Beschreibungen der Gesellschaft sind Selbstbeschreibungen, denn jede Beschreibung der Gesellschaft findet in der Gesellschaft statt. Die Beschreibung vollzieht damit das Beschriebene mit – und gerät in eine merkwürdige Paradoxie. Das gilt auch für sozialwissenschaftliche Beschreibungen der Gesellschaft. Diese finden in der Gesellschaft statt, vollziehen damit Gesellschaft mit und tun letztlich auch nichts anderes als andere Beschreibungen: Sie ordnen die Mannigfaltigkeit der Erfahrungen und Phänomene und versorgen uns mit Mustern, in denen wir uns einrichten können. Die Plausibilität solcher Beschreibungen liegt nicht nur im Gegenstand der Beschreibung, sondern hängt von der Anschlussfähigkeit der Beschreibungen ab. Einfacher gesagt: Beschreibungen befriedigen dann, wenn sie unsere Erwartungen bestätigen.

Das lässt sich auch an Konjunkturen sozialwissenschaftlicher Beschreibungen und Diagnosen der modernen Gesellschaft ablesen. Wie Thomas Assheuer (ZEIT Nr. 31/12) gezeigt hat, kehren in sozialwissenschaftlichen Selbstbeschreibungen der Moderne Post- und Spätdiagnosen wieder: Die Rede von der Postmoderne, von der Postdemokratie, von der Spätmoderne oder vom Spätkapitalismus verweist darauf, dass sich die klassischen modernen Diagnosen nicht mehr bewähren – allerdings bleiben letztlich die bewährten Selbstbeschreibungen die Folie und der Hintergrund, vor denen sich alles abspielt. Wer von Postdemokratie redet, kann das nur vor dem Hintergrund der Erwartungen an die demokratische Selbstregulierung der Gesellschaft tun; wer den Spätkapitalismus wieder hervorholt, bleibt letztlich den großen Erwartungen an den Kapitalismus in seiner Gestalt als soziale oder wenigstens gebändigte Marktwirtschaft verpflichtet; und wer die Moderne in ihrer Spätphase wähnt, gibt doch nur seiner Enttäuschung Ausdruck, dass manche Verheißungen immerwährender Prosperität, linearer Steuerungskapazität und der Versöhnung mit kultureller Pluralität sich nicht erfüllt haben. Die Postmoderne bleibt letztlich »vom Gift des Gegners gebeizt«, wie der Philosoph Wolfgang Welsch einmal trefflich formulierte. Und wer heute gute Gründe und vernunftgeleiteten Willen durch die Figur des »postautonomen Subjekts« und dessen Fähigkeit zur Anpassung und zum muddling through ersetzt, der schärft seine Mangeldiagnose doch am vernünftigen Subjekt, dem die Moderne stets so etwas wie einen Heldenstatus zugeschrieben hatte. Vielleicht ist eines der beredtesten Symptome solcher Begriffsumstellungen, dass das, was einmal kritische Theorie sein wollte, heute eher im Jammern über den Verlust von »Weltresonanz« kulminiert, wie Hartmut Rosa in kritischer Absicht, aber mit dem kleinbürgerlichen Wunsch nach einer Welt formuliert, in der die Differenzen zwischen Ich und Welt nicht gar so wehtun.

Assheuer konzediert, dass diese Beschreibungen ihr Recht darin haben, die »unklare Gegenwart zu sondieren«, und setzt eine klassische Selbstbeschreibung der Moderne dagegen: It’s the economy, stupid! Der Markt sei »die letzte verbliebene Großmacht der Moderne, er gibt die Kommandos aus«. Ob diese Diagnose stimmt, sei einmal dahingestellt – jedenfalls bewährt sich diese Beschreibung derzeit ziemlich gut, auch wenn man wissen kann, dass vor allem die Finanzmärkte zum Teil nur so hypertroph sich entwickeln konnten, weil politische Akteure sich ihrer lange Zeit bedient haben, damit sie im Wettbewerb um das wählbarste Versprechen die Nase vorn hatten. Selbst die zynischsten Broker haben an die Stabilität und an die immerwährende Zahlungsfähigkeit der Staaten geglaubt. Sosehr man Assheuer dankbar sein muss, den Diskursstrategien der Post- und Spätdiagnosen ihr womöglich ungeklärtes Verhältnis zur Moderne vorgerechnet zu haben, so sehr muss man vielleicht genauer fragen, was denn die Struktur jener Moderne ausmacht, die hier gerettet werden soll. Es ist dies eine Theoriefrage an die Sozialwissenschaften, wie sie das Verhältnis von Beschreibung und Beschriebenem in den Blick nehmen.

Vielleicht müssen wir weniger von jenen Selbstbeschreibungen der Moderne ausgehen, die in der Demokratie und im vernünftigen Subjekt, in der Figur der Verteilungsgerechtigkeit und der entfesselten wissenschaftlichen und technischen Kreativität oder im Liberalismus westlicher Lebensformen kulminieren. Sosehr all diese Beschreibungen nicht nur strukturell stimmen, sondern auch normativ wünschbar sein mögen, so sehr sind sie selbst Reaktionen darauf, dass Modernisierungsprozesse zunächst einmal Prozesse der Steigerung von Komplexität und der Entstehung von Unübersichtlichkeit waren.

Wenn man Modernität auf eine Formel bringen will: Die zentralen Instanzen der Gesellschaft wie Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Religion, Kunst, Recht und Bildung entwickeln völlig unterschiedliche interne Logiken, Erfolgsbedingungen, Reflexionstheorien, Erwartungsstile und Funktionen und werden einerseits unabhängiger voneinander, andererseits bleiben sie stets geradezu krisenhaft, weil eben nicht wirklich mit Passung aufeinander bezogen. Der soziologische Fachbegriff dafür lautet: funktionale Differenzierung – und dies ist kein Programm oder gar eine politische Idee oder ein Lösungskonzept, sondern schlicht die Grunderfahrung der Moderne, dass sich die Zentralinstanzen der Gesellschaft voneinander wegbewegen.

Kategorial folgte daraus paradoxerweise zweierlei: zum einen der Verlust einer gesellschaftlichen Zentralperspektive, zum anderen der Bedarf nach einer solchen Perspektive. Sowohl Spät- und Postdiagnosen als auch das klassische Selbstverständnis der Moderne hängen an der Idee, dass das Differenzierte irgendwie integriert werden kann und die unterschiedlichen Teile zusammenpassen.