DIE ZEIT: Herr Staemmler, erleben wir gerade das Coming-out der Generation Mandy?

Johannes Staemmler: Sie spielen auf einen älteren Text im stern über unsere Initiative an: Eine Generation junger Ostdeutscher betreibe ihr Coming-out und versuche zwanghaft, etwas Besonderes an sich zu finden – nur um dann festzustellen, dass man eigentlich ganz normal ist.

ZEIT: Ist da nicht etwas dran? Sie sind ständig auf der Suche nach Unterschieden zwischen Ost und West; wollen immerzu Ihr Anderssein betonen.

Staemmler: Wir wollen genau das Gegenteil: dass dieses Ost-West-Ding endlich aufhört, weil man wirklich miteinander ins Gespräch gekommen ist. Damit das passieren kann, muss man den Osten stärken, den Begriff von seinen vielen negativen Assoziationen befreien. Deshalb kämpfen wir um Begriffe und Interpretationen. Wir wollen uns Fragen stellen: Was heißt das "Osten"? Gibt es ihn noch? Ist an unserer Herkunft etwas besonders? Genau das diskutieren wir.

ZEIT: Sie haben deshalb die "Dritte Generation Ostdeutschland" mitgegründet; ein Netzwerk in der DDR Geborener – inzwischen um die 2000 Menschen, die zwischen 1975 und 1985 auf die Welt kamen. Und die eine Stimme der neuen Länder werden wollen. Die meisten Ihrer Mitstreiter leben allerdings in Berlin ...

Staemmler: Ja – auch ich wohne da, obwohl ich aus Dresden stamme. Und es stimmt: Von dort aus hat man es leicht, cool und lässig seine Herkunft zu betonen; die Heimat in der Lausitz bleibt einem ja trotzdem gestohlen. Um dem Argument zu begegnen, haben wir gerade eine Bustour durch den Osten gemacht: auf der Suche nach der Vielfalt, die es in den neuen Ländern mittlerweile gibt. Wir haben diese Vielfalt gefunden. Den Osten gibt es so nicht mehr.

ZEIT: Sind Sie eine Selbsthilfegruppe?

Staemmler: Nein. Die einen interpretieren uns als Selbsthilfegruppe. Die anderen als Regionalentwicklungsagentur. Die Dritten als Institut zur angewandten Aufarbeitung. Die Vierten sehen uns als Lobbyisten Ost. Es ist von allem etwas.

ZEIT: Und wie erklären Sie etwa einem Nichtakademiker in Hoyerswerda, was Sie treiben?

Staemmler: Wir brechen unsere Ideen auf Geschichten herunter. So wird es auch für die spannend, denen das Thema erst einmal fern ist. Vor zwei Jahren – als unsere Idee noch ganz frisch war – schrieb uns ein junger Sachse, der eine Ausbildung in Baden-Württemberg absolviert. Und empörte sich, es könne nicht angehen, dass er bei jeder Fahrt im Stau stehe: wenn er freitags heimkommt, wenn er sonntags wegfährt. Die Pendelei an sich fand er nicht dramatisch. Aber dass sich alle in seine Richtung bewegten, sei unglaublich.

ZEIT: Wann war der Moment, in dem Sie dachten: Es braucht ein Forum junger Ostdeutscher?

Staemmler: Mein Schlüsselerlebnis hatte ich vor zwei Jahren, auf einer Tagung in Berlin. Ich stellte dort mein Dissertationsthema vor, es ging um die Zivilgesellschaft in den neuen Ländern. Da sagte ein renommierter westdeutscher Politikwissenschaftler: "Herr Staemmler, schreiben Sie bitte nicht ›Ostdeutschland‹ aufs Titelblatt, das ist karriereschädlich." Das hat mich sehr irritiert. Was genau wollte er mir sagen? Das war im Jahr 2010! Alle feierten gerade das 20. Einheitsjubiläum. Aber auf den Podien und in den Talkshows saßen fast nur ältere Herren, meist Westdeutsche – und ein paar Quoten-Ossis, Wolfgang Thierse zum Beispiel. Keine Jüngeren. Immer dieselben Geschichten. Das ärgert viele auch heute noch, denn die jüngste Geschichte Deutschlands hat unsere Leben massiv beeinflusst.