In der vergangenen Woche schrieb meine Kollegin Elisabeth Raether in der Titelgeschichte des ZEITmagazins: »Welche Frau nicht das Glück hat, mit einem Mann zusammen zu sein, bekommt selten einen Penis zu Gesicht. Penisse lassen sich in der Öffentlichkeit kaum blicken.« Sie beschäftigte sich mit der Darstellung von männlicher Nacktheit. Womit sie nicht gerechnet hat: wie schnell ihre Thesen bestätigt werden sollten.

Das ZEITmagazin hat eine Facebook-Seite, knapp 75.000 Leser verfolgen dort die täglichen Beiträge der Redaktion. An jedem Mittwochnachmittag stellen wir vorab unser aktuelles Doppelcover auf die Seite, zunächst den ersten Titel, einige Zeit danach den zweiten. So auch vergangene Woche. Auf der ersten Seite ein spärlich bekleideter Mann, dazu die Zeile »Für den Anfang nicht schlecht«. Anschließend folgte der zweite Titel, der den Penis des Mannes zeigte, dazu die Sätze »Über den Penis wird gerade debattiert. Aber gezeigt wird er immer noch nicht. Das muss sich ändern.«

Wie jede Woche diskutierten Leser das Doppelcover und das Titelthema, einige teilten die Cover mit ihren Freunden, viele gaben ihre Zustimmung mit dem Facebook-üblichen Daumen.

Und dann war der Beitrag mit dem Penis-Cover plötzlich verschwunden. Wir hatten ihn nicht gelöscht. Wer dann? Wir überprüften das sogenannte Aktivitätenprotokoll der Seite, doch auch dort: nichts, der Beitrag war weg. Es war, als hätte er nicht existiert. Hatte Facebook gelöscht? Von dort kam weder eine Bestätigung noch ein Dementi, nur der vielsagende Hinweis auf die hauseigenen »Community Standards«. Man kann diesen Vorgang also nur so verstehen: Facebook hat uns zensiert. In den »Community Standards« heißt es, Facebook habe »Grenzen für die Darstellung von Nacktheit definiert«. Und weiter: »Gleichzeitig sind wir bestrebt, das Recht der Menschen, persönlich bedeutsame Inhalte miteinander zu teilen, zu respektieren, unabhängig davon, ob es um Fotos von Skulpturen, wie z.B. Davide von Michelangelo, oder um Familienfotos einer stillenden Mutter geht.« Penisse zählen offensichtlich nicht dazu.

Während Facebook sich nicht weiter zur Löschung äußerte, protestierten viele Nutzer auf ihre Weise gegen die Löschung. Sie stellten die verschwundene Titelseite auf eigene Webseiten und verlinkten diese mit Facebook. So tauchte das Cover wieder und wieder im Netzwerk auf. Auch andere Medien wie die Berliner Zeitung, die Neue Osnabrücker Zeitung, die Presse aus Wien und die taz berichteten nun über die Löschung. Diese Beiträge wurden (auch von uns) auf Facebook verlinkt, gelesen und geteilt.

Am Donnerstagvormittag war plötzlich ein drittes Bild auf unserer Seite gelöscht, dieses Foto zeigt den nackten männlichen Oberkörper unseres Titelmodels. Wieder Nachfrage bei Facebook, wieder der Hinweis auf die »Community Standards«, kein weiterer Kommentar. Das erste Cover, das denselben Mann mit demselben nackten Oberkörper zeigt, ist bis heute nicht gelöscht worden.

Der Protest gegen die Löschung setzte sich innerhalb des Netzwerks weiter fort. Und am Freitag kommentierte der Schriftsteller Peter Glaser: »Die Facebook-Aktie wird wohl als erster ›Penis Stock‹ in die Börsengeschichte eingehen.«