Matthias Reim: Verdammt, ihr liebt mich
Erst trieben die neuen Länder den Schlagersänger Matthias Reim in den Ruin. Nun verhelfen ihm die Menschen hier aus der Insolvenz zurück zum Erfolg.
© Marco Prosch/Getty Images

Matthias Reim im November 2011
Vielleicht hat Matthias Reim hier auch mal ein Haus besessen; im Erzgebirge, wo er an diesem Tag auftritt. Er weiß es nicht. Er weiß nur, dass es viele Immobilien waren, die ihm gehörten: In Leipzig stehen sie, in Gera, wohl auch in Hoyerswerda. Reim hat keine davon je gesehen, nicht die Imbissbude, die er besaß, ganz zu schweigen von dem Dachdeckergeschäft. Es war sein Manager, der das Geld investierte, vor allem im Osten Deutschlands, und der ein riesiges Vermögen in rund 14 Millionen Euro Schulden verwandelte.
Nach Reims Pleite wollte kaum einer mehr seine Musik hören, diese Mischung aus Schlager, Rock und Discofox; nicht in Hessen, wo er aufgewachsen ist, nicht am Bodensee, wo er jetzt wohnt, und nicht einmal auf Mallorca, seinem zwischenzeitlichen Exil.
Wie so einige Menschen, die in den Jahren gleich nach der Wiedervereinigung das große Geschäft im Osten witterten, hat sich Reim ruiniert in den neuen Ländern – doch er hat sich ebendort auch zurück aus der Insolvenz gesungen. Der Künstler, der 1990 mit Verdammt, ich lieb ’ dich 16 Wochen lang auf Platz eins der Charts stand und somit das erfolgreichste Lied eines deutschen Sängers aller Zeiten veröffentlicht hatte, spielt nun regelmäßig in Kamenz, Erfurt oder Chemnitz-Klaffenbach. Im Jahr 2010 beispielsweise trat er an 21 Orten auf; und mit Ausnahme von Berlin-Tempelhof lagen alle in den neuen Ländern. »Der Osten hat es mir genommen«, sagt Reim, »und dann hat er es mir wiedergegeben.«
Es stellt sich die Frage, wie er das geschafft hat. Ist das Publikum hier leichter zu bespaßen, ist es dankbar für jeden Schlagersänger, der sich in der kleinsten Allzweckhalle die Ehre gibt? Eine erste Antwort darauf hat Matthias Reim 1998 bekommen. Statt Millionen Alben jährlich verkaufte er damals nur noch wenige Tausend. Er brauchte dringend einen neuen Vertrag und lud die Manager einer Plattenfirma nach Dresden ein. Ein großes Open-Air-Konzert wollte er hier geben. Tatsächlich jedoch verirrten sich weniger Menschen zu diesem Auftritt als Reim später Gläubiger hatte: zwölf.
Fast genauso viele Menschen stehen nun mit ihm auf der Bühne, als er an einem Juliwochenende im erzgebirgischen Schwarzenberg gastiert – vor 2.000 Fans, die Tickets für je 36 Euro gekauft haben. Es gibt hier ein Schloss, eine Waldbühne und im Nachbarort den »Beautysalon Mandy«. Die nächste Großstadt ist fast 50 Kilometer entfernt, und einer aus Reims Mannschaft scherzt hinter der Bühne mit einem Becher Bier in der Hand, er wolle hier lieber »nicht tot überm Zaun hängen«.
Anderntags beim Frühstück im Kurhotel Bad Schlema dudelt MDR 1 Radio Sachsen , der erfolgreichste sächsische Radiosender. Da laufen Oldies und Schlager und täglich auch Lieder von Matthias Reim. »Rein musikalisch hat er das Konzept von 1990 bis heute durchgezogen«, sagt Thomas Leonardi, der Musikchef des Senders. Und auch bei seinem Äußeren bemüht sich Matthias Reim seit mehr als 20 Jahren um Kontinuität: Seine Haare sind blondiert, er ist dünn und braun gebrannt. So kennt und erkennt man ihn in der sächsischen Provinz. »Das kann doch nicht wahr sein!«, ruft ihm ein Rentner vor dem Kurhotel zu. Der Matthias Reim! In Bad Schlema! »Im Erzgebirge treibst du dich rum?« Na klar, entgegnet Reim, er arbeite hier. Später wird er sagen: »Ich habe es mir mit vielen Auftritten erkämpft, in dieser Gegend so beliebt zu sein.« Sein Erfolg erzählt einiges über die Menschen in den neuen Ländern. Nicht nur, welche Musik sie mögen, sondern mehr noch: welche Typen sie schätzen.
Zur Jahrtausendwende, nach seiner Pleite, ging Matthias Reim auf Tour und sang mit Vorliebe Zeilen wie: »Ich bin doch sowieso für dich das Letzte, ich kann doch sowieso nicht tiefer fallen.« Das gefiel den Konzertbesuchern zwischen Rostock und Görlitz: dass da mal ein Westdeutscher kommt, der zu seinen Fehlern, zu seinem Versagen steht; der in Interviews erzählte, dass die Idee seines Managers, Ost-Immobilien zu hamstern, wahrlich nicht die klügste war.
Reims Biografie verläuft seltsam parallel zu der vieler Menschen, deren Leben um das Jahr 1989 gewendet wurde. Zu Beginn der neunziger Jahre: Große Euphorie, das Land feiert den Fall der Mauer, und Reim feiert zu Verdammt, ich lieb ’ dich . Wenige Jahre später: Ernüchterung. Im Osten steigen die Arbeitslosenzahlen, und Reim zehrt nur noch von dem, was er früher mal verdient hat. Er wohnt in Florida auf einem Hausboot, sein damaliger Manager regelt mit einer Generalvollmacht all das, worum er sich selbst nicht kümmern möchte.








... wünsche ich dennoch beruflichen Erfolg.
Auch wenn die Musikrichtung meiner Meinung nach abgestraft gehört.
Muss man auch nicht kennen, wenn man 1990 bedingt durch das soziale Umfeld oder das geringe Lebensalter nichts von der Popkultur mitbekommen hat.
Muss man auch nicht kennen, wenn man 1990 bedingt durch das soziale Umfeld oder das geringe Lebensalter nichts von der Popkultur mitbekommen hat.
der diesen Artikel-schreibene-Journalist, würde auch Insolventen Zahnärzten zustimmen, dass die letzte Gesundheitsreformen Schuld am Pleitedilemma sind. Hat doch das Einkommen nicht mehr gereicht, um die in (Raff-)Gier investierten VerlustGelder wieder einzuarbeiten. Bei Herrn Reim ist es nicht viel anders. Jetzt kann er froh sein, dass im Osten die Sehnsucht nach "Früher" seinem Comeback hilft. Dann viel Erfolg dabei.
Muss man auch nicht kennen, wenn man 1990 bedingt durch das soziale Umfeld oder das geringe Lebensalter nichts von der Popkultur mitbekommen hat.
... 1990 war ich noch gar nicht auf der Welt!
Danke Zeit für dieses Stück Kulturgeschichte. Man lernt nie aus!
... 1990 war ich noch gar nicht auf der Welt!
Danke Zeit für dieses Stück Kulturgeschichte. Man lernt nie aus!
die sich von ihren Steuersparmodellen in den Ruin treiben lassen.
Solche Aktion jetzt dem Standort der Fehlinvestition statt der "Unbedarftheit" des "Investors" anzulasten hat schon was.
Da könnte ich Mitleid mit dem Pfälzischen Fleischermeister haben, der nigerianische Rohdiamanten an der Hintertür kauft und dann Afrika die Schuld für soviel Blö..eit geben.
... 1990 war ich noch gar nicht auf der Welt!
Danke Zeit für dieses Stück Kulturgeschichte. Man lernt nie aus!
Liebe Frau Hähnig, ich kann Ihnen nicht folgen.
Wieso sind die neuen Länder für die Fehlinvestitionen seines Managers verantwortlich?
"[...] dudelt MDR 1 Radio Sachsen [...]"
"[...] und eben auch für den MDR schon Duette mit Inka Bause gesungen hat"....
Mich nerven, mit Verlaub, intolerante Texter, die wiederholt ihren pseuointellektuellen Geschmack über andere Geschmäcker erheben.
Ich bin aus dem Westen und liebe SWR4. Ebenso wie Arabella Kultschlager. Es ist genau, wie der Werbeslogen des zweiten Senders sagt: "Diese Texte versteht man". Als Musiker verbeuge ich mein Haupt vor den gut gemachten Arrangements, teils herrlich synkopiert, die zwar heute auch digital komponiert, in den 70ern aber sogar noch von real existierenden Musikern live eingespielt wurden.
Dahingegen kann ich weder Techno, Elektro, Gitarrengeschrammel noch aktuellen VIVA Hits irgendeine textuelle oder musikalische Größe abgewinnen, insbesondere da ich mir vorstellen kann, wie diese technisch zustande kommen.
Ich bitte darum, den eigenen Geschmack nicht immer über andere Geschmäcker zu erheben - insbesondere, wenn dies argumentativ nicht tiefer begründet werden kann.
Ihre Argumentation verstehe ich teils, doch mit Verlaub gab/gibt es gerade in der Gitarrenszene in den letzten Jahren eine Fülle an innovativen Bands und Projekten, die nichts mit Geschrammel zu tun haben. Die man vlt. vom Geschmack her nicht hören mag, weil sie entweder zu Metal-lastig oder zu jazzig sind, aber objektiv sehr kreative Werke vollbrachten. Hören Sie sich mal Bands/Künstler wie Dream Theater (am besten die 90er-Jahre), Guthrie Govan, Marco Sfogli, Animals as Leaders, Pat Methany, Hiromi Uehara (gut, Klavier/Keyboard) und viele mehr an! Technisch und kompositorisch teils auf höchstem Niveau. Ähnliches gilt für die Electro-Szene, die sich in den letzten Jahren auch sehr gemacht hat (Infected Mushroom, Younger Brother, Astrix,Yahel). Man muss etwas suchen, aber man findet kleine Perlen auch da, wo man sie vom bisherigen subjektiven Geschmack vlt. nicht vermutet hätte. Ich persönlich kann zum Beispiel den meisten Rappern und Hip Hoppern nichts abgewinnen, respektiere aber nicht selten deren Enthusiasmus und Kreativität für die Texte ohne ihnen vorzuwerfen, dass das Zustande kommen dieser nicht auf dem als persönlich gewerteten "richtigen" Weg basiert.
Ich liebe die unfreiwillige Komik mancher Anwesenden.
Erst ohne fundiertes Wissen einiges vermischen:
"Dahingegen kann ich weder Techno, Elektro, Gitarrengeschrammel noch aktuellen VIVA Hits irgendeine textuelle oder musikalische Größe abgewinnen"
Und dann aber gleich danach...
"Ich bitte darum, den eigenen Geschmack nicht immer über andere Geschmäcker zu erheben - insbesondere, wenn dies argumentativ nicht tiefer begründet werden kann."
Grossartig. :-)
Ihre Argumentation verstehe ich teils, doch mit Verlaub gab/gibt es gerade in der Gitarrenszene in den letzten Jahren eine Fülle an innovativen Bands und Projekten, die nichts mit Geschrammel zu tun haben. Die man vlt. vom Geschmack her nicht hören mag, weil sie entweder zu Metal-lastig oder zu jazzig sind, aber objektiv sehr kreative Werke vollbrachten. Hören Sie sich mal Bands/Künstler wie Dream Theater (am besten die 90er-Jahre), Guthrie Govan, Marco Sfogli, Animals as Leaders, Pat Methany, Hiromi Uehara (gut, Klavier/Keyboard) und viele mehr an! Technisch und kompositorisch teils auf höchstem Niveau. Ähnliches gilt für die Electro-Szene, die sich in den letzten Jahren auch sehr gemacht hat (Infected Mushroom, Younger Brother, Astrix,Yahel). Man muss etwas suchen, aber man findet kleine Perlen auch da, wo man sie vom bisherigen subjektiven Geschmack vlt. nicht vermutet hätte. Ich persönlich kann zum Beispiel den meisten Rappern und Hip Hoppern nichts abgewinnen, respektiere aber nicht selten deren Enthusiasmus und Kreativität für die Texte ohne ihnen vorzuwerfen, dass das Zustande kommen dieser nicht auf dem als persönlich gewerteten "richtigen" Weg basiert.
Ich liebe die unfreiwillige Komik mancher Anwesenden.
Erst ohne fundiertes Wissen einiges vermischen:
"Dahingegen kann ich weder Techno, Elektro, Gitarrengeschrammel noch aktuellen VIVA Hits irgendeine textuelle oder musikalische Größe abgewinnen"
Und dann aber gleich danach...
"Ich bitte darum, den eigenen Geschmack nicht immer über andere Geschmäcker zu erheben - insbesondere, wenn dies argumentativ nicht tiefer begründet werden kann."
Grossartig. :-)
Ihre Argumentation verstehe ich teils, doch mit Verlaub gab/gibt es gerade in der Gitarrenszene in den letzten Jahren eine Fülle an innovativen Bands und Projekten, die nichts mit Geschrammel zu tun haben. Die man vlt. vom Geschmack her nicht hören mag, weil sie entweder zu Metal-lastig oder zu jazzig sind, aber objektiv sehr kreative Werke vollbrachten. Hören Sie sich mal Bands/Künstler wie Dream Theater (am besten die 90er-Jahre), Guthrie Govan, Marco Sfogli, Animals as Leaders, Pat Methany, Hiromi Uehara (gut, Klavier/Keyboard) und viele mehr an! Technisch und kompositorisch teils auf höchstem Niveau. Ähnliches gilt für die Electro-Szene, die sich in den letzten Jahren auch sehr gemacht hat (Infected Mushroom, Younger Brother, Astrix,Yahel). Man muss etwas suchen, aber man findet kleine Perlen auch da, wo man sie vom bisherigen subjektiven Geschmack vlt. nicht vermutet hätte. Ich persönlich kann zum Beispiel den meisten Rappern und Hip Hoppern nichts abgewinnen, respektiere aber nicht selten deren Enthusiasmus und Kreativität für die Texte ohne ihnen vorzuwerfen, dass das Zustande kommen dieser nicht auf dem als persönlich gewerteten "richtigen" Weg basiert.
Sie haben recht.
Nichts gegen Künstler, die mit dem Plektrum ware Arpeggiofeuer entfachen können. Die hatte ich auch nicht gemeint. Mit "Geschrammel" meine ich wirklich Geschrammel. Zum Beispiel Titel wie z. B. das aktuelle "An Tagen wie diesen" oder ähnliche.
Sie haben recht.
Nichts gegen Künstler, die mit dem Plektrum ware Arpeggiofeuer entfachen können. Die hatte ich auch nicht gemeint. Mit "Geschrammel" meine ich wirklich Geschrammel. Zum Beispiel Titel wie z. B. das aktuelle "An Tagen wie diesen" oder ähnliche.
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