Frankfurt, oder?

»Was willste denn da drüben?«, »Wie jetzt, Frankfurt?! – Frankfurt am Main ?«. Das waren noch die harmloseren Reaktionen auf meinen Entschluss, nach dem Abitur von Frankfurt am Main nach Frankfurt an der Oder zu ziehen. (…) Die Trainingsgruppe meines Schwimmvereins schenkte mir zum Abschied eine Taschenlampe: weil es im Osten doch so dunkel sei. Sie fügten den Hinweis hinzu, dass mich dort garantiert niemand von ihnen besuchen kommen würde. (…) In Frankfurt (Oder) habe ich den Abstand zwischen west- und ostdeutschen Studierenden zunächst oft als unüberbrückbar empfunden – manchmal stärker als den zwischen deutschen und polnischen Kommilitonen. Die Ostdeutschen, die Frankfurt (Oder) als Studienplatz gewählt hatten, stammten meist aus der Umgebung und pendelten nach den Seminaren in die Region zurück. Die Westdeutschen – gerade im Studiengang Kulturwissenschaften – waren meist Abiturientinnen bürgerlicher Herkunft, die sich durch den finanziellen Rückhalt ihrer Familie das extravagante Studium leisten konnten. Ich selbst gehörte ja auch dazu. Und zum ersten Mal habe ich begriffen, dass ein großer Teil meiner Generation, der meiner ostdeutschen Altersgenossen, nicht oder nur wenig erben wird. Ich verstand, dass meine ostdeutschen Kommilitoninnen und Kommilitonen keine finanzielle Absicherung ins Nest gelegt bekommen hatten.
Stephanie Maiwald

Was wir wollen

Wir fordern die Eltern auf, sich mit ihren Erinnerungen zu befassen und ihre Kinder dabei einzubeziehen. Wer von ihnen nicht bereit ist zu erzählen, muss sich nicht wundern, wenn er oder sie am Ende mit den Ängsten und schmerzlichen Erinnerungen allein bleibt. Das Wegschweigen der Vergangenheit ist eine unerträgliche Realität in so vielen Familien. Es steht außer Frage, dass die Dritte Generation ein großes Interesse an den Geschichten der eigenen Familien hat. Es geht nicht darum, diese Geschichten in ein Gut-Böse-Schema einzusortieren. Es geht um das Verstehen und Anerkennen von Lebensleistungen. Es reicht nicht aus, diese ausschließlich in der BRD zu suchen. Es ist die Dritte Generation Ostdeutschland, die diese Lebensleistungen anerkennen will, am besten anerkennen kann. Das ist in den vergangenen 20 Jahren oft zu kurz gekommen. (...)

Wir fordern aber zugleich die Westdeutschen auf, endlich anzuerkennen, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs auch die Selbstverständlichkeiten der alten BRD untergegangen sind. Die Bonner Republik ist passé! Sie ist nicht mehr der Referenzrahmen für junge Deutsche im 21. Jahrhundert – egal, ob sie aus Ost oder West kommen. Es ist sinnlos, dieser BRD als Ideal nachzutrauern. Dort kann keiner mehr ankommen; dort will auch keiner mehr hin. (…) Dass der Osten den Westen braucht, steht außer Frage. Dass der Westen auch den Osten braucht, ist eine neue Realität. Dort werden Erfahrungen gesammelt und Strategien erprobt, wie mit Strukturwandel und einer postindustriellen Gesellschaft, die sich im demografischen Wandel befindet, umgegangen werden kann. Dies ist eine Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Michael Hacker, Stephanie Maiwald, Johannes Staemmler