreu die damalige Realität reflektiert, zeigt schon der Umstand, daß sich Viele den Holocaust nur in Schwarz-Weiß vorstellen können, nur weil Farbfotografie und Farbfilm damals noch nicht verbreitet waren. Ebenso muß man vielleicht nicht jedes erhaltene Stummfilmdokument aus der Kaiserzeit immer und auf Teufel-komm-raus mit preußischer Marschmusik untermalen. Auch damals war Gesellschaft sicherlich eine komplexe Angelegenheit.

  2. für diesen interessanten Artikel. Wieder etwas neues gelernt. Ich habe noch nie etwas von ihm gehört, obwohl er wohl so eine bedeutende Rolle getragen hatte. Schade, im Lehrplan des Deutsch-Leistungskurses sollte er nicht fehlen.
    Jedenfalls werde ich definitiv nachholen, seine Werke zu lesen.
    Und hoffen wir, wenn er solch "prophetische" Fähigkeiten besaß, dass er auch mit dem Satz "Es wird kein 3. Weltkrieg mehr stattfinden" ebenfalls Recht behält. Zumindest habe ich keine wirkliche Lust, in meinem Leben einen erleben zu müssen.

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    • TomFynn
    • 12. August 2012 12:57 Uhr

    »Das Abrüstungstheater, das man den Völkern vorgespielt, besteht darin, veralteten Methoden abzuschwören und untauglich gewordenes Kriegszeug im Geschichtsmuseum abzustellen. Im Hintergrunde der Friedenskongresse und des Völkerbundes vollzieht sich in allen Ländern die Organisation des neuen Krieges, und es wachsen Luftflotten und Berge von Gas- und Brandgranaten...«

    So war es und so ist es. Und wir machen mit. Wieder.

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  3. um "Das Menschenschlachthaus" zu charakterisieren.
    Was das Werk so sehr heraushebt, in der damaligen Zeit, ist, dass der Autor, im Gegensatz zu den meisten, die richtigen Lehren aus der Modernisierung und Mechanisierung der Kriegsführung gezogen hatte, die sich in der zweiten Hälfte des 19.Jh. vollzog.
    Ereignisse und Ergebnisse eifrig zu diskutieren ist eben vergebens, wenn man nicht die richtigen Lehren daraus zieht.
    Auch die Schrecken der Konzentrationslager wurden lange vor dem Dritten Reich vorweggenommen, nämlich im zweiten Burenkrieg, als die Briten über einhunderttausend Buren, zumeist Frauen und Kinder in den ersten concentration camps internierten. Ein fünftel der Internierten starb aufgrund katastrophaler Verhältnisse. Gleiches gilt für die italienischen Konzentrationslager in Nordafrika in den 20ern.

    Das unbegreifliche ist, dass heute wieder militärischen Interventionen gelobhudelt wird, als könnten damit alle Prbleme der Welt gelöst werden. Dabei zeigen die Zahlen, dass wieder nicht die richtigen Lehren gezogen werden.
    Im WK II waren ca. 50 Prozent aller Opfer Zivilisten. Im Irakkrieg 2003 waren ca. 80 Prozent aller Opfer Zivilisten.
    Die technische Überlegenheit und zunehmende Anonymisierung der Tötung sorgen für einen Komfort, der vor allem im Westen zunehmend Vorrang vor zermürbender Dipolmatie erhält, verbunden mit dem Irrglauben, dass die angebliche Präzision der Waffen eine militärische Intervention moralisch unbedenklich macht.

    MfG
    AoM

    • mgalvez
    • 12. August 2012 14:28 Uhr

    So wenig prophetisch wäre es auch heute, vor dem Ende unserer Demokratie zu Gunsten kriegsgeneigter Eliten zu warnen. Nur, und das mag vielleicht die Resterrungenschaft unserer einstigen bürgerlichen Freiheit sein, würde der Autor heutzutage nur ignoriert, und bei Hartnäckigkeit nur ein wenig diffamiert werden. (verschwörungstheoretiker)

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    • dojon
    • 13. August 2012 10:10 Uhr

    Und er würde wohl kaum einen ehrenvollen Forschungsauftrag (wenn auch mit Hintergedanken) im Ausland bekommen.

  4. ...eben bis heute nichts verstanden und gelernt. Es ist einfach immer wieder erschreckend, mit welchem Eifer wir uns aufeinander stuerzen um uns gegenseitig abzuschlachten. Danke fuer diesen sehr lesenswerten Artikel!

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