Erwin Riess nimmt in skurrilen Plots die Realität aufs Korn © Alexander Golser/Otto Müller Verlag

DIE ZEIT: Herr Riess, Sie sind ein mutiger Mann.

Erwin Riess: Wenn Sie es für mutig halten, dass ich die Dinge beim Namen nenne und ihnen auf den Grund gehe, dann ja. Aber bei einem Schriftsteller halte ich das für selbstverständlich.

ZEIT: Das meinte ich gar nicht. Sie touren mit Ihrem ketzerischen Kriminalroman Herr Groll im Schatten der Karawanken durch Kärnten. Ist das nicht gefährlich?

Riess: Nein, es ist nie etwas passiert. Im Gegenteil: Viele, die auf mich zukommen, freuen sich, dass endlich einer die Verhältnisse darstellt, wie sie sind, und nicht lange herumredet – noch dazu verpackt in einer wilden Kriminalgeschichte. Die wenigen, die das Buch krass ablehnen, sind nicht sehr mutig. Die schreiben böse Briefe oder rufen an. Aber bei Lesungen tauchen sie nie auf.

ZEIT: Das Buch liest sich wie eine Abrechnung mit Kärnten. Woher kommt dieser Hass?

Riess: Ich weiß gar nicht, ob es Hass ist. Ich war 1980/81 als Korrespondent für linke Zeitschriften wie konkret und Volksstimme in Polen. In diesen zwei Jahren habe ich das ganze Land bereist und überall die Spuren der Nazis gesehen und was sie angerichtet haben. Und dann kommt man nach Kärnten, in jenes Land, das einen weit überproportionalen Teil an Kriegsverbrechern gestellt hat, die nicht wie anderswo den Mund gehalten haben, sondern sich wie Sieger der Geschichte aufführen – bis heute. Da muss man doch etwas dagegen unternehmen, solange wir Demokratie haben und das möglich ist.

ZEIT: Mögen Sie eigentlich Ihre Wahlheimat?

Riess: Natürlich, ich kenne ja auch das andere Kärnten. Das sind Leute, vom Rechtsanwalt bis zum Tankwart, die schon immer gegen die Nazivergötterung und dieses Volksgemeinschaftsgetue waren. Meine Ablehnung der Verhältnisse ist ja nicht eine Ablehnung der Menschen.

ZEIT: Na ja, Ihr Alter Ego Groll bezeichnet die Kärntner als »letzte autochthone nationalsozialistische Volksgruppe«, und die Verehrung von Massenmördern sei »identitätsstiftender Teil des Deutschkärntnertums«. Das meinen Sie ernst?

Riess: Doch, das stimmt für einen großen Teil des Deutschkärntnertums tatsächlich. Die Landesregierung etwa fördert den Ankauf von Kärntner Trachtenanzügen für die Buben mit nicht geringen Beträgen. Es wird überhaupt sehr viel Geld für Volkstums- und Brauchtumsveranstaltungen ausgegeben – natürlich nicht für die slowenische Seite, sondern für die Deutschkärntner. Diese Traditionen kommen direkt aus dem Blut-und-Boden-Getue des Dritten Reichs. So eine direkte Verbindung gibt es nirgendwo sonst.

ZEIT: Hoffen Sie auf rasche Neuwahlen?

Riess: Ich fordere sie. Jeder vernünftige Mensch geht doch davon aus, dass es Neuwahlen geben muss, wenn fast die gesamte Regierungsmannschaft auf der Anklagebank sitzt.

ZEIT: Landeshauptmann Dörfler wurde bis jetzt noch nicht angeklagt.

Riess: Das stimmt nur insofern, als ich weiß, dass schon eine Anklage gegen ihn vorbereitet wird. Zur Zeit der Parteispenden-Geschichte war er Parteikassier. Dass der von allem nichts gewusst hat, das glaubt er doch nicht einmal selbst.